Sala Beckett, Barcelona/ES

Kultur Räume geben

Es gibt diese und jene Bauten für die Kultur, den meisten wohnt oft eine Ambition inne, die sie dann nach außen zeigen. Im Kulturhaus Sala Beckett am nördlichen Rand von Poblenou, einem ehemaligen Industrieviertel, dessen östlicher Rand an die Badestrände Barcelonas grenzt, ist die Ambition etwas ganz anderes. Eva Prats und Ricardo Flores wollten den Geist des umgebauten Kulturbaus erhalten und das ist ihnen in vielerlei Hinsicht gelungen.

Das Label

Eigentlich ist es nicht passend, das „Sala Beckett“ als Label zu charakterisieren. Denn die kleine und sehr lebendige Theaterkulturinstitution, die seit 1997 in Barcelona ihre Heimat hat und wesentlich von dem Theatermacher José Sanchis Sinisterra gegründet und geprägt wurde, zeichnet sich vor allem durch ihre institutionelle Unabhängigkeit und vitale Experimentierfreude aus. Hinzu kommt – und das ist bei solchen Kulturgruppen fast schon Standard – ihr kollektiver Background. Label?

„Sala Beckett“ steht also eher für das Freie Theater, wie man es seit Jahrzehnten auch in der deutschen Theaterlandschaft findet. Geleitet wird es am neuen Standort zurzeit von Toni Casares, dessen konzeptionelle Erfahrung und natürlich seine Kompetenz im Theatermachen für die entwurfliche Arbeit der Architekten Flores & Prats wesentlich war.

Der Ort

Poblenou ist ein Viertel in Barcelona, das seine industrielle Bedeutung und seine hohe Belegung mit kleinem und mittlerem Gewerbe mit den großen Umplanungen Barcelonas vor der Olympiade 1992 Stück für Stück verloren hat. Seine Anlagerung an die großen Badestrände der Katalonischen Hauptstadt tat ein Übriges, das Viertel umzukrempeln. Heute leben hier wohlhabende junge Barceloner und deren Voraustruppen: Künstler, Architekten, Film- und Modemacher.

Dass das vor gut 100 Jahren anders war, überrascht nicht, allerdings gab es mit der ehemaligen Kooperative „Pau i Justícia“ bereits einen Kulturort, wie es ihn in vielen anderen großen europäischen Städten zur Wende des 19./20. Jahrhunderts auch gab. In Berlin beispielsweise die Sophiensaele in Spandau, ein Kulturort in einem Handwerkervereinshaus von 1904/1905, den es bis heute gibt. Die Kooperative „Pau i Justícia“ hatte sich an der Ecke von Pere IV und Batista 1924 ein Haus gebaut, in dem auf rund 2 890 m² Nutzfläche die rund 1 250 Mitglieder der Kooperative bis 1980 ihr Kulturprogramm realisierte. Im Haus befanden sich eine Schule, Büros, Lagerhallen, ein Tagungsraum, ein Theater, eine Bibliothek, ein Raum für Schachspieler, eine Bar, eine Küche und ein Zentrum für Wanderer. Danach kam Leerstand, dann ein Fitnessstudio, dann endgültiger Leerstand. Zu wenig für ein boomendes Viertel, das u. a. mit dem in der Straßensichtachse liegenden „Melia Sky“ (Dominique Perrault, 2008) internationales Publikum anzieht.

Der Stadtrat für Kultur, Jaume Ciurana, erklärt in der Vorprojektphase, dass man mit der Revitalisierung des ehemaligen Kooperativenhauses „die kulturelle Achse von Poblenou festigen und die Straße Pere IV wiederbeleben“ wolle. Dazu sei Barcelona bereit, 2 Mio. € zu investieren. Die Sala Beckett ist aus Sicht des Magistrats mit dem Kulturzentren Fabra i Coats oder dem Ateneu Popular 9 Barris „Teil eines Netzwerks kreativer Fabriken“, die Barcelona zu einer der treibenden Städte der zeitgenössischen europäischen und Weltdramaturgie machen können. Zu viel für eine noch junge Kulturinstitution?

Entwurf

Die Notwendigkeit, dass Sala Beckett neue Räume brauchte und das Vorhandensein eines mit Kultur beladenen, allerdings ruinösen Ortes, erzeugte eine Ausgangslage, die möglicherweise anderes, aber nicht einen Architektenwettbewerb initiiert hätte, wäre die Kulturszene nicht so dicht vernetzt. Sala Beckett wusste um den Ort und bat die Gemeinde, für dessen Revitalisierung einen (offenen) Wettbewerb auszuloben. Was 2011geschah. Organisiert wurde er von der Theatergesellschaft und der Gemeinde. Der Wettbewerb war zweistufig: Zunächst konnten sich Büros bewerben, die Erfahrung in der Rehabilitation kultureller Orte hatten. Aus diesen wurden fünf Teams ausgewählt, die Konzeptstudien – Architektur, Nutzung, Städtebau – für Sala Beckett im leerstehenden Genossenschaftsgebäude erarbeiten mussten. Dabei war der Abriss des Altbaus freigestellt. Eine Lösung, die von zweien auch vorgeschlagen wurde. Die Entscheidung fiel allerdings für den Vorschlag von Flores & Prats Arquitectes, deren Entwurf darauf abzielte, dass er „diesem einzigartigen Raum nicht seinen Charme und die Stärke des Ortes“ nimmt. „Wir werden die Spuren zeigen, die der Lauf der Zeit hinterlassen hat“, so Ricardo Flores. Und damit war schon alles gesagt: Flores & Prats würden dem Haus nichts nehmen und nur minimal hinzufügen: „as found“ ist ihre Haltung, die sie 2014 schon erfolgreich beim Centro Cultural Casal Balaguer in Palma, Mallorca umgesetzt hatten. Dass der Bestand ihnen dabei entgegen kam – schließlich war er für Vergleichbares gebaut worden – erleichterte die Arbeit, die vor ersten konkreten Planungen noch durch Exkursionen abgesichert wurde, so unter anderem zum Pariser Theater Bouffes du Nord und eben auch zu den Sophiensaelen in Berlin, die für Toni Casares zur Referenz wurden.

Kulturräume

Mit dem Aufmaß des Bestandsgebäudes und seiner Inventarisierung (Ausstattung wie Türen oder Geländer, Fliesen, Farben, Konstruktionsdetails wie Kappendecken oder die historische Bühnentechnik etc.) offenbarten sich den Architekten die von ihnen so genannten „Komponenten“ des Gebäudes, von denen jede auf seine Art von der Historie des geschichtsträchtigen Orts erzählt. Aus der genauen Beobachtung dieser Elemente und wie sie zueinander in Verbindung stehen, entwickelten sie die räumliche Gesamtstruktur des Gebäudes, die einerseits den nutzungsspezifischen Anforderungen zu folgen hatte, andererseits den Regularien des Brandschutzes, aber auch denen der Flächeneffizienz. „In der Tat haben wir das Gebäude erst verstanden, als wir das Volumen und die Proportionen der Räume erkannten und die verschiedene Elemente des Hauses, die von Erinnerungen schwer zu sein scheinen. Unser Entwurf basiert sehr auf der Arbeit mit diesen verschiedenen Elementen“, so Ricardo Flores.

Kulturräume brauchen kultivierte Raumakustik und Schallschutz

Ganz baupraktisch wurden die Decken erneuert und teils geöffnet, um mehr Tageslicht ins Haus zu holen. Die Wände wurde gesäubert und – wo möglich – in ihrer Vielschichtigkeit als Farb-, Putz-, Fliesen-, Schmutz-Palimpseste erhalten. Es gibt nun größere Fenster zum Straßenraum, es gibt einen weiteren Aus-/Eingang. Es gibt eine neue Technik für die Klimatisierung, für die Kommunikation und die Bespielung des Theatersaals. Diese technische Aufrüs-tung widerspricht dabei in keiner Weise der konservativen Haltung der Architekten bei der Neuerfindung des Kulturhauses. Man wollte keinen Ort reiner, transzendentaler Erinnerung schaffen, auch wenn Ricardo Flores und Eva Prats nicht müde werden, die „Geister“ zu beschwören, die sie nicht hinausgetrieben haben, denen sie vielmehr respektvoll begegneten: „Wir wollten die Stimmen und Geschichten aller Arbeiter im Laufe der Zeit soweit wie möglich wiederherstellen und bewahren, indem wir diese Atmosphäre auch während der Bauzeit beibehalten. Die Anstrengung bestand darin, die ganze wunderbare Feierlichkeit, die in diesem Haus überlebt hatte, in die Gegenwart zu bringen. Sie soll am Neuanfang dieses Ortes teilhaben und zum Neubeginn beitragen“, so Eva Prats.

Und weil dieser Neuanfang auch akustisch gelingen sollte – schließlich ist die Sala Beckett zuerst ein Theater – wurden Belegungssimulationen des rund 200 m² großen Zuschauerraums durchgeführt, die schließlich eine Polsterbestuhlung mit sehr hohem Absorptionsquotienten empfahlen. Die Decke erhielt 20 mm starke Deckensegel, die oberhalb der Bühne auf 30 mm verstärkt wurden (Brandklasse B-s1, d0). Eine effektive Schallregulierung erfolgt zudem durch die Bühnenvorhänge (450 g/m²). Die Bodenbetonplatte wurde schwimmend in 50 mm starke Trittschalldämmung (vernetztes Polyethylen) verlegt.

Und weil Kultur auch mal laut ist, wurde zum Schutz der Nachbarschaft die bestehende Dachkonstruktion außen um Sandwichelemente mit 100 mm Dämmung (150 kg/m³) aufgedoppelt. Unterhalb der Dachbalken wurde von innen eine 50 mm starke Dämmschicht mit zwei Lagen Gipskarton als raumseitiger Abschluss angebracht. Die Türen zu den Theatersälen und Vorräumen sind schalldämmend (35 – 45 dBA) ausgeführt. Hierfür, aber auch zur Belichtung, wurden viele bauliche Sonderlösungen entwickelt.

Fazit

Richtigerweise haben sich die Architekten nicht allein auf die Rettung des Kulturraums fokussiert, den sie mit (fast) allem in die Jetztzeit transportierten. Sie haben das Theater, das wie die meisten Bauten dieser Gattung von morgens bis spätnachmittags stumm im Viertel herumsteht, über seine Erweiterung in den Straßenraum hinein zusätzlich aktiviert. So dienen das Restaurant / die Bar mit Blickbezug zu den anschließenden Straßenräumen dazu, das Kulturelle draußen mit dem drinnen zu verknüpfen. Dass diese Art der Kulturverheiratung am Ende nichts anderes ist, als anspruchsvoll und selbstbewusst städtische Kultur zu leben, ist sehr anschaulich gelungen in Poblenou, Ecke Pere IV und Batista.

Baudaten

Objekt: Sala Beckett – Obrador Internacional de
Dramaturgia, Barcelona/ES
Standort: Calle Pere IV 228, Poble Nou, Barcelona/ES
Typologie: Theater- und Kulturzentrum mit Bar und Restaurant
Bauherr / Nutzer: Institut de Cultura de Barcelona + Fundació Sala Beckett
Architekten: Flores & Prats Arquitectes, Barcelona/ES, www.floresprats.com
Mitarbeiter (Team): Eirene Presmanes, Jorge Casajús, Micol Bergamo, Michelle Capatori, Emanuele Lisci, Cecilia Obiol, Francesca Tassi-Carboni, Nicola Dale, Adrianna Mas, Giovanna de Caneva, Michael Stroh, Maria Elorriaga, Pau Sarquella, Rosella Notari, Laura Bendixen, Francesca Baldessari, Marta Smektala, Ioanna Torcanu, Carlotta Bonura, Florencia Sciutto, Georgina Surià, Elisabet Fàbrega, Julián González, Valentina Tridello, Agustina Álvaro Grand, Monika Palosz, Shreya Dudhat, Jordi Papaseit, Judith Casas, Tomás Kenny, Filippo Abrami, Constance Lieurade, Iben Jorgensen, Lucía Gutiérrez, Gimena Álvarez, Agustina Bersier, Mariela Allievi, Toni Cladera, Clàudia Calvet
Beschränkter Wettbewerb: Januar 2011 (erster Preis)
Vorplanungen: Technik und Design bis März 2012
Realisierungsplanung: bis Januar 2014
Bauzeit: April 2014 – März 2016,
Eröffnung: November 2016

Fachplaner

Theatertechnik: Marc Comas
Akustikberatung: Arau Acústica
www.arauacustica.com
Statik: Manuel Arguijo
Bühnenmechanik und Elektroplanung:
AJ Ingeniería

Projektdaten

BNF: 2 923 m²
Gesamtumbaukosten: 2,5 Mio. €

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