Vom Bunker zum Server
Pionen-White Mountain, Stockholm/S

Ein zugegeben sehr spezieller Bestandsbau ist ein Bunker. Aber – man sollte es nicht meinen – es gibt mehr davon als man denkt. Albert France-Lanord Architects ermöglichten einem Internet-Provider, in einen unterirdischen Atombunker einzuziehen.

Es scheint – genauso wie bei Kirchen – in Mode gekommen zu sein, ehemalige Bunker umzunutzen und einem zeitgemäßen Zweck zu­zuführen. Zumeist mahnendes Überbleibsel des letzten Jahrhunderts, sind sie häufig so massive Monumente, dass ein Rückbau kaum mög­lich ist. Was also tun? Es gibt inzwischen mehrere Formen der Umnutzung, beispielsweise zu Wohnungen. Die Bau­­aufgabe, vor die France-Lanord Architects gestellt wurde, setzte jedoch noch einen obendrauf.

Ort

Eigentlich ein Baugrundstück, wie man es sich wünscht: 1 200 m² in Stockholm. Ein kleines, nicht ganz unwichtiges Detail dabei: Der Bauplatz befindet sich 30 m unter der Oberfläche des Vita Berg Parks.

In Schweden gibt es zahlreiche leerstehende Bunker, denn, wie Architekt France-Lanord berichtet, das Sicherheitsgefühl hat im Land oberste Priorität. Inzwischen überflüssig geworden, findet man die ehemaligen Sinnbilder der Sicherheit im Internet zum Verkauf angeboten. Wie einfach es ist, einen Bunker zu erwerben, beweist France-Lanord durch eine spontane Recherche im weltweiten Web, bei der er schon nach zwei Minuten ein verkäufliches Objekt nachweisen kann.

Der Bunker unter dem Park diente einst dem schwedischen Verteidigungsministerium zur Simulation eventueller Atomangriffe. Als abzusehen war, dass dieses Worst Case Szenario unwahrscheinlich ist, wurde in den 1990er Jahren Platz gemacht für andere Aktivitäten im Untergrund: In die Schutzräume von einst zog die gegenwärtige Kultur ein, in Form von Ausstellungen, Theater und Rave-Parties. Jetzt wurde der Bunker domestiziert: Ein Internet-Provider wählte diesen Ort, um dort Server- und Arbeitsräume unterzubringen sowie in unwirklicher Atmosphäre Gäste zu empfangen.

Konzept und Form

So etwas wie Denkmalschutz existierte für diesen historischen Bau nicht. Ein glücklicher Umstand, denn so konnten die Ideen frei umgesetzt werden. Ausgangspunkt der Idee, die France-Lanord bei der Gestaltung der Räume verfolgte, war die Vorstellung vom Felsen als lebenden Organismus. „Der Mensch kommt an diesen Ort als ein Fremder und bringt das Beste aus der Außenwelt mit: Licht, Wasser, Pflanzen und Technologie.“ In der Ausformung zeigt sich das in einem Wechselspiel der Dominanzen. Es gibt Räume, die klar vom Fels bestimmt werden und eine mystische Atmosphäre besitzen, daneben gibt es geometrische, helle Bereiche, in denen sich die Zivilisation durchgesetzt hat. „Der Raum hier wird nicht traditionell durch seine Oberflächen begrenzt, sondern es geht um die Gestaltung der Leere im Inneren einer Masse“, so France-Lanord.

Inspirationen für die Gestaltung fanden die Architekten unverkenn­bar in Sience-Fiction-Klassikern wie „Lautlos im Weltraum“ (1972) und diversen James-Bond-Filmen mit Set Designs von Ken Adams. Bei aller Gestaltung muss die Funktionalität gewährleistet bleiben. Die Frage, die sich jedem stellt, ist natürlich die nach der Belichtung. Wegen seiner anfänglichen Bedenken besichtigte Architekt France-Lanord den vorherigen Arbeitsplatz der Techniker: „Ich war ziemlich überrascht, sie hatten alle Fenster mit Pappen und Vorhängen verschlossen.“ Natürliches Licht war demnach unerwünscht – zum Glück. Ein Beleuchtungskonzept aus zwei Typen wurde eingesetzt: helles Licht in den Arbeitsbereichen und dramatische Lichtinszenierungen in den Konferenz- und Besucherräumen.

Kommandobrücke des Ganzen ist ein runder Konferenzraum, der oberhalb des Datenzentrums von der Decke abgehängt ist. Den Boden schmückt hierin ein Bild der Mondoberfläche. Ein kreisrundes, verglastes Loch ermöglicht einen Blick in die darunterliegende Technik. Die Idee dazu wurde sozusagen aus der Not geboren. Der Serverraum benötigt eine stabile Temperatur und Feuchtigkeit, weshalb der Zutritt nur den Technikern gestattet ist. Der Konferenzraum an der Decke des Datenzentrums erlaubt Besuchern nun einen Blick über die Technik, ohne das Raumklima zu beeinträchtigen.

Konstruktion

Erste Schwierigkeit zu Beginn der Planungen war die Erstellung von Bestandsplänen. Wie soll man die Einbauten planen, wenn die Kanten nicht genau definiert sind? Bei einer rohen Felsoberfläche und keiner einzigen geraden Linie fällt das Zeichnen schwer. Also wurde vorab ein 3D-Scan der „Höhle“ gemacht, auf dessen Grundlage die Zeichnungen basieren. Ein Team von geotechnischen Ingenieuren machte eine genaue Analyse des umgebenden Gesteins, um die Stabilität und die Feuchte zu prüfen. Allein um den Konferenzraum von der Decke abhängen zu können, wurden zwei Meter lange Bolzen im darüberliegenden Fels verankert – kein Wunder also die Notwendigkeit der genauen Prüfung. Um die Räume für die Unterbringung des Programms zu erweitern, musste der Granit weggesprengt werden. Im Bereich des Datenzentrums wurden 80 cm des kompletten Felsbodens entfernt, um die technischen Einbauten realisieren zu können. Nicht zu vergessen, die einen Meter dicken Betonwände der ehemaligen Schutzräume, die der neuen Nutzung im Wege waren. „Abenteuerlich“, sagt selbst Architekt France-Lanord zu den Sprengungen. Um ebene Untergründe zu erhalten und Türen oder Glasabtrennungen einbauen zu können, wurde in diesen Bereichen Übergänge aus Ortbeton geschaffen.

Im Gebrauch

Laut Architekt France-Lanord ist die Umwandlung von historischer Schwere hin zu filigraner Technologie geglückt, sind doch die klassischen Notwendigkeiten eines Büros berücksichtigt und sorgen für einen reibungslosen Ablauf. 15 Personen arbeiten ständig im Bunker und sind sehr zufrieden und sogar stolz auf ihren Arbeitsplatz.

Auch Albert France-Lanord ist glücklich mit seinem Werk, denn das Projekt konnte so gut wie ohne Kompromisse im Design umgesetzt werden – dank enger Zusammenarbeit mit dem Bauherrn. Schade nur, dass der geplante Eingang (siehe Zeichnung) den gestrengen Augen der Stockholmer Bauaufsicht zum Opfer fiel. Aber France-Lanord ist sich sicher: „Eines Tages werden wir ihn bauen.“

Ein sicher nicht alltäglicher, aber dabei inspirierender Umgang mit dem Thema Bauen im Bestand. Einziges Manko dabei: Klaustrophobiker können bei dieser Firma definitiv nicht arbeiten. SG

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