„Kontrolliert unerschrocken“

Prof. Johannes Kister zum Thema „Umnutzen“

Dass deutsche Städte ihre Entwicklung aus dem Umgang mit dem Bestand definieren, ist sicher einer der Megatrends, über den nicht hinweg gesehen werden kann – auch wenn neue Stadtteile wie die Hafencity Hamburg, der Nordhafen Berlin oder Wohnquartiere auf Transformationsarealen entstehen. Dieser Trend hat etwas mit der materiellen Lebensdauer der Nachkriegsbauten zu tun, die nun subs-tantiell überarbeitet werden müssen, aber auch mit der Adresse der jeweiligen Bauten in zentralen Citylagen. Eine Stadt wie Köln z. B., die einen immensen Nachholbedarf an Transformation von teilweise hervorragenden aber auch namenlosen 50er, 60er, 70er-Jahre Bauten hat, steht vor einer Erneuerung im Herzen der Stadt. Dies ist eine große Chance: Denn diese Erneuerung kann zum zentralen Thema verdichtet werden und würde damit Köln wieder mehr in die Diskussion des Stadtumbaus und der Smart Cities bringen. Auch könnte es z. B. als Chance für eine Bauausstellung der IBA genutzt werden, um exemplarisch die soziale, architektonische und energetische Erneuerung zu thematisieren und als städtebauliches Projekt mit vergleichbarer Tragweite wie den Wiederaufbau nach dem Krieg zu begreifen. Grundsätzlich herrscht über diesen Megatrend als Generalthema von Architektur und Städtebau ein Common Sense. Und es mag auch als Bestätigung gelten, dass seit Jahren die Architekturpreise mehrheitlich an Weiterbau-, Umbau- oder Transformationsprojekte gehen.

In Europa definiert sich bauliche Qualität immer in Relation zur Geschichte, zum Kontext, zum Bestand. Tabula rasa-Denken kommt eigentlich nicht mehr vor – es sei denn, man ist in Wahlkampfzeiten wie in Nürnberg, wo das leer stehende Quellegebäude von Ernst Neufert als zweitgrößtes Gebäude der Bundesrepublik zwischen die Fronten gerät. Dabei wird neben vielem anderen auch nicht Kenntnis davon genommen, dass die Substanz hervorragend ist und sich bestens zum Umbau anbietet. Das Neue ist in diesem Denken immer noch mit Zerstörung verbunden. Und genau das will die Mehrheit der Menschen nicht – wie wiederum die Opern- und Schauspielhausdebatte in Köln lehrt.

Es sind die Einzelobjekte, welche die Diskussion befeuern. Im Ringen um die beste Lösung darf auch nicht übersehen werden, dass die Rolle der Denkmalpflege oftmals nicht unproblematisch ist und ebenfalls einer begrifflichen Neuorientierung bedarf. Vor allem, wenn es um die numinose Zahl der Bestandsbauten in den Denkmallisten geht, die nicht unter eine Käseglocke gesteckt werden dürfen, sobald sich um sie herum das Umfeld verändert. Man kann eingeschossige Baulückenschließungen mit Flachdach als Zeugen der Nachkriegsarchitektur unter Denkmalschutz stellen, aber man muss sich auch fragen lassen, ob der Stadtraum, der eben nur begrenzt zur Verfügung steht, nicht nachhaltiger genutzt werden müsste. Aus Gründen, die mit Themen von Dichte und Ressourcen zu tun haben, aber auch mit Entwicklung von Urbanität, die sich abgekehrt hat vom Bild der autogerechten Stadt der Moderne. Bei dieser Diskussion auf Investoren als Gewinnmaximierer zu schimpfen, greift eindeutig zu kurz. Denn erfreulicherweise sind sowohl Investoren auf die adressbildende Kraft des Bestandes aufmerksam geworden – die ein Neubau kaum erreicht – als auch werden durch Qualifizierungsverfahren wie Wettbewerbe die Transformationen einer Diskussion unterzogen.

Wir sind überzeugt, dass Architektur als Baukunst in dieser Wertediskussion im Umgang mit Bestand eine zentrale Rolle spielt und als Katalysator durch Raumexperimente den Erfahrungshorizont einer Gesellschaft wesentlich prägt. Von daher ist jede Dogmatik, von welcher Seite auch immer, fehl am Platze. Denn es braucht auch entscheidend eine bestimmte Form von kontrollierter Unerschrockenheit im Umgang von Bestand oder Nachbarschaft baulicher Inkunablen. Das muss zugestanden werden.

Der Architekt

Prof. Johannes Kister, Gesellschafter kister scheithauer gross.1956 in Stuttgart geboren, 1976-1982 Studium der Architektur an der RWTH Aachen bei Prof. G. Böhm. Ab 1982 Mitarbeit in verschiedenen Büros. 1988 Gründung der Architektengemeinschaft Kölner Bucht, Gründung des Büros Kister Scheithauer & Partner 1992 (seit 1997 kister scheithauer gross). Seit 1994 Professur für Entwerfen und Baukonstruktion an der Hochschule Anhalt (FH) am Bauhaus Dessau. U. a. Beirat des Deutschen Architekturmuseums DAM Frankfurt a. M., Herausgeber „Neufert Bauentwurfslehre“. Seit 2004 Mitglied BDA Landesverband Sachsen-Anhalt, 2006-2009 Dekan Fachbereich Architektur an der Hochschule Anhalt (FH) am Bauhaus Dessau. Seit 2012 Mitglied der Fördergesellschaft Deutsches Institut für Stadtbaukunst.

www.ksg-architekten.info/de

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