Sorge tragen für die Ressourcen
der Erde

DBZ Heftpartner Dr. Jörg Heiler und Peter Geiger, heilergeiger architekten und stadtplaner BDA, Kempten

Der Klimawandel und die Endlichkeit der Ressourcen stehen uns auf den Füßen. Hier und jetzt. So wie wir in der „westlichen Welt“ leben, wirtschaften und bauen, benötigen wir fast zwei Erden. Wenn wir so weitermachen, drei. Wir haben aber nur die Eine!

Nachhaltiges und zirkuläres Bauen hat die Arbeit unseres Büros schon immer geprägt. Jetzt und in Zukunft ist das eine der existenziellen Aufgaben. Wir sehen da jedoch nicht nur eine Verantwortung für uns ArchitektInnen, sondern auch eine große Chance, gerade für die neue Generation. Ein Aphorismus des großen Luigi Snozzi hatte hier schon vor Jahren den Finger in die Wunde gelegt: „Welche Energieverschwendung, welch ein Aufwand, um zu lüften, zu heizen, zu beleuchten ... wenn ein Fenster genügt!“ (Luigi Snozzi. 25 Aphorismen. Bibliothek Werner Oechslin, Einsiedeln / Schwab Verlag, Basel 2013)

Snozzi stellt die Frage nach den einfachen Mitteln in der Architektur für die grundsätzlichen Bedürfnisse des Menschen. Er kann jedoch auch als Kritiker an den Methoden des übertechnisierten Bauens und des „Anything goes“ verstanden werden. Wir bauen verschwenderisch. Und wir greifen nicht nur durch unseren Konsum und unsere Mobilität in das Klima und in ökologische Systeme ein, sondern natürlich auch dadurch, wie wir bauen. Und das hat Konsequenzen.

Akzeptieren wir die Krise unseres Planeten als „New normal“, wie Benjamin Bratton es nennt, oder schaffen wir hier eine radikale Veränderung und finden wir neue Wege? Wir meinen, da sind wir als ArchitektInnen und IngenieurInnen gefragt. Das Bauwesen hat hier eine besondere Verantwortung, denn kaum sonst werden so viele Ressourcen verbraucht und so große Energieströme freigesetzt. Wie also nachhaltig entwerfen und bauen?

Für heilergeiger bedeutet das, Sorge zu tragen (zur Begrifflichkeit des „Sorgetragens“ s. Critical Care. Architecture and Urbanism for a Broken Planet. Hrsg. v. A. Fitz, E. Krasny und dem AzW. MIT Press, New York 2019). Für das Klima und Ressourcen, aber auch für den Ort, für das, was schon da ist, auch für das Zerstörte. Es heißt, mit dem Vorhandenen auszukommen. Es zu pflegen und zu reparieren. Damit kreativ zu arbeiten. Neue Räume daraus zu entwickeln und ihnen Gestalt zu geben.

Es gibt hier auch andere Positionen, wie die, die ökologische Krise rein technisch-zentriert und fortschrittsfixiert zu lösen oder die gegensätzliche des totalen Verzichts. Sorge tragen ist ein anderer Weg, kein Nice-to-have, aber er bietet dazu Perspektive und Potential für uns ArchitektInnen und gerade für unsere Gesellschaft. Sorge zu tragen ermöglicht, ein ökologisch verantwortliches, ein neues Zukunftsbild mitzugestalten. Eines, das die Menschen motiviert und das gleichzeitig für sie vorstellbar ist. Bei dem durch Architektur ein sorgsamer Umgang mit den Ressourcen unserer Erde wirklichkeitsnah am eigenen Leib und im Alltag als Lebensqualität erfahrbar wird. Nicht als materieller Verzicht, sondern als räumlicher Gewinn.

Das macht deutlich, dass ökologischer Wandel Ideen und Krea­tivität braucht. Verbunden mit ganzheitlichem Denken und dem Vermögen von Architektur, komplexe Aufgaben im gelebten Raum zu vereinen. Wir sind hier Impulsgeber und unsere Entwürfe und die daraus entstehenden Räume können Katalysatoren für ein Umdenken sein. Entscheidend dabei ist die Qualität der Architektur und des Bauens. Denn gute Qualität hält länger, wird wertgeschätzt und deswegen erhalten. Qualität können wir ArchitektInnen aber nur erarbeiten, wenn wir auch Sorge für unsere eigene Existenz tragen. Das sind zwei Seiten einer Medaille für nachhaltiges Entwerfen, Planen und Bauen – damit diese eine Erde genügt.

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