Rurale Referenzen

Primarschule Orsonnens, Freiburg/CH

TEd’A Arquitectes aus Palma de Mallorca realisierten die neue Primarschule im freiburgischen Orsonnens. Ihr Entwurf stützt sich auf die Landwirtschaftsgebäude der Gegend, interpretiert deren stilbildende Elemente und adaptiert sie für den Bautyp des Schulhauses. Entstanden ist ein bemerkenswerter Solitär.

Lange Zeit hinkte die Romandie, der französischsprachige Teil der Schweiz, hinter der wirtschaftlichen Entwicklung der Deutschschweiz hinterher. Besonders galt dies für die Gegenden, die nicht am Genfersee liegen. Und damit auch für den auf der Sprachgrenze gelegenen Kanton Freiburg. Also intensivierte man dort die Standortförderung. Während sich durchaus auch einige internationale Firmen im Kanton ansiedelten, ziehen seit einigen Jahren vor allem junge Familien in die nach wie vor stark landwirtschaftlich geprägte Region. Die noch erschwinglichen Bodenpreise bei gleichzeitig pendlerfreundlicher Nähe zu Bern, Lausanne und Genf sind für sie attraktiv. Die demografischen Verschiebungen führten dazu, dass etliche neue Schulhäuser entstanden, so auch in der Gemeinde Villorsonnens im Westen des Kantons.

2014 fand ein offener, einstufiger Wettbewerb für den Neubau der Primarschule am nördlichen Dorfrand der Teilgemeinde Orsonnens statt, den die Mallorquiner TEd’A Arquitectes für sich entschieden. Ihr im November 2017 eingeweihter Entwurf zeichnet sich durch eine für die Schweizer Schullandschaft ungewöhnliche Verspieltheit und durch adaptierte Verweise auf die hiesige rurale Baukultur aus.

Spiel mit Referenzen

Die in Beton gravierte Inschrift beim Eingang gibt die architektonische Richtung vor: „Grangécole“ ist hier zu lesen, „Scheunenschule“. Die Wortschöpfung macht den Bezug zur landwirtschaftlich geprägten Umgebung deutlich – auch wenn es paradoxerweise das langsame Verschwinden eben jener Kultur ist, das den Bau der Schule nötig machte.

Die Architekten, vor Ort unterstützt durch das Büro Rapin Saiz Architectes aus Vevey, schufen ein 25 x 25 m großes, gedrungenes Volumen im Minergie-Standard, das sich in Kubatur und Höhe an die bestehende benachbarte Sporthalle anlehnt. Die Fassade aus Fichtenholzschindeln verweist auf die für diese Gegend typischen Giebelwände der Landwirtschaftsgebäude. Die Übergröße der Schindeln ebenso wie ihre Verlegung in durch lisenenartige Lattungen geordnete Felder deutet aber an, dass es sich hier nicht um ein Wirtschaftsgebäude handelt. Der Eindruck wird noch verstärkt durch horizontale Kupferintarsien über den Stürzen und dem Sockel, gleichzeitig Schmuck und konstruktiver Witterungsschutz. Gut funktioniert die Scheunenanalogie im Eingangsbereich an der südwestlichen Ecke, der als gedeckter Pausenplatz dient. Er ist zweigeschossig, die Holzfassade aber bis zum ersten Geschoss heruntergezogen. Unregelmäßig angeordnete blütenförmige Perforationen in den Schindeln betonen die besondere Nutzung und sorgen für ein stimmungsvolles Spiel mit Licht und Schatten. Die luftige Zwischenzone erinnert tatsächlich an den Innenraum einer Scheune. Fast wie Fremdkörper wirken hingegen die Stützen aus versetzt gestapelten Steinquadern – zwar inszenieren sie das Moment des Tragens an diesem Ort didaktisch sinnvoll. Form und Material stellen aber trotz der räumlichen und farblichen Nähe zu Betonsockel und -sitzbank einen Bruch zu der weitgehend hölzernen Materialisierung und stringenten Konstruktion des Baus dar.

Räumlicher Reichtum

Im Inneren setzt sich das Spiel der architektonischen Referenzen fort. Die Schweizer Primarschule entspricht der deutschen Grundschule, umfasst aber die Klassenstufen 1 bis 6. In Orsonnens sind die dafür nötigen neun Klassenzimmer auf drei Geschosse um eine zentrale Eingangshalle verteilt. Die zwei Kindergartenklassen – vergleichbar mit einer obligatorischen Vorschule – im Parterre und die sieben Primarschulklassen in den oberen beiden Stockwerken liegen dabei jeweils in den Gebäudeecken. Einige Nebenräume für schulergänzende Aktivitäten und ein Untergeschoss für die Technik ergänzen die Infrastruktur.

Herz und Rückgrat der Schule ist das zentrale Atrium, um das sich die einzelnen Ebenen gruppieren. Eine filigrane, vierteilige Holzstütze schießt auf das zenitale Oberlicht zu, aber nicht hindurch: Die vier Balken zweigen in unterschiedlicher Höhe wie Äste vorher ab und tragen die Dachkonstruktion. Runde, versetzt angeordnete Aussparungen in den Deckenplatten aus Beton erweitern den kreuzförmigen Grundriss in die Vertikale und ermöglichen Sichtbezüge durch das ganze Gebäude. Wie es sich für eine Scheune gehört, ist Holz das dominierende Material im Innern, in diesem Fall ist es Schichtholz aus Fichte. Das gilt sowohl für die konstruktiven Elemente wie Stütze, Träger und Balken als auch für die meisten Oberflächen, die als Beplankungen ausgeführt sind. In die Wände der Klassenzimmer sind zudem teilweise Schränke integriert.

Scheunentypologie auf der Metaebene

Und funktioniert die Scheunenschule? Und ist es überhaupt sinnvoll, einen Ort des Lernens mit einem Bautyp für Lagern und Werken zu kreuzen? Vorweg: Als Schulhaus überzeugt der Bau vollends. Den Architekten ist mit wenigen Elementen ein logisches Gebäude gelungen, das zudem eine außergewöhnlich anregende, räumliche Vielschichtigkeit besitzt. Was die Verwandtschaft zur Scheune betrifft: Dabei handelt es sich glücklicherweise nicht um eine allzu enge Verbindung. Der Begriff ist eher auf der Metaebene zu verstehen, symbolisiert mehr eine Haltung denn eine Eins-zu-eins-Umsetzung. Die Architekten sprechen dazu im Projektbeschrieb von der „konstruktiven Ehrlichkeit“ und „klaren Struktur“ der Landwirtschaftsgebäude, die sie sich für den Neubau zum Vorbild nahmen. Neben den vernakulären Scheunen der Nachbarschaft wirkt das Schulhaus denn auch eher wie der extravagante Cousin aus Übersee. Für die Nutzerinnen und Nutzer brauchen diese Gedanken keine Rolle zu spielen. Sie dürfen in einem Schulhaus lehren und lernen, das den Rahmen einer üblichen Dorfschule sprengt – im positiven Sinn. Der unvoreingenommene Blick von außen hat sich gelohnt.⇥Tina Cieslik, Bern

Baudaten

Objekt: Schule Orsonnens/CH

Standort: Route de Chavannes 29, Orsonnens Fribourg/CH

Typologie: Grundschule und Kindergarten

Bauherr: Gemeinde Orsonnens/CH

Nutzer: Schule Orsonnens/CH

Architekt: TEd’A arquitectes,

Palma/ES, www.tedarquitectes.com

Mitarbeiter: Jaume Mayol, Irene Pérez, Marta Rincón, Toni Ramis, Tomeu Mateu, Margherita Lurani,

Teresa Piferrer

Projektpartner: Rapin Saiz architects, Vevey/CH, www.rapinsaiz.ch

Bauzeit: April 2016 – September 2017

Fachplaner

Tragwerksplanung Holz: Ratio Bois Sàrl,

www.ratio-bois.ch

Tragwerksplanung Beton: 2M Ingénierie Civile SA,

www.2m-ingenieurs.ch 

Fassadenplaner: X-Made, www.xmade.eu

Energieplaner/HLKS: Sacao SA (CVS), www.saco.ch

Lichtplaner/TGA: Bureau d’études en électricité Bernard Bersier, www.etudes-electricite.ch

Projektdaten

Grundstücksgröße: 6 420 m²

Grundfläche: 661 m²

Nutzfläche gesamt: 1 365 m²

Nebennutzfläche: 179 m²

Technikfläche: 315 m²

Verkehrsfläche: 54 m²

Brutto-Grundfläche: 2 328 m²

Brutto-Rauminhalt: 8 075 m³

Baukosten

Gesamt: 7,9 Mio. €

Hauptnutzfläche: 5 787 €/m²

Brutto-Rauminhalt: 978 €/m³

Energiebedarf

Jahresheizwärmebedarf:

26,94 kWh/m²a

Energiekonzept

U-Wert Außenwand = 0,18 W/(m²K)

U-Wert Bodenplatte = 0,17 W/(m²K)

U-Wert Dach = 0,10 W/(m²K)

Uw-Wert Fenster = 0,90 W/(m²K)

Ug-Wert Verglasung = 0,60 W/(m²K)

Die Analogie zu einer traditionellen „Scheune“ scheint im Baukörper nicht gegeben, eher orientiert sich der Neubau am Bestandsgebäude. Mit diesem bildet er eine neue räumliche Einheit, betont aber dadurch den Maßstabssprung zur sonstigen dörflichen Struktur. Die dunkle Holzbeplankung in Schindelform wirkt besonders durch den Kontrast zu den Kupfereinlagen und Perforationen. Der Innenraum wirkt dort gelungen, wo er sich auf ein Motiv beschränkt, die Konstruktion dominiert.

⇥DBZ Heftpate Matthias Reese

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