Rathaus, Maitenbeth 

Postkartenblick mit Irritation

Die knapp 2 000 Einwohner zählende Gemeinde Maitenbeth in Oberbayern hat etwas, worum sie viele, die sich mit der Belebung von innerörtlichen Strukturen beschäftigen, beneiden: einen attraktiven Dorfkern in der städtebaulich prägnanten Ortsmitte. Auf dem topografisch höchsten Punkt des Ortes erhebt sich ein klassisches Ensemble aus Kirche, Wirtshaus und Alter Post, umgeben von Infrastruktureinrichtungen wie Einkaufsmöglichkeiten sowie einer Arztpraxis und seit 2015 einem neuen Rathaus, das das von Einzelbauwerken
geprägte Gefüge der Ortsmitte
wohltuend komplettiert.

Der Weg zum Neubau des Rathauses führte über Umwege zum Ziel. Denn der ursprüngliche Startpunkt der Ortsmitten-Neuordnung war ein interkommunales Entwicklungskonzept im Rahmen des Bund-Länder-Städtebauförderungsprogramms „Kleinere Städte und Gemeinden im ländlichen Raum“. Es war gedacht zur überörtlichen Zusammenarbeit der Anrainergemeinden an der stark frequentierten Bundesstraße B12. Mit der Umstrukturierung der an das Bevölkerungswachstum im Ort nicht angepassten Verkehrsinfrastruktur begann eine groß angelegte Transformation. Ein Architektenwettbewerb an ihrem Ende gab den Ausschlag für den Ersatz des in seiner Größe und Nutzungsflexibilität beschränkten Bestandsbaus des Rathauses.

Angepasst und eigenständig

Häufig prägen monotone Zweckbauten die Dorfkerne, für die dann zur Revitalisierung spektakuläre Architekturen als Heilmittel oder Transformationsbeschleuniger eingesetzt werden. Das Büro meck architekten entschied sich für eine konträre Strategie, wie Axel Frühauf erklärt: „Wir haben bewusst eine ,Normalität‘ gesucht, die der alltäglichen Nutzung des Gebäudes entspricht, aber trotzdem in ihrer Architektursprache ganz selbstverständlich für sich steht.“ Die Aufforderung, durch subtile, manchmal erst auf den zweiten Blick erkennbare Einwirkung die Präsenz eines Baukörpers zu manifestieren, ist in Maitenbeth wunderbar gelungen. Der schlichte, langgestreckte Baukörper nimmt sich gegenüber dem bestehenden Ensemble in seiner Situierung und Höhenentwicklung stark zurück. Aber nur auf den ersten Blick. Denn die Raumwirkung eröffnet sich allein durch ein kleines, aber wirksames Detail. Ein Abknicken der Fassade gestattet vielfältige Blickbeziehungen in der durch Hanglagen und Senken geprägten Ortschaft und schafft zugleich – dem gegenüberliegenden Baudenkmal Respekt zollend – zwei differenzierte öffentliche Räume auf unterschiedlichen Höhenniveaus. Erst im Zusammenspiel spannen beide Gebäude miteinander einen neuen Rathausplatz auf, der Maithenbeths Bewohnern vielfältige Aufenthaltsqualitäten bietet.

In Anlehnung an die baulichen Strukturen der Region ist der Neubau als „Haus mit Satteldach“ konzipiert. Aber auch hier muss man genau hinsehen, um die Irritation, die dieser Bautypus erzeugt, einzusortieren. Denn eigentlich hatten die Architekten ein Haus ohne Dachüberstand geplant, was auf der zu den Naturflächen liegenden Rückseite auch klar sichtbar ist. Durch die Schrägstellung der Fassade und der daraus entstehenden Subtraktion von Volumen werden imaginäre Raumkanten sichtbar, die vom Auge intuitiv als Ganzes gelesen werden. Die Dynamik der Gebäudefluchten setzt sich im Inneren fort, was für das mit zwei Geschossen relativ kleine Rathaus besondere Raumqualitäten erzeugt. Die innere Struktur folgt einem einfachen Prinzip. Während die Verwaltungsaufgaben der Gemeinde wie Bürgermeisterbüro, Bürgerbüro, Kasse etc. mit einem separaten Eingang vom unteren Rathausplatz erschlossen werden, ist der Zugang zum Ratssaal über den oberhalb gelegenen Kirchplatz angelegt. Der Topografie folgend, verbergen sich die erforderlichen Archiv- und Lagerflächen unter dem Ratssaal.

Materialwahl und Bauweise

Die Wahl einer massiven Bauweise aus einem hochwärmegedämmten Ziegel und einem Dachstuhl aus Holz folgte dem Wunsch nach einer energetisch optimierten, in Erstellung und Unterhalt kostengünstigen und damit nachhaltigen Bauweise. Im Inneren lassen kleine, feine Details aus dem aufs Minimum reduzierten Raumprogramm großzügige Räume werden. Sei es durch den durchgängig verlegten, einfachen Naturstein aus Jurakalk mit einer Grausortierung, das Eichenholz für Einbauten, Möbel, Fenster und Türen oder eine umlaufende Holzleiste, die vom Garderobenhaken bis zum Türstopper vielfältige Funktionen übernimmt. Ein Raumgewinn und damit die Raumqualität lässt sich auch durch die bündig mit der Außenhaut der Fassade gesetzten Fensterrahmen und den daraus entstehenden tiefen, nutzbaren Laibungen ablesen.

Schon im Wettbewerb hatte sich die Gemeinde gegen einen modernen Glasbau ausgesprochen, der zugegebenermaßen auch nicht ins Ortsbild gepasst hätte. Andererseits lebt die für den Laien sichtbare Wahrnehmung von Bauwerken von der oft naheliegenden Verbindung des Außenraums mit dem Innenraum. Und das wird gerne über großflächige Verglasungen gelöst. Ein unlösbares Dilemma? Keinesfalls, findet Axel Frühauf: „Das Auflösen einer Schwellen- oder Berührungs­angst gelingt auch im solide gemachten, geerdeten Mauerwerksbau mit vertrautem Charakter, wenn die einzelnen Elemente in der Materialität, Farbigkeit und Qualität entsprechend ausgebildet sind.“ Das zeigt sich am Motiv der Lochfassade mit den sorgsam gesetzten Fensterflächen, die den Ein- und Ausblick gezielt ausrichten. Die zurückhaltende Farbgebung und die haptische Differenzierung der Putzflächen sind dem örtlichen Kontext entnommen. Doch auch hier können Akzente gesetzt werden. Die für die Nutzung bedeutendsten Räume, das Bürgermeisterbüro und der Ratssaal, liegen an den jeweiligen Enden des Gebäudes. Deren besondere Funktion zeigt sich durch die Größe der Öffnungen, aber auch die Hervorheben mit hellen Faschen.

Eine neue Normalität

Auch wird auf subtile Weise die Vielschichtigkeit von Symbolen manifestiert. Über den massiven Mauern spannt sich ein Dachstuhl, der zum Teil von innen und außen sichtbar ist. In Anlehnung an die Vordachkonstruktion des Baudenkmals der Alten Post wurden übergeordnete Merkmale wie Dachneigung oder Sparren- bzw. Binderrhythmus übernommen, andere zeitgenössisch übersetzt. So sind die massiven Holzbinder von runden Aussparungen durchlöchert, die neben dem gestalterischen Effekt auch funktionale Hintergründe wie eine Gewichtsreduzierung und Akustikwirkung haben. Doch viel wichtiger als die Funktion ist der Dialog mit der Alten Post als gleichwertigem Pendant in Farbigkeit und Konstruktion.

Die Provinz ist alles andere als verschlafen, im Gegenteil – von der neuen Normalität können wir in der von kräftigen Bildern geprägten Welt viel lernen. Eva Maria Herrmann

Gute Architektur beginnt im städtebaulichen Maßstab. Im direkten Dialog mit dem gegen-überliegenden Denkmal der Alten Post wurden vertraute Materialien mit tradierten Konstruk­tionsprinzpien zu einer gebauten Einfachheit gefügt. Massive Außenwände aus hochwärmegedämmten Ziegeln bilden die Basis für eine energetisch optimierte, kostengünstige und damit im besten Sinne nachhaltige Bau-weise.« DBZ Heftpartner Axel Frühauf, meck architekten

Baudaten

Objekt: Rathaus Maitenbeth

Standort: Kirchplatz 9, 83558 Maitenbeth

Typologie: Öffentliches Gebäude

Bauherr: Gemeinde Maitenbeth

Nutzer: Gemeinde Maitenbeth

Architekt: meck architekten gmbh, Andreas Meck †, Axel Frühauf, www.meck-architekten.de

Mitarbeiter: Carlos Wilkening (Projektleitung), Isabel Protschky, Nanjana Sterzik, Felix Zeitler

Bauleitung: Thomas Hammer

Bauzeit: 08.2014–05.2016

Fachplaner

Tragwerksplaner: haushofer ingenieure GmbH, www.haushofer.com

TGA-Planer: Dipl.-Ing. (FH) Bernd Achterling, IB Manfred Hajek

Akustikplaner: Müller-BBM GmbH, www.muellerbbm.de

Landschaftsarchitekt: grünfabrik Landschaftsarchitekten Reingruber, Bücking PartG mbB, www.gruenfabrik.com

Energieplaner: Müller-BBM GmbH

Energieberater: Müller-BBM GmbH

Brandschutzplaner: Kersken + Kirchner GmbH, www.kk-fire.com

Projektdaten

Grundstücksgröße: 5 427,0 m²

Grundflächenzahl: 0,10

Geschossflächenzahl: 0,20

Nutzfläche: 450,9 m²

Technikfläche: 20,8 m²

Verkehrsfläche: 58,9 m²

Brutto-Grundfläche: 660,6 m²

Brutto-Rauminhalt: 2 840 m³

Energiekonzept

Primärenergiebedarf: 152,0 kWh/m²a nach EnEV 2009

Endenergiebedarf: 130,2 kWh/m²a nach EnEV 2009

Jahresheizwärmebedarf: 69,8 kWh/m²a nach EnEV 2009

Gebäudehülle 

U-Wert Dach = 0,12 W/(m²K)

U-Wert Außenwand Mauerwerk = 0,23 W/(m²K)

U-Wert Bodenplatte = 0,22 W/(m²K)

Uw-Wert Fenster = 0,95 W/(m²K) 

Ug-Wert Verglasung = 0,70 W/(m²K)

Haustechnik

Die geplante Heizwärmeversorgung des Neubaus erfolgt über eine Gas-Zeolith Wärmepumpe. In den Berechnungen nach DIN V 18599 wird folgende Wärmeversorgung berücksichtigt:

Heizungsanlage: Zentralheizung, mit intermittierendem Heizbetrieb

Wärmeübergabe: Fußbodenheizung Regelung über Zweipunkt-Regler, Systemtemperaturen 45/35 °C

Verteilleitungen: Zweirohrnetz, hydraulisch abgeglichen, mit innen-liegenden und gedämmten Verteilleitungen

Pumpen: Pumpenregelung Δp variabel, intermittierender Pumpenbetrieb (Abschaltung)

Heizungspufferspeicher: Speicher zur Mikro-KWK Anlage,
Speicher­inhalt: 750 l

Wärmeerzeugung: Mikro-KWK Anlage: Feuerungsleistung (Heizwert): 26 kW elektrische Leistung: 1 kW thermische Leistung: 26 kW Vollbenutzungsstunden: 1 600 h/a = > fP,BHKW ≈ 0,94

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Hersteller

Dach: Uginox, www.uginox.com/de

Wand: Unipor Ziegel Marketing GmbH, www.unipor.de

Türen: Hoba, Holzbau Schmid GmbH & Co. KG,

www.hoba.de/hoba

Heizung: Viessmann Werke GmbH & Co. KG,

www.viessmann.de

Boden: Altmühltaler Kalksteine,

www.altmuehltaler-kalksteine.de

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