Metropol Parasol in Sevilla/E
Raum für urbanes Leben im 21. Jahrhundert

„Generell sind in unseren Arbeiten das Programm, der Ort und die Performance des Projektes die wichtigsten Ansatzpunkte. Eine Komplexität in der Geometrie, wie wir sie selten vorher erreicht haben, gab uns den Freiraum für eine ungewohnte Nutzungs- und Aktivierungsvielfalt.“ J. Mayer H.

Sonnenschirm, Elefantenfuß, Baumwald, Pilz, Comic ... Was?

Alles ist hier anders als gewohnt: Metropol Parasol ist gleichermaßen archaisch, archi tektonisch und ambivalent; ein Platz, ein Haus und ein Keller; hell und dunkel; ein temporär wirkendes Bauwerk, das nachhaltig aus Holz gebaut wurde. Eine programmatische Performance des gewollten Perspektivwechsels, weil diese Installation/Skulptur in die Erde hinein gegraben wurde und nach oben wächst. Aus der Vergangenheit legitimiert, für das Zukünftige gemacht. Ein neues Wahrzeichen für Sevilla – neben der Giralda von 1198 (als letztes Relikt der alten Moschee, heute Glockenturm der Kathedrale), den Resten der 1992er Weltausstellung und Calatravas kühnen Flussbrücken.

Urbaner Sonnenschutz

Parasol kann man aus dem Spanischen als Sonnenschirm übersetzen, hier gibt es sechs davon, durchnummeriert von P1 bis P6. Alle sind in knapp 30 m Höhe miteinander verbunden und wurden zur hölzernen Dachland schaft. Parasol bezeichnet im Spanischen auch einen Pilz, von denen die Andalusier meinen, das träfe als Vergleich auch zu, wie sie auch an Elefantenfüße denken. Andere halten sich für Alice im Wunderland und dritte sehen nur einfache Baumstrukturen darin. Eines aber bleibt sicher: Es ist ein urban-hybrides Gebäude für die Stadt des 21. Jahrhunderts, was die von unten nach oben gestapelten Nutzungen betrifft – mit einem unterirdischen Museum für Archäologie (Gestaltung nicht in der Verantwortung von JMH), Nebenflächen und Parkplätzen. Darüber zwei Ebenen zur öffentlichen Bespielung als beschatteter Platzraum und neue moderne Marktstände. (Nur das hat ursprünglich im Programm gestanden). Im Obergeschoss ist von unten fast unsichtbar ins Dach eine 600 m2 große Nutzungszone eingezogen worden, die zunächst für ein Restaurant vorgesehen war, jetzt aber als weiteres öffentliches Museum oder eine Ausstellungshalle fungieren könnte.

Noch eine Ebene darüber liegt in 28 m Höhe über den Traufhöhen der anderen Häuser das begehbare Schattendach – der öffentliche Plafond für alle Sevilla-Besucher, die über weit schwingend angelegte Walkways gehen kön nen und von hier aus die wundersame Dächer landschaft Sevillas mit ihrem Terrassenleben begutachten und lernen, dass sich die Creme­farbe des Metropol Parasol irgendwie aus der Stimmung der Stadt und ihren Fassaden ergibt.

Schnitträume und Schnittzeiten

Zwei Aspekte gilt es zu verfolgen: Die Entwicklung der Geometrien als Ausdruck der architektonischen Leistung und die technisch/konstruktiven Konsequenzen daraus. (Fragen zum ersten Punkt beantwortet Jürgen Mayer H. im Interview auf S. 27). Hier direkt soll es weiter gehen mit den konstruktiven Aspekten im Allgemeinen und technischen Details zum Thema der Holzkonstruktion wie Herstellung und Logistik im Besonderen. Beginnt man mit der Frage nach der Schnittfläche zwischen Architekten und Ingenieur in diesem Projekt, offenbart sich sofort der Sondercharakter. Denn hier, so die Beteiligten, handele es sich eher um „Schnitt-Räume oder Schnitt-Zeiten.“ Andere Dimensionen also.

Entstanden ist Metropol Parasol aus der Geometrie der Architekten JMH in der Konstruktion von Arup Berlin/Madrid. Mehr als 3000 frei geformte Holzelemente bilden auf 150 m Länge, 75 m Breite und bis zu 28 m Höhe die Konstruktion. Diese orthogonale Holztragkonstruktion besitzt das Tragverhalten einer biegesteifen bi-direktionalen Holzgitterschale. Natürlich muss die gewonnene Pilz- oder Baumkronen­ Struktur in bestimmten Linien und den entsprechenden Zugbelastungen durch Stahlstäbe ausgesteift werden, sonst ergäbe sich ein Effekt wie bei einem Blumenstrauß in der Vase, der, wäre er nicht durch ein Band an den Stilen gebunden, auseinander gleiten würde. Bei den sechs Parasol-Stützen geschieht dies geschickt verborgen unter den jeweiligen Walkways.

Für das Tragwerk der Parasols wurden Paneele zwischen etwa 1,5m und bis zu 16,5 m Länge ausgewählt, die aus Kerto-Q Furnierschichtholzplatten bestehen (größtes Einzelstück: 16,5 x 3,5 x 0,14 m im Stamm). Da dieses Dach kein Dach hat, wird die Struktur gegen die extremen Temperaturunterschiede und andere Witterungseinflüsse durch eine wasserdichte, aber dampfdurchlässige 2-3 mm dicke Polyurethanschicht geschützt. Dieses und die rund 35.000 in den Holzquerschnitt eingeklebten Gewindestangen für die mehr als 3000 Verbindungsknoten der Paneele kann man als echte Herausforderung und die Lösung als gelungen innovativ bezeichnen. Insbesondere der notwendige Nachhärtungsprozess der Epoxid-Kleber (Wevo-Chemie und Borimir Radovic) unter Hitze wurde gelöst und erlaubt den Einsatz selbst bei Temperaturen oberhalb von 60 C°. Die Platten wurden in Deutschland gefertigt und verladen, teilweise weil sie für Frankreichs Straßen zu groß waren, verschifft. Vorausgegangen war ein permanenter Datenaustausch zwischen den Architekten (ihr 3-D Zeichenmodell war der Ausgangspunkt), Tragwerksplanern (Rechenmodell von Arup) und Hersteller (Finnforest Merk, digitalisierte Fräsmaschine, manuelle Nachbearbeitung). Selbst für eines der versiertesten Konstruktionsbüros der Welt war es zwischen „hochkomplexer, dreidimensionaler Finite-Elemente-Analyse“ und „automatisierten Iterationsroutinen“ eine starke Herausforderung. „In einem sehr zeitaufwändigen Prozess mussten immer wieder neu sich ergebene Abhängigkeiten gerechnet werden, solange bis das Gleichgewicht im Tragwerk erfüllt war und nirgends die zulässigen Kräfte überschritten wurden“ (Arup/Finnforest Merk).

Die verklebten Platten konnten zwischen 70 und 311 mm unterschiedlich dick sein. Es ergab sich eine architektonisch dramatisch gesteigerte Anmutung des Tragwerks; und das fanden die Architekten gut.

Auch die Gründungen und Basiskonstruktionen für die frei im Raum schwingenden Wolkenstürmer aus Holz sind erwähnenswert. Wegen der römischen Ruinenreste und der Entscheidung, sie im Souterrain für das Publikum sichtbar zu machen, war man nicht frei in der Positionierung der Fundamente. Letztendlich führte das zu einer Kombination aus verschiedenen Tragwerkslösungen. Für die Fundamente und zylindrischen Aufzug stürme unter dem geplanten Restaurant wurde Stahlbeton verwendet. Der Museumsbereich wird durch weit ausladende Stahlverbundträger und -decken überspannt. Ein weiterer Baustein ist in rund 21,50 m Höhe eine Stahlverbundkonstruktion als tragende Plattform für das Restaurant und umfasst zwei der sechs Parasols (3+4). Elegant wirken deren notwendigen, diagonalen Druckstreben aus Stahlhohlprofilen, die mit ihrem Neigungswinkel dem Lauf der Treppen folgen, die sich um den runden Versorgungskern für die Aufzüge schlängeln.

Neue architektonische Formensprache für ingeniösen Holzkonstruktionen

Volker Schmid, Professor am Institut für Verbundstrukturen an der TU Berlin und in der Anfangsplanungsphase im Büro Berlin von Arup beteiligt, nennt Metropol Parasol „ein neues Wahrzeichen für den Ingenieurholzbau“. Und das dank mehrerer Innovationen: Erstens lobt er die „neuartige tragende Verwendung von Furnierschichtholzplatten in weit gespannten und frei geformten Konstruktionen.“ Zweitens „eine erstmals in solch großen Rahmen planmäßige Verwendung der Temperierung von Expoxid-Klebstoffen für Verbindungen im Holztragwerken.“ Und drittens „den konsequent angewendete Spritz­schutz durch 2-3 mm Polyurethan auf Holztragwerken.“ Man darf hinzufügen, dass sich, nachdem die Architekten die Kosten über einen Zeitraum von 50 Jahren untersucht hatten, diese Holzkonstruktion als die kostengünstigste erwiesen hatte.


J. Mayer H. im Gespräch mit der DBZ:

Wurden Sie von der Metapher des Schatten spendenden Baumes inspiriert oder war es etwas ganz anders?

JMH: Ich möchte der Interpretation von Metropol Parasol nicht vorgreifen. Es sind viele Aspekte, die beim Entwerfen eine Rolle spielten. Generell sind in unseren Arbeiten das Programm, der Ort und die Performance des Projektes die wichtigsten Ansatzpunkte. Eine Komplexität in der Geometrie, wie wir sie selten vorher erreicht haben, gab uns den Freiraum für eine ungewohnte Nutzungs- und Aktivierungsvielfalt. Es war ausschlaggebend, dass wir gleich zu Anfang in dieser sommers sehr heißen Stadt vom Schatten als erste „Materialität“ ausgingen, um einen lebendigen öffentlichen Raum zu ermöglichen, und alles andere hat sich dann sukzessiv eingeordnet.

Die Linien und Geometrien stammen aus dem Kopf des Entwerfers. Wie? Urplötzlich? In Schüben? Als System?

JMH: Wir orientierten uns auch an Referenzen aus Sevilla. Einmal atmosphärisch/räumlich an einem Platz in der Nähe mit riesigen Fici Benjamini; ein anderes Mal strukturell/konstrutkiv wenn man von der Giralda auf die gewellten Steindächer der Kathedrale schaut. Im Inneren der Kathedrale definiert die Konstruktion den Raum, ähnlich wie auch bei Metropol Parasol. Wir entwickelten als ersten Schritt bei Metropol Parasol eine Dachfläche. Die haben wir mit Scherenschnitt-Modellen weiter untersucht und dann jene Geometrien verfolgt, die am selbstverständlichsten im Stadtraum wirkten, von denen wir sagen konnten, das fühlt sich richtig an. Anschliessend folgte die dreidimensionale Verformung. Damit begann für uns die Gestaltung der Skulptur und der Räume für das urbane Leben im 21. Jahrhundert – solche, die neugierig machen.

2004 kam der überraschende Wettbewerbserfolg für Sie, allerdings mit einer geschlossenen Struktur aus Stahl und danach haben sie stark überarbeitet – warum?

JMH: Richtig – es waren umhüllte Radialstrukturen. Nach vielen Form- und Konstruktionsexperimenten hat sich als spannender herausgestellt, das Volumen ohne Haut zu bauen. Mal abgesehen davon, dass die ursprüngliche Struktur beinahe unberechenbar gewesen wäre, war die Entscheidung richtig, ein theoretisches Endlosraster in Nord-Süd-Richtung von 1,50 m x 1,50 m mit der organischen Form des Parasol zu konfrontieren. Alles, was innerhalb dieser Form bleibt, wurde gebaut, alles andere bleibt unsichtbar. Die so entstandenen Holzscheiben genügen unterschiedlichen statischen Kräften und sind unterschiedlich dick. So kam es zu weiteren Spannungsbögen und -linien, die die skulpturale Qualität der Parasols verstärkten.

Wer traf die wichtigsten Entscheidungen – der Architekt, der Ingenieur?

JMH: Die ursprüngliche Gestaltungsidee kam von uns, in der ersten Phase waren wir noch allein, in der zweiten Phase, als dann immer deutlicher wurde, dass wir bauen würden, haben wir dann Arup ins Boot geholt. Wir waren im ständigen Dialog. Dadurch hat Metropol Parasol weitere Ausdruckskraft bekommen. Ein Beispiel dazu: Anfangs wuss ten wir nicht, dass die Fußpunkte Brandschutzmanschetten brauchten. Jetzt haben wir die dazu benutzt, dass jeder Parasol seinen richtig starken Auftritt auf dem Boden bekam.

Würden Sie es noch einmal tun?

JMH: Ja, aber die Frage ist hypothetisch, weil so eine Situation nicht wieder kommt; bzw. anfangs die Planung viel bescheidener war. Unsere Unbefangenheit, wie wir das Projekt angefasst haben, hat eine Frische mit sich gebracht, die diese Stadt verändern wird. Es ist sensationell, dass Metropol Parasol überhaupt gebaut worden ist; in einer deutschen Altstadt wie Regensburg oder Heidelberg, nicht einmal in den Metropolen, hätte ein solch futuristisches Projekt eine reelle Chance besessen. Hier in Sevilla ist die Resonanz großartig, auch wenn es natürlich auch kritische Stimmen gibt: Es bringt viel Freude mit sich und ist doch sehr befriedigend, wenn man Emails bekommt wie: „Hallo ich heiße Chico und bin Siebzehn. Vielen Dank für dieses tolle Projekt, das ist meine Stadt und meine Zukunft – ich freue mich darauf!“ Wann bekommt man den sonst schon einmal als Architekt solche Briefe?

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