Haus im Haus, Ammersee

Mehr-Energie-Haus
Haus im Haus, Ammersee

Eine (unheilbare) Krankheit und der Wunsch, im eigenen Heim wohnen zu bleiben, stellen oft ein unvereinbares Hindernis dar. Nicht so bei Architektin Anna Gmelin, die mit Leidenschaft, Witz und Feingefühl zwei am Hang liegende Reihenhäuser mit einem etwa 26 m² großen Einbau verband und zum altersgerechten Wohnen umbaute. Es ist eine sensible Bauaufgabe. Besonders, da der Verlauf der Krankheit nicht vorhersehbar ist. Das erfordert Fingerspitzengefühl. Besprechungen, Bau­stellenlogistik, Baulärm, -dreck etc.: Alles ist auf den Gesundheitszustand des Bauherrn auszurichten.

Überlegungen, mit einem Lift das Obergeschoss barrierefrei zu erschließen, wurden verworfen, ebenso die Idee das Untergeschoss zu entkernen oder das Erdgeschoss umzubauen. Die Architektin schlug vor, die zwei aneinandergrenzenden Reihenhäuser mittels eines Einbaus zu verbinden, so dass der neu entstehende Pflegeraum an den Wohnraum des Reihenhauses anknüpft. Da der Bestand weit­gehend unangetastet blieb, der Einbau rückstandslos aus­baubar ist, eine kurze Bauzeit vorsah und die Baustelle vorwiegend leise und „sauber“ sein konnte, entschied sich der Bauherr für das Experiment.

„Im Wesentlichen hierfür erscheint mir im Rückblick insbesondere der ständige und intensive Dialog mit Frau Gmelin“, sagt der Bauherr. Sie habe ihm immer mehrere Optionen aufgezeigt, ihm aber dann genügend Bedenkzeit gegeben. Ein wöchentlicher Jour Fixe in den Hochphasen des Projekts gibt dem Bauherrn die Sicherheit klarer Abläufe und Vereinbarungen. Insgesamt dauert die Zeit von der ersten Idee bis zum Baubeginn dann doch eineinhalb Jahre. Aufgrund des verzögerten Auszugs der Nachbarn, an die der Bauherr das nebenstehende Reihenhaus vermietet hatte. Als das Gebäude frei war, die Werkplanung abgeschlossen sowie die Bauvergabe erfolgt und die Baustelle eingerichtet, war der Einbau innerhalb von sechs Wochen im Sommer 2014 fertiggestellt.

Veraltete Pläne und Brandschutz?!
Die beiden Gebäude orientieren sich in den Nordosten, haben denselben Grundriss und sind von ihrer Kubatur ähnlich. Allein ein Niveau von 60 cm unterscheidet die Gebäude. Um dieses zu überwinden, ständerte Gmelin die Holz-Rahmenbauwände auf. Ein Durchbruch verbindet nun den Wohnraum mit dem Pflegeraum. Ein Glück für den Bauherrn, der nun nicht mehr bei längerer Bettlägerigkeit im unwirtlichen Untergeschoss des Gebäudes wohnen muss. Alexander Appelt von der Schreinerei Zeit nahm ein verformungsgerechtes Aufmaß, das aufzeigte, dass Pfetten und die Brandwand nicht im Lot waren. Zudem befand sich im Durchbruch der Brandwand eine Stahlbetonstütze, obwohl die Probebohrungen und die Werkplanung aus den 1970er-Jahren sie woanders verorteten. Um weiterhin Brandschutz versichert zu sein, musste u. a. der Durchbruch genehmigt werden, da zwei Wohneinheiten zu einer zusammengeschlossen wurden und somit ein Gebäude über eine Grundstücksgrenze hinweg entstand. Zudem musste ein Ausgleich angeboten werden – wie z. B. ein zweiter Fluchtweg –, da durch den Holz-Einbau die einstige Galerie wegen ihrem nun größeren Verhältnis zum Luftraum als weiteres Geschoss zu werten war und daher keinen ausreichenden Fluchtweg mehr bot. Daraufhin vernetzte Gmelin sämtliche Rauchmelder beider Gebäude – außer im Bad und in der Küche – und bekam die Genehmigung.

Maßgeschneidert

Die DIN 18040-2 nicht nur einzuhalten, sondern gezielt zu modifizieren, gelang dank der guten Zusammenarbeit mit Lothar Marx, Architekt und Honorarprofessor für „Bauen für alte und behinderte Menschen“ an der TU München. Marx beriet Gmelin zu Fragen des barrierefreien Planens in Wohnungen. Normen sind sinnvoll, erfüllen dennoch manchmal nicht die individuellen Bedürfnisse. So ist der Abstand der Stützklappgriffe in der DIN klar geregelt, verkrampft der Körper, ist er jedoch zu groß. Dass der Mülleimer auf Höhe des Knies an der Wand neben dem WC angebracht wurde, war die Idee der Architektin. Er kann nun mit dem Knie geöffnet werden. Es sind solche speziellen Lösungen, die das Projekt bestimmen. Alles hat seinen Platz, nichts ist dem Zufall überlassen, maßgeschneidert also – darauf ist Anna Gmelin stolz, zu Recht! Das gesamte Bad mit schwellenlosem Übergang, barrierefreier Dusche sowie unterfahrbarem Waschtisch ist auf ca. 8 m² untergebracht. Wenig Platz, wenn man bedenkt, dass ein Rollstuhl einen Wenderadius von 1,5 x 1,5 m hat. Die gesamte Installation ist an den Bestand angeschlossen. Hell ist der Raum geworden; mit Aussicht auf den Garten und ein PVC, frei von Schadstoffen, in hellem Gelb, das die Wand ebenso bedeckt wie den Boden – es funktioniert wie eine Wanne. Fugenlos verlegt, nimmt es die Gefahr der Rissbildung. Die Entscheidung fiel auf dieses PVC, da bei anderen Produkten „vordergründig die Rutschhemmklassen passten, aber nicht die notwendige Wasserverdrängung im Duschbereich“, sagt Gmelin. Die Schwelle zum Wohnraum ist leicht angeschrägt, so dass Wasser bis zu 1 cm Höhe im Bad gehalten wird.

Im Raum, der Wohnen, Schlafen, Essen vereint, hat sich der Bauherr für einen Teppich als Bodenbelag entschieden. Für solch ein kleines Projekt ist es schwierig Materialien zu finden, die den Anforderungen entsprechen, optisch ansprechend sind und in kleiner m²-Zahl angeboten werden. „Ich bin erstaunt, wie speziell der Markt ist. Viele barrierefreie Produkte sind nicht einfach einsetzbar“, sagt Anna Gmelin. So ist der Teppich dann in der Farbe Orange ein Kompromiss – aus ästhetischer Sicht. Die Farbe Orange findet sich in der Jalousie der Oberlichter wieder.

Um dem Bauherrn möglichst lange die Selbstständigkeit zu ermöglichen, sind Handläufe vorgesehen und eine Absturzsicherung als unterfahrbarer Schreibtisch ohne Verblendung zum Panoramafenster. So stellt die Architektin den Bezug nach außen her. Jalousien und Vorhänge, die Leuchten, das Fernsehgerät sowie die Heizung sind mit Schaltern vom Bett aus bedienbar. Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung garantiert eine dauernde Versorgung für den Notruf, der ebenfalls neben Bett und neben dem WC angebracht ist.

Minimale Mittel

Die Architektin beschränkte sich auf wenige Farben und Materialien, die sie in Abstimmung mit dem Bauherrn fünf Monate vor Baubeginn aufgrund der Krankheit zu Hause auswählte. Die Holz-Rahmenkonstruktion, bestehend aus 2 x 19 mm weiß lasierten Dreischichtplatte Fichte, 60 mm Holzständern und 40 mm Holzfaserdämmung, ist auf einem Doppelboden aufgeständert – vom Bestand entkoppelt, um keinen Schall zu übertragen. Lediglich im Bad ist die vertikale Trägerschicht 27 mm dick, um punktuelle Lasten, wie an der Wand befestigte Objekte, aufzunehmen. Nicht jede Firma konnte die individuellen Detaillösungen der Architektin anbieten, da ein hohes Maß an Vorfertigung nötig war, um die Baustelle möglichst lärm- und staubfrei zu halten. Die Idee der Schattenfuge hatten Architektin und Schreiner, nachdem die Pfetten nicht im Lot waren. In enger Zusammenarbeit setzten Appelt und Gmelin den Entwurf um. Insgesamt waren dann doch 80 Personen an dem „kleinen“ Bau beteiligt.

Um den Baulärm zu reduzieren, behalfen sich die Architektin und die Fachplaner ganz eigener Mittel. In den Durchbruch, der für die Zeit der Baustelle durch eine OSB-Platte verschlossen wurde, stopften sie während lauter Arbeiten einfach eine Matratze, die die Geräusche deutlich minderte. Mit kleinen Kniffen, einem mutigen Bauherrn und flexiblen Fachplanern realisierte Architektin Anna Gmelin einen individuellen Entwurf. Sie liebe es zu knobeln, sagt Anna Gmelin. „Und ich habe keine Angst mehr vor dem Tag, an dem ich in ein Pflegeheim und von daheim weg muss“, sagt der Bauherr. Der Einbau gäbe ihm Energie, denn er kann nun bei seiner Frau in seiner vertrauten Umgebung wohnen bleiben. S.C.

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