Mehr Licht, mehr Luft, viel mehr
„Neue Galerie Kassel“, Kassel

„ … wozu jedoch ein derartiges Gebäude um allseitig seine Zwecke zu erfüllen, auch noch eine gute Aussicht braucht, ist nicht erfindlich.“ (Kommentar der Königlichen Generalverwaltung auf das Architektengutachten zur Standortwahl, 1869)

Geschichte/n

Das „derartige Gebäude“ war nichts weniger als der Vorgängerbau der heute so genannten Neuen Galerie Kassel, damals „Königliche Gemäldegallerie“. Ihr Architekt, der sich mit seinem Vorschlag, den Neubau an der Schönen Aussicht zu realisieren schließlich durchsetzte, war der Baurat Heinrich Dehn-Rotfelser (mit dem Galerie Inspektor Carl Aubel). Sein Entwurf lehnt sich an der Grundrissdisposition der Alten Pinakothek von Klenzes an: Zwei ausgestellte Kopfbauten fassen einen in der Längsachse dreigeteilten Langbau zwischen sich: Loggia, Oberlichtsäle und Seitenlichtkabinette, alle miteinander verbunden. Als der Bau 1871, dem Gründungsjahr des unseligen Deutschen Kaiserreichs, begonnen wurde, war der Dehn-Rotfelser-Entwurf von Berlin aus leicht korrigiert worden; so stehen heute die beiden Karyatiden im Südportal ohne Balkon vor der Fassade; zu teuer.
Der 1877 fertiggestellte „Kunsttempel“ á la Schinkels Altes Museum in Berlin, staubte in den folgenden Jahrzehnten immer mehr ein, seine Kritiker warfen dem Architekten „unschöpferische“ Nachahmung vergangener Kunst­epochen vor, das Museum sei von der Fassade aus nach innen geplant und für zeitgemäße Kunstausstellungen nicht geeignet.
Der Weltkrieg 1939-45 beschädigte das Gebäude beträchtlich, zeitweilig wurde über seinen Totalabriss laut nachgedacht. Bis zu dem Tage, an welchem der damalige Direktor der staatlichen Kunstsammlungen, Erich
Herzog, mit seinem „Herzog-Plan“ 1962 die Grundlinien für die Kassler Museumslandschaften zog. In seinen Vorschlägen sollte die „Alte Galerie“ als „Neue Galerie“ ein Haus für die Moderne werden. Das erscheint, mit Blick auf die Staubhöhe in den Galerie­räumen zunächst verwunderlich, doch erstens sollten dazu die städtischen mit den staatlichen Sammlungen vereinigt werden (19. und 20. Jahrhundert), und zum zweiten war in dem teils schon ruinösen Bau immer mal wieder die documenta zu Gast.

Treppenhaus verkleinert und verlegt, Tapeten verklebt

Es gab also Neuplanungen, die in die Fünfziger Jahre zurückreichen, ganz konkret jedoch erst ab 1965 realisiert wurden. Ein zentraler Eingriff in den Bestand war die Verlegung der Haupttreppe aus dem nordöstlichen Kopfbau (Haupteingang) in die Mitte des Langbaus. Der Kopfbau wurde dazu komplett abgetragen und mit nur ca. einem Drittel der Originalsubstanz wieder neu errichtet. Mit der Treppenverlegung wurde Ausstellungsfläche gewonnen. Zum Obergeschoss wurde ebenfalls das Erdgeschoss als Galerieraum genutzt, und selbst im Untergeschoss waren jetzt (kleine) Ausstellungsräume vorgesehen. Seitenlichtkabinette, Galerie und Loggia wurden als ensuite-Einheit von den zentralen Sälen getrennt, um diese temporär (documenta) bespielen zu können. Es wurden Marmorplatten, auch Teppichboden verlegt, und Tapeten auf die originalen Holzverschalun­gen geklebt, die historische Farb- Mustervorlagen kopierten. Dieses Übertünchen von Vergangenem dauerte bis in die Neunziger Jahre, hier argumentierte man mit der Überweissen der Treppenhauswände beispielsweise mit der Forderung nach größerer Neutralität des Ausstellungsraums, aber auch ganz pragmatisch mit einem Zugewinn von Tageslichthelligkeit. Gleiches geschah auch mit den Kabinetten entlang der Frankfurter Straße.

Sanierung 2006-2011

„Ziel des Entwurfes ist es“, so die Architek­ten, „die räumlichen Qualitäten und Eigenarten des bestehenden Gebäudes heraus­zuarbeiten und aus diesen zeitgemäße räumliche Sequenzen für die vorgesehenen Ausstellungsthemen zu entwickeln.“ Räumliche Qualitäten, die bot der Bau in seinem formalen Rückgriff auf Leo von Klenzes Alte Pinakothek: Gradlinigkeit, Übersicht in den Grundrissen. Damit ließ sich arbeiten. So wurden die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte zurückgenommen: Das zurück­gezogene Treppenhaus kehrte in den nordöstlichen Kopfbau zurück, hier jedoch an den Rand und quer zur Längsachse. Die sich daraus ergebene Grundflächenverkleinerung schuf viel Platz im zwei Geschosse hohen Foyer mit Ausblicken auf alle Museumsebenen. Mit dem geforderten Einbau neuer Sicherheits-, Klima- und Hängetechniken wurden sämtliche Wände aber auch Böden gesäubert und mit neuen Materialien belegt: Der Boden ist überall heller, geschliffener Beton, die Wände mit Putz in drei verschiedenen, nach oben hin heller werdenden grau-braun-Tönungen.
Der einheitliche Boden und die dezente Farbgebung halten die Raumwelt der Neuen Galerie zusammen. Denn abgesehen von neuen Flächen im Untergeschoss (Wechsel- und Sonderausstellungen, Technik, Depot) bietet das Original auf jeder Ebene unterschiedliche Raumlandschaften: Im Erdgeschoss umschließen die gereihten Kuppelräume als Seitenlichtkabinette und die Wandelhalle die innen liegenden Haupträume, im Obergeschoss sind die ebenfalls gereihten Kabinette mit Seitenlicht eher schlichte Ausstellungsgehäuse, die Wandelhalle ist hier die Loggia mit ihren großen, endlich wieder geöffneten Fenstern zur Karlsaue hinaus. Die so gefasste Enfilade der Hauptsäle folgt mit jetzt prismatisch gestreutem Tageslichteintrag immer noch dem ersten Entwurf von 1871. Und natürlich wurden alle Ebenen behindertengerecht zugänglich gemacht, selbst die durch die Umsetzung der Haupttreppe notwendig gewordenen Fluchttreppenhäuser haben Form und sind mehr als reinste Notwendigkeit.

Fenster

Großen Wert legten die Architekten auf die Behandlung der historischen Fenster, die, über eine allgemeine Mauerwerkssanierung hinaus, beinahe unangetastet und zugleich komplett neu aufgerüstet wurden. Die vorhandene Weitung der Fensterlaibungen nach innen wurde oberflächig gedämmt und durch einen Screen nach innen bündig geschlossen. Hinter dem Screen gibt es Abluftauslässe nach oben sowie eine Reihe von in die Brüstung versenkten LEDs, die in den Dämmerungs- und Abendstunden Tageslicht nach innen simulieren sowie nach außen hin ein leuchtendes Haus zeigen. Die innen vor der Außenscheibe arbeitenden Rollos schützen die Kunst innen von Sonnenauf- bis Untergang. Die Fensterrahmen wurden so hinter das Mauerwerk gezogen, dass sie außen beinahe unsichtbar bleiben.

Klima

Da die Neue Galerie ein innen weitestgehend unverbauter Massivbau ist, konnte der Aufwand der Klimatisierung der Räume auf ein Minimum zurückgefahren werden. Die geringen Temperaturschwankungen im Gebäude werden über eine Fußbodenkühl- und -heizanlage gesteuert, die Lüftung reguliert raumgruppenweise die Luftqualität (Hygiene/Feuchte).
Eine Besonderheit stellen die Wandelhalle und die Loggia da (beide ohne empfindliche Kunst), hier kann über die Sonneneinstrahlung der weit geöffneten Fassade ein Temperaturplus gegenüber den Ausstellungsräumen von 3 ºC erreicht werden. Das ist mehr als eine irgendwie geartete Klimaschleuse, die Temperaturdifferenz in den neu und zur Landschaft geöffneten Räumen möchte ganz subtil Außenklima andeuten: Die Besucher treten aus den (licht)kühleren Ausstellungsräumen scheinbar hinaus ins Freie.

Ausblick

Der Umbauentwurf des Büros Staab Architekten, Bestandteil einer Gesamtplanung von Albert Speer & Partner Bogner.cc (cultural consulting) aus dem Jahre 2005 zur Neuordnung der Kassler Museumslandschaft, ist ein erster wichtiger Baustein in der Erweckungs­geschichte einer eben auch baulich komplexen Kulturlandschaft. Mit der pragmatischen wie zugleich sensiblen Sanierung, die Säuberung, Neuordnung und technische Aktualisierung umfasst, haben Staab Architekten die Messlatte für die noch folgenden Arbeiten in der Kasseler Museumslandschaft hoch gesetzt. Be. K.

Baudaten

Objekt:
Neue Galerie Kassel, Umbau und Sanierung

Standort:
Schöne Aussicht 1, 34117 Kassel

Bauherr:
Land Hessen, vertreten durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, vertreten durch das Hessische Baumanagement

Nutzer:
Museumslandschaft Hessen Kassel

Architekten:
Staab Architekten, Berlin

Mitarbeiter:
Per Pedersen, Jan Holländer, Ayse Hiçsasmaz (Projekt­leitung), Anne Kirsch, Jens Achtermann, Antje Bittorf, Diana Šaris, Sibel Yilmaz, Julia Löscher, Sonja Löscher, Sonja Hehemann, Petra Wäldle

Bauleitung:
Atelier 30, Kassel

Bauzeit:
08/2009 bis 09/2011

Landschaftsarchitekt:
Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin


Fachplaner

Tragwerksplanung:
Fehling + Jungmann GmbH, Kassel

Technische Gebäudeausrüstung:
Gebäudetechnik Dresden GmbH

Lichtplanung:
Licht Kunst Licht, Berlin


Projektdaten

Nutzfläche gesamt NF:
4 150 m²

Brutto-Grundfläche BGF:
7 850 m²

Brutto-Rauminhalt BRI:
39 800 m³

Baukosten

Gesamt brutto:
25 Mio. €

1 Natursteinverblender mit Mauerwerk verzahnt

2 Aluminiumprofil auf Dämmung verklebt, stranggezogen, scharfkantig, eloxiert

3 Adapterrahmen, Aluminium, eloxiert, mit Klemmsystem befestigt

4 Aluminium-Tragprofil, stranggepreßt, mit angeformter Nut und Profilierung

5 Laibungs- bzw. Rahmenheizung, selbstregelndes Heizband, unter Laibungsblech bzw. am Rahmen befestigt

6 Structural Glazing, Isolierglas

7 Sonnenschutzrollo, seitlich und unten in der Nut des Tragprofils geführt

8 Öffnung, verdeckt, für planmäßige Falzentwässerung

9 Aluminium-Fensterbank, eloxiert

10 Naturstein-Fensterbank, gefräst zur Aufnahme des Wetterschenkels

11 Brüstung, wandbündig ausmauern

12 Putzleere, Stahlblech, matt

13 Aluminium-Kederrahmen, stranggepreßt

14 Wanne zur Aufnahme der LED, gekantetes Aluminiumblech, matt

15 LED-Beleuchtung

16 Abdeckung mit satiniertem Kunststoff als Bestandteil der Leuchte

17 Stahlblech, matt

18 Abluft

19 Textilbespannung, transparent, mit umlaufendem Keder konfektioniert

20 Gipskartonbeplankung

1 Foyer

2 Ausstellung

3 Beuys-Raum

4 Wandelhalle

5 Verwaltung

6 Anlieferung

7 Werkstatt

8 Luftraum

9 Galerie

10 Loggia

11 Museumspädagogik

12 Garderobe

13 Technik

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