Supertecture: Robin-Hood-Architektur

Till Gröner ist erst Mitte 30, hat aber bereits Schulen und Krankenstationen im Kongo, Mauretanien, Burkina Faso und Ruanda gebaut. Nach seinem Architekturstudium an der Beuth-Hochschule in Berlin war er bei dem Verein Grünhelme e.V. tätig. Nach zehn Jahren entschied er sich ein neues Konzept für die bauliche Entwicklungshilfe anzuleiten und gründete 2018 seine eigene, etwas andere Hilfsorganisation: supertecture.

Till, wie kamst du auf supertecture?

Till: supertecture ist aus einem Zufall an Projekten im afrikanischen und asiatischen Kontext heraus entstanden, an denen ich beteiligt war. Zum Beispiel habe ich an der ersten Kirchenmoschee der Welt mitgearbeitet oder an einem Projekt mit Francis Kéré, zu dessen Grundsteinlegung bereits Horst Köhler erschien. An solchen Projekten merkte ich, welche Kraft das Thema Hausbauen entwickeln kann, wenn es die richtige Aufmerksamkeit bekommt. Diese Kraft wollte ich in Krisengebieten und Armutsregionen einsetzen – wusste aber auch gleich, dass es gerade dort sehr schwierig ist soziale Projekte zu finanzieren.

So kam ich auf die Idee Architektur als Vehikel zu sehen, dass sich selbst ermöglicht. Das heißt, ich baue keinen pragmatischen Schuhkarton, sondern schöne Architektur, die sich auf diesem Weg selbst erfüllt. Das oberste Ziel ist die soziale Arbeit. Das heißt, ich baue zusammen mit den Menschen vor Ort soziale Einrichtungen.

Ein Beispiel wäre …?

Wir haben zum Beispiel einen Klassenraum mit einer Rutsche drin gebaut. Nicht gerade eine Priorität für einen solchen Raum. Und dann kam eine Delegation deutscher Stifter zur Eröffnung des Schulgebäudes und fand die Rutsche irre. Wir wurden gefragt, ob wir das Konzept noch ausbauen könnten und bekamen dafür 5.000 € auf die Hand.

Wir sehen uns als Robin Hood – wir wollen den Leuten das Geld aus den Taschen ziehen, damit sie unsere soziale Arbeit finanzieren.

Was ist mit dem Schritt davor? Wie bekommt ihr das Baumaterial?

Einmal kamen wir in ein Gebiet, auf dem über 800 000 Ruinen aus Ziegelsteinen standen. Wir fragten die Dorfgemeinschaft, der diese Ziegelhäuser gehörten, ob wir die Ziegel abtragen dürften, um ein neues Haus daraus zu bauen. Zunächst sagten sie nein, was nachvollziehbar ist, denn wer gibt schon einfach sein Eigentum her?! Wir blieben naiv und stur, fragten weiter, erklärten unsere Idee für das neue – ihr Haus, dass wir mit ihnen bauen wollten. Und dann entstand so etwas, wie eine materialisierte Solidarität in der gesamten Region, die wir sowieso, aber auch die Menschen vor Ort nicht für möglich gehalten haben. Am Ende hatten wir Truckerladungen voll mit Ziegelsteinen. Heute ist das Haus für den Wienerberger Brick Award nominiert, obwohl es ein einfacher Klassenraum mit Satteldach ist. Aber die Entstehungsgeschichte – die ist gigantisch. Wenn diese Nominierung der Schule wieder zu mehr Popularität verhilft, entsteht daraus eventuell wieder eine Finanzierung, die dem Dorf weiterhilft.

In welcher Rolle siehst du dich selbst darin?

Ich bin nicht derjenige, der dafür sorgt, dass die Menschen Schaufeln bekommen, um gute Landwirtschaft zu betreiben. Durch meine Möglichkeiten durfte ich die ganze Welt sehen und somit bin ich dazu da die Menschen kreativ zu beraten. Ihnen Möglichkeiten, Ideen zu zeigen. Vor allem nachhaltige Ideen. Natürlich kann ich denen einen Traktor bringen, damit sie noch besser Nahrung anbauen können, aber die eigentliche Devise lautet: Ketten zu sprengen, um mit den Menschen vor Ort kreativ nachdenken zu können.

An was arbeitet ihr aktuell?

Wir haben zwei Projektstandorte: einmal in Nepal und einmal in Tansania. Wir wollen nicht mehrere kleine Fähnchen stecken, sondern unsere Standorte stabilisieren.

In Nepal bauen wir zurzeit an einem Hotel, das Ende diesen Jahres eröffnet werden soll. Dann wird sich zeigen, ob sich unser Konzept überhaupt trägt. Das Potential streitet uns keiner ab, aber wir sind eben keine Hoteliers und wollen aber ein Hotel eröffnen und damit die Menschen mitnehmen. Den Menschen wieder eine neue Vertrauensebene geben, in dem wir zusammen dieses Ziegelhaus bauen, was ich eben erwähnt habe. Und dann kommt eine Teamkollegin und baut ein Plastikhaus. Sammelt also wie wild altes Plastik und die Dorfbewohner tragen Plastik auf unsere Baustelle. Und der Schuldirektor denkt: „Mein Gott, jetzt haben wir die Schule gebaut, aber jetzt reicht es wirklich.“ Der gleiche Schuldirektor steht heute vor Delegationen und sagt stolz: „Ja, wir bauen hier mit Plastik.“ Und das sind solche Vertrauensschritte, die zunehmen. Das Hotel ist das entscheidende Projekt, weil wir vorhaben es nach Fertigstellung der Dorfgemeinschaft komplett zu übergeben, so dass sie die Chance hat es wirtschaftlich zu entwickeln.

Welche Einstellung und Überzeugung steckt hinter supertecture?

Wir wissen alle, dass die Möglichkeiten und Vorgaben gerahmt sind, wenn ich in der Bauindustrie arbeite. Das heißt, ich muss mich nicht mit der Komplexität eines deutschen Industriebaus auseinandersetzen. Wir machen es möglich, dass sich junge Leute vom Entwurf in die praktische Umsetzung reintrauen dürfen in einem begrenzten Rahmen. Mein Coming-Out hatte ich in Ruanda mit einem Projekt, das aus fünf verschiedenen Stahlprofilen gebaut werden musste, die es dort eben gab. Diese Situation zeigte mir, dass wir damals alles aus diesen fünf Stahlprofilen bauen konnten. Diese Rückkopplung von der Theorie, meiner Planung zum Bau wird durch solche Projekte ermöglicht. supertecture ist ein überfakultäres, unabhängiges Instrument für Studenten, aller Universitäten der Welt. Und da ist der Zulauf enorm.

Wir möchten dem jungen Architekten schon die Design-Ownership anbieten, wobei die Lösungen immer aus einem Team heraus entstehen. Wir wollen nicht architektonische Ideen exportieren. Die Langfristigkeit der Projekte und das Forschen mit den Leuten vor Ort sind uns ganz wichtig: Wir gehen also mit den Leuten sechs Monate raus und bauen mit ihnen einen ganz kleinen Raum. Das heißt, wir können überall mit dem weißen Blatt hingehen und schauen, was es bereits gibt. Das folgende Forschen passiert miteinander, was dazu führt, dass wir Architekturen entwerfen, deren Umsetzung niemand beherrscht – weder die Menschen vor Ort, noch wir. Und dadurch müssen wir es gemeinsam lernen.

Was erwartet ihr von neuen Bewerbern?

Sie müssen bereit sein für ein halbes Jahr ihren gewohnten Alltag zu verlassen. Man wird nicht bezahlt oder bekommt Credits angerechnet, deine Motivation sollte eindeutig auf anderen Gründen beruhen. Dann schicken wir sie in extreme Situationen: klimatische, kulturelle, teambildende, bautechnische Herausforderungen, das ist zusammen schon ein ordentliches Paket, das man schaffen muss, will, … Wer das mitbringt, hat die halbe Miete.

Was erwartet neue Teammitglieder konkret an Aufgaben?

Es gibt eine Sechstagewoche – klingt jetzt strenger als es tatsächlich ist … Man ist Bauleiter, Bauarbeiter, Planer, man ist derjenige, der die Leute einstellt und bezahlt, man kümmert sich auch um die Genossenschaft und den kirchlichen Partner. Wir forschen, kaufen ein, suchen aus, organisieren … In dem jeweiligen Team, das vor Ort mit den einheimischen Menschen arbeitet, hat jeder seine Aufgaben, trägt Verantwortung und organisiert das üppige Programm. In Nepal bauen wir zum Beispiel gerade unsere eigene rustikale Unterkunft. Wir haben einen Koch eingestellt, der alle Bauarbeiter bekocht, wobei dann auch unser Essen herausspringt. In Nepal haben wir keine Partner, die zwischen den Nepalesen und uns stehen – wir sind ein Teil der nepalesischen Bevölkerung: Wir feiern Hochzeiten, Beerdigungen, Wochenenden – wir gehören dazu. In Tansania bauen wir für die katholische Kirche, die von der Regierung ein riesiges Gebiet von ca. 30 ha Land bekommen hat mit dem Auftrag dort soziale Arbeit zu machen. Das haben sie in den letzten 30 Jahren nicht geschafft und da wir befreundet sind, kamen wir für diese Aufgabe ins Gespräch und bauen dort ein gemeinnütziges Hotel.

Arbeitet man häufig mit der Kirche zusammen, wenn man soziale Projekte angeht?

Viele, die sich baulich in Afrika engagieren, werden immer auf die Kirche stoßen, weil das eben die Institution ist, die seit gut 100 Jahren dort sozial aktiv ist. Die haben natürlich ihren Charakter, aber sie überdauern fragile politische Systeme und stehen für christliche Werte, unterstützen soziale Projekte und sind deswegen von vielen die Partner. Ich habe schon in vielen afrikanischen Ländern mit der Kirche gearbeitet.

Was macht für dich den Reiz aus sozial kreativ zu entwerfen und zu bauen?

Das Beste ist das Gefühl, das ich für meine Mitstreiter habe. Die Familie, die entsteht, wenn ich mit den jungen Leuten zusammenarbeite. Die Begeisterung der jungen Menschen – egal wo – und der Wille etwas mitgestalten zu wollen. Das ist für mich bis heute und immer wieder neu ein Wunder. Wir nennen uns auch selber supertecture family. Alle, die mal aktiv mitgearbeitet haben, bleiben weiterhin ein Teil davon, auch wenn sie schon längst wieder weitergezogen sind. Man ist nicht bei supertecture, sondern man ist supertecture.

Das Interview führten Mariella Schlüter und Nadine Schimmelpfennig, DBZ Redaktion

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