Städtebau 4.0

Sonnenhof, Jena

Am Sonnenhof in Jena von Jürgen Mayer H. begeistert mich die eigenständige Formensprache der Architektur, die sich in das historische Zentrum der Stadt gut einfügt. Darüberhinaus ist es ein ambitioniertes Genossenschaftsprojekt, das neben Gewerbeflächen auch Mietwohnungen für Normalverdiener bietet.

DBZ Heftpate Eike Becker

Dass innerstädtischer Wohnungsbau in Kombination mit Gewerbe- und Büronutzung auch jenseits der eingetretenen Pfade von Blockrandbebauung und Rekonstruktion geht, beweist die kleinteilige Bebauung des Sonnenhofs in Jena.

„Wir wollten auf Jenas letztem unbebauten innerstädtischen Grundstück in 1A Lage ein starkes Zeichen setzen, sprich nicht die gleiche orthogonale Architektur aus Stahl und Glas, die man quasi überall findet.“ So beschreibt Karl-Heinz Kalke, der damalige Technische Leiter der Wohnungsgenossenschaft „Carl Zeiss“ eG, den Beginn eines der in Deutschland wohl ungewöhnlichsten Wohn-, Büro- und Gewerbeprojekte der letzten Jahre. Es gelang ihm, seinen Vorstand für die Architektur J.Mayer H.s zu begeistern, den man folglich für eine architektonische Studie beauftragte. Seit 2007 war die Wohnungsgenossenschaft im Besitz der circa 85 x 60 m großen Brache am Holzmarkt – dem historischen Zentrum Jenas – direkt an der Grenze der mittelalterlichen Altstadt zur gründerzeitlichen Stadterweiterung. Zu dem Grundstück gehört auch das zweitälteste Bauwerk Jenas, der Gasthof „Zur Sonne“ von 1370. Beide Bauvorhaben ging man zeitgleich an. Während der Altbau denkmalgerecht saniert wurde, plante J.Mayer H. in dessen Hinterhof die dialektische Entsprechung: Mittelalter trifft auf 21. Jahrhundert – den Weg der Rekonstruktion lehnte der Bauherr bewusst ab.

Städtebau 4.0

Durchgänge und -blicke sowie die Zirkulation und Kommunikation in und über einen zentralen Hof neu zu schaffen und mit dem städtebaulichen Kontext zu verschmelzen, wurde eines der zentralen Themen des architektonischen Entwurfs. Heute führt wieder der direkte Weg vom Bahnhof Jena Paradies zum städtischen Zentrum durch den Sonnenhof. Jürgen Mayer H. erläutert seinen städtebaulichen Ansatz: „Unsere Studie kam beim Bauherrn sehr gut an, weil wir den Ort gründlich analysiert hatten, z. B. bezüglich der kleinteiligen historischen Bebauung bewusste Hochpunkte entlang des Boulevards aus dem 19. Jahrhundert gesetzt hatten und einen durchgängigen halböffentlichen Platz in der Mitte schufen.“

Mit Hilfe erster Massenmodelle tastete man sich an die städtebaulichen Gegebenheiten heran. Als Faustformel galt, je kleinteiliger die Bebauung wurde, um so besser erfüllte sie ihre vom Bauherrn geforderten multiplen Aufgaben. Pragmatisch fügte J.Mayer H. seine Neubauten – der Architekt spricht von „Bausteinen“ – an und um die Brandwände der Nachbarbebauung und glich sie höhenmäßig an. Insgesamt realisierte man auf der das Grundstück komplett ausfüllenden Tiefgarage und den Technikräumen vier oberirdische vier- bis sechsgeschossige Baukörper mit insgesamt 6 000 m² Nutzfläche.

Außer dem Bürogebäude, das von der Wohnungsgenossenschaft selbst als Verwaltung genutzt wird, befinden sich im Erdgeschoss Ladenflächen. In den darüber liegenden Geschossen sind 29 Wohnungen von 60 bis 120 m² Größe angeordnet. Die Grundrisse der Wohnungen und des Bürobaus reflektieren die polygonalen Außenwände und Dächer. Trotz der teils schrägen Zuschnitte sind vielfältig nutzbare Flächen entstanden.

Herausforderungen

Eine Besonderheit bei der Gründung war, dass längs des Bauplatzes die Überreste der mittelalterlichen Stadtmauer verlaufen, was archäologische Grabungen mit sich brachte. Ebenso mussten Nachbarbauten mittels Hochdruckinjektion–Unterfangungen und der große Baumbestand mit Hilfe von Baugrubenverbau gegen drückendes Wasser gesichert werden. Das gesamte Baufeld weist aus ökologischen Gründen mehrere Durchflussfenster auf. Die Gebäudeabdichtung selbst besteht aus einer Kombination von Weißer Wanne und Frischbetonverbundfolie. Großbohrpfähle sichern die nicht überbauten Teile der Tiefgarage gegen Auftrieb.

Eine weitere besondere Herausforderung, die während der Bauzeit von 2008 bis 2014 auftrat, war die Abfederung der Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise. Trotz mehrerer „Einsparrunden“ im Budget sind diese heute am Projekt nicht mehr ersichtlich. So gelang es den für das Projekt charakteristischen optischen Gesamteindruck, die farblich-funktionale Verschmelzung von vertikalen und diagonalen Fassadenflächen mit den schrägen Dachansätzen, zu erhalten. Die lichtgrau verputzten Wärmedämmverbund-systemfassaden gehen fast nahtlos in die PU-Dächer über. Störende Details wie z.B. Entwässerungsrinnen und -abläufe und sonstige klimatechnische Anlagen sind dem Auge des Betrachters entzogen. Nichts stört das in sich geschlossene bzw. aufeinander bezogene Konzept der Flächen und Farben.

Grafik und Architektur

Die Zonierung und farblich-funktionale Abset-zung der Fassaden hat Vorläufer im Oeuvre von J.Mayer H., z. B. in der Karlsruher Mensa, wo als gestalterisches Element große Diagonalen wie auch polygonale Fensterfelder auftreten. Im Fall des Sonnenhofs sind die „Flecken“ kleiner und klappen auch von der Fassade auf den Boden, wo sie als „Schatten“ weiterlaufen und teils in dreidimensionalen Pflanzbeeten (diese dienen gleichzeitig der natürlichen Entlüftung der darunter befindlichen Tiefgarage) oder gar schrägstehenden, vertikalen Leuchten enden.

Kontrastreich, fast expressionistisch mit einer starken Analogie zur Filmarchitektur eines „Das Kabinett des Dr. Caligari“, mutet J.Mayer H.s Bauensemble für Jenas Mitte an. Gegeneinander verdrehte, abgeschnittene und abgefaste Baukörper stehen in teils engen wie ungewöhnlichen Winkeln zueinander. Gründe dafür waren weniger rein ästhetischer Natur, als dass sie sich aus den baurechtlichen Auflagen und Anforderungen z. B. für Abstandsflächen und Brandüberschlag, ergaben. Dieser polygonale Ansatz setzt sich auch in den Fassaden fort. Wobei die dunkelgrauen Fensterfelder leicht erhaben und, durch eine Schattenfuge abgesetzt, aus der lichtgrauen Putzfassade heraustreten. So entsteht ein steter Wechsel von zweidimensionalen Farbfeldern und dreidimensionalen Baukörpern. Vergleichbar mit alten Fachwerkhäusern treten optische Spannungsfelder mit einer ganz besonderen Dynamik auf.

Die Lichtplanung, insbesondere die der Außenbereiche, greift dieses Gestaltungsprinzip auf. Nirgends finden sich herkömmliche Beleuchtungskörper. Bei Dunkelheit scheint das Licht aus Kanten, Fugen und den Lichtstelen regelrecht zu fließen, wie die Schatten am Tag. Dennoch lässt das Beleuchtungskonzept die architektonisch vorgegebenen harten Farbkontraste des Sonnenhofs bei Dunkelheit in einem milderen Licht erstrahlen. J.Mayer H. ließ den Lichtplanern gestalterisch weitestgehend freie Hand. So gehen auch die schräggestellten Lichtstelen als vertikale Endpunkte der Schattenflecken auf das Konto von Lichttransfer.

Innen und Außen

Durch die wechselhafte Kubatur und Grafik der Architektur changieren die Empfindungen von innen und außen. Auch aus der Perspektive der Wohnungen ergeben sich vielfache Blickrichtungen und -fluchten, die teils überraschende Einsichten gewährt. Wobei J.Mayer H. nur den Innenausbau der Büroetagen für die Wohnungsgenossenschaft „Carl Zeiss“ eG entwarf. Seine Handschrift ist schon in der Eingangshalle eindeutig zu erkennen. Besuchertresen einschließlich der dahinter gelegenen Treppe reflektieren die kubische Eleganz, die das gesamte Bauvorhaben durchzieht. Voll integrierte Kühldecken, ein schwarzer nahtloser Bitumenbodenbelag, offene Kommunikationsbereiche und selbst die Büromöbelhersteller glichen ihre Objekte der vorherrschenden Architektursprache an.

Rezeption der Architektur

Wie seine Architektur in der Bevölkerung und später bei den Nutzern ankam, spürten J.Mayer H. und die Bauherren gleich von Anfang an. Große Neugierde für das, was hier inmitten der Altstadt von Jena passierte und welches Experiment hier gewagt wurde, trug das Projekt durch alle Phasen bis zu seiner Einweihung im Frühjahr 2015. Der Wunsch, etwas Außergewöhnliches zu Wege zu bringen, was auch in der Zukunft weiterhin von dem Aufbruchswillen in Jena künden soll, ist auch heute noch spürbar. Die 23,4 Mio Euro Baukosten (ungefähr 2 000 €/m²) sind auch im Rückblick ein angemessener, wenn nicht gar günstiger Preis, wie Karl-Heinz Kalke bestätigt. Der Sonnenhof wurde mit etlichen Architekturpreisen bedacht, u. a. mit dem Thüringer Staatspreis für Architektur und Städtebau 2016. Christian Brensing, Berlin


 

Baudaten

Objekt: Sonnenhof Standort: Sonnenhof 9, 07743 Jena Typologie: Büro- und Wohngebäude
Bauherr und Nutzer: Wohngenossenschaft „Carl Zeiss“ eG, Jena,

www.wgcarlzeiss.de
Architekt: J.MAYER H. und Partner, Architekten mbB, Berlin, www.jmayerh.de
Mitarbeiter (Team): Juergen Mayer H., Jens Seiffert (Projektarchitekt), Jan-Christoph Stockebrand, Christoph Emenlauer, Max Reinhardt, Christian Pälmke
Bauleitung Hochbau: Kappes Partner IPG GmbH, Berlin, www.kappes-partner.com
Bauleitung TGA: IBP Ingenieure für Wärme- und Haustechnik, Erfurt, www.ibp-erfurt.de; GBI Gackstatter Beratende Ingenieure GmbH, Erfurt, www.gbi.eu
Bauzeit: 2010 – 2014

Fachplaner

Tragwerksplaner und Brandschutzgutachter: Ingenieurbüro Dr. Kraemer GmbH, Weimar, www.statik-ibk.de
TGA-Planer: Scholze Ingenieurgesellschaft mbH, Dresden
Fassadenberatung: Fassade-Lab GmbH, Großbeeren, www.facade-lab.com
Lichtplaner: Lichttransfer - Buero für Lichtplanung, Berlin, www.lichttransfer.de
Bauphysik: Ingenieurbüro Santer - Bauphysik, Duisburg
Landschaftsarchitekt: Ingenieurbüro Abraham, Berlin, www.ing-abraham.de
Bodengutachter: Geotechnik Dr. Nottrodt Weimar GmbH, Weimar,

www.gnw-geotechnik.de
Vermessung: Vermessungsbüro Wuttke, Jena, www.vermessung-wuttke.de

Projektdaten

Grundstücksgröße: 3 520 m²
Grundflächenzahl: 0,83
Geschossflächenzahl: 1,86
Nutzfläche gesamt 5 636 m²
Technikfläche: 698 m²
Verkehrsfläche: 420 m²
Brutto-Grundfläche: 38 033 m³

Energiebedarf

Primärenergiebedarf – Wohnnutzung: 76,6 kWh/m²a nach EnEV 2007
Endenergiebedarf: 65,8 kWh/m²a nach EnEV 2007
Jahresheizwärmebedarf: 50,3 kWh/m²a nach PHPP/EnEV 2007
Spezifischer Transmissionswärmeverlust: HT‘ = 0,47  W/m²a
Primärenergiebedarf – Büro/Gewerbe: 133,2 kWh/m²a nach EnEV 2007
Spezifischer Transmissionswärmeverlust: HT‘ = 0,53  W/m²a
Gebäudehülle
U-Wert Außenwand = 0,23  W/(m²K)
U-Wert Bodenplatte = 0,28  W/(m²K) U-Wert Dach = 0,24  W/(m²K) Uw-Wert Fenster = 1,0 W/(m²K) 3-fach Verglasung und 1,3  W/(m²K) 2-fach Verglasung

Hersteller

Schalungsbau: PERI GmbH, www.peri.de
Gefälledämmung: IsoBouw GmbH, www.isobouw.de
Kunststoffabdichtungsbahnen: SOPREMA GmbH, www.soprema.de
WDVS: Sto SE & Co. KGaA, www.sto.de
Fassade: Schüco International KG, www.schueco.com
Verglasungen: INTERPANE GLAS INDUSTRIE AG, www.interpane.com; SCHOTT AG, www.schott.com
Tiefgaragen Toranlage: Käuferle GmbH & Co. KG, www.kaeuferle.de
Sonnenschutz: WAREMA Renkhoff SE, www.warema.de
Gitterroste: Lichtgitter GmbH, www.lichtgitter.de
Lichtlinien außen: LTS – Licht & Leuchten GmbH, www.lts-licht.de

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