Standpunkt III
Katharina Bayer und David Klemmer zum Thema „Fassade“

Eine Fassade muss nicht zwangsläufig vertikal sein. Aber welche Konstruktionstechniken gibt es, wenn man jenseits der 90°-Winkel entwirft? Katharina Bayer und David Klemmer untersuchten in ihrer Studienarbeit während eines Auslandssemesters in den Niederlanden neue Möglichkeiten des klassischen Holzbaus. Die Idee zur Form kam bei der Betrachtung von Holzzellen unter dem Mikroskop. Die kleinsten Bestandteile dienten dabei dem großen Ganzen als Vorbild.

Ihr Projekt ist eine Studie zu neuen Formen und Konstruktionstechniken des Holzbaus. Bitte erläutern Sie kurz die Intention Ihrer Arbeit und das Konzept des Entwurfs.

Holz ist ein traditionsreicher Baustoff, dessen zahlreiche Facetten sich auch in der modernen Formensprache der Architektur widerspiegeln. Innovative Technologien, wie die des Kreuzlagenholzes (KLH) erlauben neue Raumkonzepte und moderne Fassadenstudien. Nicht zuletzt der ökologische Grundgedanke bildet ein Bindeglied dieser Elemente und spricht aktuelle Themen im Bereich der Raum schaffenden Architektur an. Unser Entwurf ist ein non-urbanes Beispiel eines einfachen Wohnhauses, welches den Kontakt mit der Umgebung sucht und sich durch eine neue transparente Formensprache mit der Natur identifiziert.

Aufgrund der verglasten Stirnseiten Ihres Gebäudes sind Aus-, aber auch Einblicke jederzeit möglich. Hat die völlige Transparenz von Gebäudehüllen Konsequenzen auf das Verhalten, sowohl der Bewohner als auch der Umgebung?

Wir denken, hier spielt vor allem die kulturelle Komponente eine zentrale Rolle. Durch unser Auslandsstudium in den Niederlanden lernten wir eine ganz andere soziale Einstellung gegenüber offener Architektur kennen. Transparente Fassaden – Angriffsflächen für Interesse, Aufmerksamkeit und Neugierde – werden in anderen Kulturkreisen zu einer alltäglichen Selbstverständlichkeit. Weiterhin spielen die Situierung wie auch Beziehungen zu anderen Baukörpern eine wichtige Rolle im Umgang mit einer solch offenen Architektur. Gläserne Fassaden verlangen daher ein sensibles Eingreifen in bestehende Strukturen und örtliche Gegebenheiten. Eine gegenseitige Beeinflussung von innen und außen kann jedoch gerade im öffentlichen Bau sehr wohl ein wünschenswerter Parameter sein, wenn es darum geht, Gebäude attraktiv und einladend zu gestalten. Uns ist es wichtig, dass sich sowohl der Nutzer als auch die Umgebung stets mit einem Gebäude identifizieren können.

Welche Rolle spielt für Sie die Fassade beim Entwerfen? Sollte sie von innen heraus entwickelt werden oder sich an den urbanen Kontext anpassen?

Die Fassade als gestalterisches Element ist mitunter eines der wichtigsten Instrumente zur Verkörperung von Gebäudefunktionen. Sie gibt uns Auskunft über den Inhalt eines Gebäudes und in welcher Beziehung wir zu ihm stehen. Sowohl eine Entwicklung von innen als auch die Anpassung an den urbanen Kontext, seien es kulturelle, soziale, gestalterische oder städtebauliche Funktionen, müssen gleichermaßen eine Berücksichtigung finden. Für uns gibt es in diesem Sinne keine vordefinierten Fassaden. Jedes Projekt bedarf einer eigenständigen Hinterfragung der gegebenen Situation und dessen Einflussnahme auf das Gebäude selbst. Im Vordergrund steht immer der Mensch für sich mit seinen Bedürfnissen und Anforderungen, an die sich ein Gebäude anpassen sollte. In diesem Sinne erfolgt eine Entwicklung der Fassade in beide Richtungen gleichermaßen.

Die Fassade der Zukunft, wie könnte die Ihrer Meinung nach aussehen?

Wandelbare, funktionelle Fassaden sind hier wohl ein zentrales Stichwort. Die Fassade ist längst mehr als nur eine raumschaffende Hülle. Sie ist Bindeglied zwischen Gebäude und unmittelbarer Umgebung und entwickelt sich immer mehr auch zum Vermittler zwischen Kulturen, zu sehen am Beispiel des Pekinger Nationalstadions von Herzog & de Meuron. Darüber hinaus wird die Fassade auch zu einem festen Bestandteil der Gebäudetechnik und übernimmt Funktionen von der automatischen Belichtung bis hin zur Klimatisierung. Individuelle und beleuchtbare Fassaden beeinflussen als Informationsträger sogar die unmittelbare Umgebung. Diese Gebäudehüllen sind in Kombination mit aufregenden Materialien eine neue Form der Kommunikation, die das Fassadendesign der Zukunft prägen könnte.

Projektdaten:

Hochschule: FH Joanneum, Graz/A

Fach: Seminar Objektkonzeption/Entwerfen2 an der Partneruniversität Inholland Hogeschool, Haarlem/NL

Leitung: Dipl.-Ing. Marion Alexandra Würz-Stalder

Arch. Dipl.-Ing. Christian Becker, Partneruniversität/NL

Bearbeiter: Katharina Bayer und David Klemmer

Bearbeitung: SS 2008

Zum Thema:

www.fh-joanneum.at

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