Brut, nicht brutal

Schulhaus, Thal/CH

„Aus einem streng geometrischen Formrepertoire entsteht ein dichter Raumkörper, der trotz imposanter Präsenz ein ausgewogenes physisches Verhältnis zur Umgebung herstellt. Strukturell verbinden sich die verschiedenen Tragebenen zu einem zusammenhängenden Gesamtsystem, dessen ausbalancierter Kräfteverlauf zu einer fein elaborierten Dimensionierung und Komposition der konstruktiven Elemente führt.“
DBZ Heftpate Andreas Bründler

Nicht erst seit der Ausstellung SOS Brutalismus im Frankfurter Architekturmuseum ist die Diskussion um den Werkstoff Beton wieder aufgeflammt. Für die einen ist es ein günstiges, weltweit verfügbares Material, für die anderen der Inbegriff von Konstruktion, Tektonik und Ästhetik. Der Neubau der Schule im schweizerischen Thal von Angela Deuber zeigt eindrucksvoll, wie das Zusammenspiel der Elemente ein Bauwerk schafft, das auf vielen Ebenen Vorbildcharakter hat.

Béton brut, der französische Ausdruck für Sichtbeton, zeigt die Ambivalenz in der Betrachtung am deutlichsten. Der Poesie, die im roh belassenen Werkstoff liegt, kann man sich kaum entziehen. Unter dem Hashtag #concrete finden sich über 3,5 Millionen Einträge, #betonbrut kommt auf bereits 57 000 Beiträge. Das ist insofern beachtlich, weil die ursprüngliche Idee – die einer Werkstoffverwendung als Instrument einer zukunftsgerichteten Architektur, in Form von Ehrlichkeit in Material und Konstruktion – auf andere bildhafte Weise ihren Weg in die Socialmedia-affine Gesellschaft wiedergefunden hat. Dies soll kein Plädoyer für das Erzeugen von spektakulären Bildern sein, die auf den zweiten Blick durch technologisches Ausreizen von Material und Kraftfluss nur eine Fiktion entstehen lassen. Vielmehr soll es einen Anreiz geben, über die Kunst der Konstruktion als sinnbildliche und symbolische Erscheinung neu nachzudenken.

Dass das Schulhaus in Thal bei einer ersten Betrachtung irritiert, ist durchaus beabsichtigt. Bewusst hatten sich die Auslober des Wettbewerbs für den Neubau am Standort der alten Schule aus der Jahrhundertwende 2009 dafür entschieden, jungen Büros eine Chance zu geben. Der Vorschlag der Architektin Angela Deuber, die bereits im Wettbewerb mit dem Ingenieur Patrick Gartmann zusammengearbeitet hat, ist in seiner Radikalität äußerst mutig. Zusammen mit der Kirche bildet der Schulbau, welcher Raum für drei Schulklassen und einen Kindergarten bietet, nach seiner Fertigstellung das neu gestaltete Dorfzen-trum. Das Bauwerk, das den Eindruck erweckt, schon immer zwischen Wohnbebauung und Sportplatz zu stehen, besetzt die Mitte einer gleichmäßig geneigten Parzelle. Den unterschiedlichen Bedürfnissen der Nutzer folgend, teilt sich das Grundstück in eine Wiese mit Obstgarten und einen Hartplatz. Auf diese Weise steht der Neubau je nach Blickrichtung im Grünen, ist aber über den natürlichen Geländeverlauf oder die innere Erschließung über zwei Zugänge zu begehen. Das sorgt für eine natürliche Trennung zwischen den Kindern der verschiedenen Altersgruppen. Die innere Organisation ist einfach, aber flexibel in der Nutzung. Die Klassenräume und Nebenzonen reihen sich entlang einer durchgesteckten Mittelzone mit der zentralen Treppenanlage auf. Je nach Standpunkt ergeben sich immer neue Blickwinkel, die einerseits die drei Ebenen miteinander verbinden, aber auch mit dem Kontext vernetzen.

Auch wenn die expressive Gestalt des Neubaus dies nicht vermuten lässt, waren die Nutzer von Anfang an Teil des Entwurfs-prozesses. „Wir hatten insgesamt 31 Baukommissionssitzungen während der Planungs- und Bauphase“, resümiert Angela Deuber und fährt fort: „Das Gebäude, welches jetzt dort steht, ist das Ergebnis all dieser Menschen, die ihre Energie gegeben haben, um mit Stolz ein gutes Gebäude für sich zu realisieren.“

Der Reiz der Konstruktion

Bereits im Entwurf wurde eine Trennung der Raumstruktur vom Tragwerk anvisiert, um die Innenräume bei sich ändernden funktionalen Anforderungen flexibel verändern zu können. Wird bei zeitgenössischer Architektur oft der Verlust der Tektonik angesprochen, zeigt das Schulhaus in Thal diese als Kunst des Fügens von Konstruktion, Bauteilen und Materialität sehr deutlich. Was nach wohlproportioniertem Formenkanon aussieht, ist in Realität Teil des Systems. Die Struktur des kompakten dreigeschossigen Volumens besteht aus einer äußeren, umlaufenden Balkon-ebene und einer inneren Gebäudestruktur, die sich konstruktiv und statisch gegenseitig bedingen und voneinander abhängig sind. Der Clou daran: Die Fassade entsteht aus der Logik der Tragstruktur des Materials Beton. Alle Elemente innerhalb des festgelegten Stützenrasters bestehen nur aus dem statisch notwendigen Minimum an Material. Das Ergebnis ist eine Abfolge und Schichtung von gegenläufigen geometrischen Flächen und Stützen, die sich in den verschiedenen Ebenen zu einem Gesamtbild überlagern. Während die Decke ein lineares Auflager benötigt, reicht für den Lastabtrag ein Pfeiler aus, wodurch jeweils von den auf der Innenseite liegenden, im Raster gesetzten Stützen die Betonstürze bis zu den Gebäudeecken und zur Gebäudemitte ansteigen. Die innere Stütze trägt die Deckenplatte wie eine Regalkonsole. Dort, wo das Auflager ist, ist sie am dicksten, dort, wo die Auskragung ist, am dünnsten. Geschlossen werden die flächigen Elemente durch großformatige Glasflächen, die je nach Raumzuschnitt an den Kanten bzw. Raumbegrenzungen durch Öffnungselemente ergänzt sind. Je näher man von der Raummitte an die Fassade herantritt, umso mehr lösen sich die Grenzen zur Hüllschicht auf und geben den Blick in die Ferne frei. Anders als erwartet erzeugt das rigide System keine vier gleichförmigen Fassaden, was einerseits an der Topografie und der Gestaltung des Außenraums liegt, andererseits auch am pragmatischen Aufbrechen der aufgestellten Regeln. „Die Struktur wird sozusagen durch ‚naturgegebene’ Fehler gebrochen“, führt die Architektin aus: „Aus funktionalen Gründen kann die Stütze als ein räumliches Element am Haupteingang und die mittlere Vertikale als strukturelles Element (die mittlere Stütze) nicht an der gleichen Position stehen. Daher ist die Stütze in der Eingangsfassade schräggestellt, um den Eingang freizulassen.“ Eine Auffassung, die auch von Seiten des Ingenieurs Patrick Gartmann geteilt wird: „Durch das Schrägstellen konnte auf eine Abfangkonstruktion verzichtet werden, die das gesamte architektonische Konzept untergraben hätte.“ Die enge Zusammenarbeit zwischen Architektin und Ingenieur beruht auf dem gemeinsamen Verständnis für die Konstruktion, die Ausführbarkeit der Planungsdetails, aber auch die Begleitung des Konzepts auf der Baustelle.

Material aus einem Guss

Die Dialektik von massiv – filigran, schwer – leicht findet ihre Fortsetzung in der Materialität. Warme Rahmen aus Lärchenholz fassen die großen Glasflächen und stehen im wohltuenden Kontrast zu den harten hellgrauen Betonflächen. Pragmatisch ist auch der Aufbau der Betonböden/-decken. Anstelle eines mehrschichtigen Aufbaus mit Trittschalldämmung besteht die als thermoaktives Bauteil ausgebildete Innendecke aus 40 cm Beton, der im Innenraum terrazzoähnlich geschliffen und im Außenbereich gestockt ist. Dass Beton nicht nur Mittel zum Zweck ist, sondern elementarer Teil des Entwurfsprozesses, stellt Angela Deuber im Gespräch schnell klar: „In meiner Arbeit ist das Material Stahlbeton dominant. Es ermöglicht mir, einen Raum zu schaffen, der sowohl offen und großzügig ist, aber auch schützt. Ich versuche, die Struktur spezifisch in Bezug auf ihre Eigenschaften anzuwenden, was sich zum Beispiel in den großen Spannweiten bei dem Schulgebäude ausdrückt.“ Der Bau ist ein veredelter Rohbau, ein struktureller Bau, dessen handwerklich präzise Ausführung für die Architektin Teil des Aufgabenverständnisses von Architektur ist. Auch die Erstellung in Ortbeton stand außer Frage, wie Patrick Gartmann bestätigt: „Der gewünschte monolithische Charakter wäre mit vorgefertigten Bauteilen nicht möglich gewesen.“ Angela Deuber hat klare Präferenzen zur Ausführung: „Der Vorteil von Ortbeton ist die Erstellung aus einem Guss – von einem Unternehmer, mit einer kohärenten Handschrift, präzise und dauerhaft. Der vor Ort hergestellte Sichtbeton – hier in Sichtbetonklasse SBK 3 nach cemsuisse (Verband der Schweizerischen Cementindustrie) – muss nicht zusätzlich verkleidet werden, die Oberfläche lässt sozusagen zu, dass man die Konstruktion rückwirkend begreifen kann.“ Die hohen Ansprüche an die Qualität der Oberflächen erforderten für jedes Betonelement (Wand, Stütze, Brüstung, Decke etc.) detaillierte Schalungspläne mit der Schaltafeleinteilung (2,50 m x 0,5 m) und Verlegerichtung (liegend) sowie genaue Angaben für Elektro, Sanitär, Heizung und Lüftung. Auch die Planung der Bauabläufe und Betonieretappen zugunsten eines einheitlichen Fugenbildes ist wichtig. So präferierte der Ingenieur die Bildung eines Sichtbetonteams, um die Koordination des Bauablaufes, die Steuerung des Informationsflusses und die Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten vor Baubeginn disziplinenübergreifend und baubegleitend innerhalb des Teams sicherzustellen. Dass sich der Aufwand gelohnt hat, zeigt die Auszeichnung des Schulhauses mit dem „Schweizer Architekturpreis Beton 17“ für den hervorragend verarbeiteten Sichtbeton und die beschwingte Leichtigkeit des Gebäudes. Eva Maria Herrmann, München

Baudaten   
Objekt: Schulhaus, Thal/CH
Standort: Steigstraße 1, Buechen/Thal/CH
Typologie: Primarschulhaus und Kindergarten
Bauherr: Politische Gemeinde Thal
Nutzer: Schule Thal
Architekt: Angela Deuber Architektin, Chur/CH, www.angeladeuber.com
Mitarbeiter (Team): Camilla Pisani, Thomas Rainey, Mai Wakita, Marigna Zinsli
Bauleitung: Heinz Hafner, baumed.bauleitungen, St. Gallen/CH, www.baumed.ch
Bauzeit: September 2011 – Juni 2013
Fachplaner   
Tragwerksplaner: Conzett Bronzini Gartmann, Chur/CH, www.cbp.ch
Landschaftsarchitekten: 4d AG Landschaftsarchitekten, Bern/CH,
Weitere Fachplaner: Thomas Melliger, Thomas Melliger Bauplanung, Zürich/CH,
Projektdaten   
Grundstücksgröße:  2 800 m²
Nutzfläche: 1 349 m²
Technikfläche: 39 m²
Verkehrsfläche: 32 m²
Brutto-Grundfläche: 2 023 m²
Brutto-Rauminhalt: 7 257 m³
Baukosten
Kosten/qm BGF: 2 760 €/m²
Gesamtkosten brutto: 5,6 Mio €
   
Energiebedarf
Minergie–zertifiziertes Gebäude
 
Hersteller
Fenster: Wenger Fenster AG, www.wenger-fenster.ch
Ortbeton: Gautschi AG, www.gautschi-ag.ch
Innentüren aus Holz: RWD Schlatter AG, www.rwdschlatter.ch
Heizung: Fürer AG, www. fuerer.ch
Beleuchtung: Zumtobel Licht AG, www.zumtobel.com
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