Tunnelblicke schaden nur
In Stuttgart manifestiert sich eine Grundunzufriedenheit; auch am Bauen

Die Bilder aus Stuttgart sind häßlich. Weit ab jeder simulierten Darstellung von sonnenlichtdurchfluteter Bahnhofszukunft prügeln sich Polizisten mit Bürgern; Wasserwerfer, verlässliche Beigabe jeder Straßenschlacht, ätzende Substanzen in den Spraypistolen und Unnachgibigkeit im auf abwesend geschalteten Polizistenblick entstammen nicht der Pflegegarnitur für eine lebensfähige Bürgergesellschaft. Der Widerstand der zig-Tausenden gegen Stuttgart 21 ist vielfach motiviert, insgesamt geht es wohl gegen eine Haltung, die durchdrungen ist von der Gewissheit, allein Größe reiche aus, um in Zukunft bestehen zu können. Und irgendwie geht es auch gegen die Namenlosen, die dezent ganz hinten stehen: Baufirmen, Hersteller, Grundstücksmakler, Investoren aller Sorten und Nationalitäten. Wo Milliarden ausgegeben werden sollen, will niemand zurückstehen.

Die gefällten Bäume? Der heilige Bonatz-Südflügel? Sollen sie fallen; die einen kann man für die über­nächsten Generationen heute neu pflanzen, die historische, gar die ästhetische Bedeutung des Süd- oder Nordflügels oder sonstiger Bauteile wird ganz klar überschätzt. Vielleicht bekommen die Stuttgarter aber das hin, was die Berliner nicht schafften: ein Moratorium. Um über einen modernen Kopfbahnhof UND ein neues Stadtviertel nachzudenken, das nicht den Anschein erweckt, allein für die oberen Zehntausend der Republik geplant worden zu sein. Der Tunnelblick auf beiden Seiten ist erschreckend, auch das ein Grund, mit klarem Kopf „oben zu bleiben“. Be. K.


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