Mitten in Berlin. Warum manche Angst vor einem Flussbad haben

Tatsächlich: Es nervt. Wenn beispielsweise leicht bekleidete TouristInnen durch die großen Museen dieser Welt latschen und vor jedem Superstar der Kunstgeschichte ein vielkommentiertes Selfie machen. Oder wenn sich in Kirchen massenweise Masse durch Haupt- und Seitenschiffe schiebt und vor jedem Säulenheiligen Selfies und so weiter macht. Oder sich vor den Brunnen, in den Parks, den ruhigen Höfen, auf den schwindelmachend hohen Befestigungsanlagen drängelt oder in dem Restaurant in einem Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert über die Karte lästert und schließlich lautstark „Burger mit Cola“ bestellt.

Aber warum eigentlich nervt es, wenn Menschen in Orte eindringen, zu denen sie möglicherweise keinerlei kulturelle Verbindung haben und mit ihrer als aggressiv empfundenen Präsenz den ConnaisseurInnen die Laune verderben? Ein Werk von Rembrandt Harmenszoon van Rijn hinter einer Wand kurzbehoster Flip-Flop-TrägerInnen? Ein Museumstempel, gerade noch im spiegelglatten Spreewasser zu doppelter Größe stilisiert, hinter bunten Sonnenschirmen und laut jubelnden Planschgästen, sportiven RudererInnen oder monoton „Eis, Erdbeereis, Schokoladeneis, Stracciatella“ deklamierenden EisverkäuferInnen?

Die Frage nach dem, was Kultur ist – gerne selbst-überschätzend und wissenschaftsgeschichtlich fragwürdig „Hochkultur“ genannt – und wer hier hoheitlich die Grenzen ziehen darf, ist eine alte; in Berlin kocht sie gerade auf der Museumsinsel hoch. Nein, es geht nicht um koloniale Vergangenheit, nicht um Restitution und Wiedergutmachung, es geht ums Schwimmen. Direkt vor der Hochkunst auf der Insel im ungemütlich kaltdunkel glänzenden Spreekanal.

Hier plant schon seit 2012 der Verein „Flussbad Berlin e. V.“ – das ist u.  . realities:united – eine Badestelle. So wie es diese in anderen wunderbaren Städten Europas bereits seit dem 18. Jahrhundert als festinstallierte Badestellen an Fluss-ufern gibt. In Zürich ist das die „Frauenbadi“ an der Limmat, in Lübeck ein Bad am Krähenteich, mitten in der Altstadt. Und vielleicht irgendwann einmal im Spreekanal entlang der Berliner Museumsinsel. Wenn da nicht die SPK Stiftung Preußischer Kulturbesitz wäre! Die hätte es lieber, die Massen würden „in Kultur baden“. Eine Haltung, die geteilt wird von der Gesellschaft Historisches Berlin, von Wilhelm von Boddien und der Domkirche. Letztere, aufgeschreckt von der lokalen Diskussion um das Bad, mahnt in einem offenen Brief, dass „ein Einklang zwischen der aktiven Kirche in ihrem exquisiten Baudenkmal und einem ‚Badevergnügen‘“ unmöglich sei. Der Denkmalschutz gar sieht die Spiegelung der Museumbauten im spiegelglatten Wasser gefährdet, eine Sicht auf die Dinge, die offenbart, dass Hochkultur immer als etwas Museales bewertet wird. Aber stören denn mit Badesachen bekleidete Menschen mit lautem Planschen den Kunstgenuss vor der Büste der Nofretete oder dem innigen Gebet?

Den ProjektinitiatorInnen wird elitäres Verhalten vorgeworfen, sie kontern mit dem sozialen Aspekt, den Badeorte immer schon hätten. Auch verweisen sie darauf, dass die von ihnen hier bereits getestete natürliche Wasserreinigungsanlage der Stadt insgesamt zugutekomme.

Am Anfang aber sollte man danach fragen, ob wir eine Kunstlandschaft – Häuser wie Kunstwerke – in einer Stadt wie Berlin konservatorisch betrachtet sehen wollen oder ob nicht die hier versammelte Kunst davon mit Allem erzählt: von der wilden, lauten und bunten Lebendigkeit des sozialen Wesens Mensch und nicht von der immerschon unreflektiert hingenommen Ehrfurcht dem von einer Bildungselite erhöhten Kulturellen gegenüber. Mehr Schwimmer, mehr Farbe, mehr laute Stimmen, weniger Konserven bitte, gerade mitten in Berlin! Be. K.

www.flussbad-berlin.de
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