LC aufgefrischt

Die Frage – schon wieder eine, s. l. – ob denn nicht bereits alles über Le Corbusier gesagt sei, kann man sich stellen. Doch einerseits wohl auch nicht: Oder sind alle Briefe schon ausgewertet? Alle Tage- und Skizzenbücher gelesen? Sind alle realisierten und Plan gebliebenen Bauten entdeckt und richtig zugeordnet? Andererseits ist diese Frage angesichts dieser 2. Auflage vielleicht nicht ganz richtig. Denn verändert gegenüber der ers­ten wurden mit Einleitung und Schlusskapitel ­lediglich der Rahmen und die Bibliografie. Nichts Neues also. Oder doch?

Die 2. Auflage bringt Hinweise auf ausstehende Abschlüsse von aktuellen Renovierungen. Das Schlusskapitel ist um weniges ergänzt wie auch die Bibliografie. Immerhin: Mit der Neuauflage haben wir ein Buch wieder verfügbar, dessen erste Auflage von 2013 vergriffen scheint.

Dem Hinweis der Autoren zu Beginn, Le Corbusier habe mit seinem Spätwerk – zu welchen die Sakralbauten definitiv zählen – eine Art von Lebensbilanz vollzogen, folgen die Kapitel konzeptionell wie auch gestalterisch. Wogegen sich Nikolaus Pevsner 1975 wehrte – Le Corbusiers Kirchenbauten waren ihm eine Art von Flucht aus der Realität – dem folgen die Autorinnen mit Überzeugung. Sie sind auf der Suche nach dem emotionalen Le Corbusier, der in ihren Augen weniger Rationalist war, wie man ihn aus der Stadtplanung beispielsweise vor Augen hat, sondern eher ein Gebildeter, dessen Zugriff auf die Wirklichkeit über eine starke symbolische Sprache gesteuert war. So werden wir gleichsam an die Hand genommen und in den religiösen Kontext mitgezogen und zwar zu denen, die den Architekten in seinem späten Werk maßgeblich begleitet haben: den Priestern, genauer: den Mönchen.

Wir sehen die Kircheninnenräume, ihr überwältigend schönes Raumlicht, wir sehen Aquarelle, Zeichnungen und Ölbilder und sehen den Meister bei den Mönchen sitzen. Dann – wie ein Blitz aus heiterem Himmel – eine halbe Seite zu den Betonfertigteilen in Saint Marie la Tourette. Dann ein Kapitel zur Religiosität, dann am Ende, Blicke auf verwandte Bauten anderer (gläubiger?) Architekten.

Ob wir am Ende mehr wissen? Erinnerung aufgefrischt, an Gewusstes neu angeknüpft. Aber ob der hier geübte Blick genügend kritische Distanz zum Betrachteten hatte, mag man bezweifeln. Be. K.

Flora Samuel und Inge Linder-Gaillard, Sacred Concrete. The Churches of Le Corbusier. Birkhäuser, Basel 2020, 232 S., 120 sw- u. 70 Farbabb.59,95 €, ISBN 978-3-0356-2171-6

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