Hingucker

Das Siedlungsprojekt Neuperlach war eines der größten seiner Art in  Europa. Mit ihm sollte vor der anstehenden Olympiade und ohnehin knapp werdendem Wohnraum aber mehr als eine, wie Planer sagen, „Entlastungsstadt“ geschaffen werden. Den Münchnern ging es auch um die Verwirklichung einer anderen Vorstellung vom Leben in der Stadt, um eine Art „Neue Stadt“. Das Gebaute selbst, aber auch die städtebauliche Planungsleistung dahinter, sind allerdings nicht – wie bei den Olympiabauten – Teil des kollektiven Bewusstseins.

Das will möglicherweise die vorliegende, aus drei Jahren gesammelte Forschungsarbeit zu dieser Kunststadt vor der eigentlichen leisten. Bestandsaufnahme, Analyse, Ausblick sind die großen Kapitel des vier Kilogramm schweren Readers benannt, der zustande kam auf Initiative der TU München, Lehrstuhl Entwerfen, Umbau & Denkmalpflege (Andreas Hild). Das mächtige Arbeitsbuch leistet tatsächlich Grundsätzliches. Es gibt einen gut strukturierten und trotz der Masse an Material immerzu spannend zu lesenden Überblick über den Städtebau in Europa, der sich klar an der Moderne orientierte. Dass wir nach den ganzen Hin- (Fotostrecken) und Einblicken (u. a. Semesterarbeiten, aber auch eingestreute, allgemeinere Essays zum Städtebau) am Ende die Frage, ob wir aus dem Projekt Neuperlach für die Zukunft lernen können, mit „Ja“ beantworten, verdanken wir natürlich den am Buch Beteiligten, irgendwie aber auch dem Projekt selbst. Denn auch wenn sich die Entlastungsstadt nicht in ihrer geplanten Radikalität realisieren konnte, ist sie nach 50 Jahren im Ganzen wie auch in unzähligen Details ein Hingucker. Be. K.

Neuperlach ist schön! Zum 50. einer gebauten Utopie. Andreas Hild, Andreas Müsseler (Hrsg.), Franz Schiermeier Verlag, München 2018, 704 S., mehr als 1500 Farbabb.,
44 €, ISBN 978-3-943866-65-0
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