„Grüne Mitte als Möglichkeit des Rückzuges“

Radoslava Markendudis

zum Thema „Hotel“




Das Hotel ist ein Zuhause auf Zeit. Da möchte man sich erholen und zur Ruhe kommen – entweder von der Arbeit oder vom Sightseeing. Der Wunsch der meisten Gäste, möglichst zentral aber gleichzeitig ruhig zu wohnen, lässt sich dagegen meist nicht erfüllen. Radoslava Markendudis zeigt in ihrer Diplomarbeit, wie man direkt am Hauptbahnhof Dresden, umgeben von dichtem Verkehr, Hotelgäste ruhig schlafen lassen kann.

 

Erläutern Sie bitte Ihr Entwurfskonzept.

Das Hotel ist umgeben von stark verkehrsbelasteten Straßen. Als Antwort auf diese Hektik entwickelte sich in einer Auseinandersetzung mit dem Ort ein erhobener Innenhof mit Konzentration auf die Kronen der Bäume und das Blau des Himmels. Um dieses grüne Zentrum funktioniert der gesamte Betrieb des Hotels. Die Zimmer sind dem Innenhof zugewandt, so dass der Besucher den schönen Ausblick und die ruhige Atmosphäre genießen kann. Die Erschließung erfolgt auf der Außenseite, d.h. zur Straße, als Reaktion auf den extremen Verkehr rund um das Hotel. Somit  stützt sich das Konzept auf zwei Aussagen: Verkehr zu Verkehr und grüne Mitte als Möglichkeit des Rückzuges. Diese Punkte betrachtend ergeben sich auch die Fassaden des Gebäudes. Auf der äußeren Seite besteht die Fassade aus langen Galerien um das Hotel herum und labyrinthartigen Treppenan­lagen im Gegensatz zum inneren Erscheinungsbild des Gebäudes, wo das Grüne herrscht. Es sind kleine Austritte an den Zimmern mit Kletterhilfekonstruktionen und Kletterpflanzen statt Geländer vorgesehen.

Die Gestalt des Innenhofes greift zur Natur zurück, es soll Urwald entstehen mit Pioneer Vegetation. Die Erschließung ist begrenzt auf schmale Stege, die die Tunnel im ersten Obergeschoss verbinden. Das erste Geschoss ist für eine externe Nutzung vorgesehen. Dort soll eine Disko entstehen, die den Sockel des Gebäudes erfüllt und den Hotelraum vom Stadtraum trennt. Die Diskothek ist als höhlenartiger Innenraum gestaltet, die durch Baumwurzeln vom Wald bestimmt werden. Die Sockelfassade ist aus Sichtbeton, mit Relieftafeln von tanzenden Menschen. Das geschlossene Gebäude hat einen einzigen Durchbruch – die große Treppe, die seitlich gekoppelt wird und als Haupteingang zum Hotel dient. Die Hotelanlage beginnt auf der zweiten Ebene. Vom ersten Obergeschoss des Hotels gelangt man durch Tunnel in den Außenerschließungsbereich. Die Hotelanlage selbst ist spartanisch gestaltet. Sie besteht hauptsächlich aus Hotelzimmern und ist auf Selbstbedienung orientiert. Der Service ist auf ein Minimum reduziert. Der einzige Bereich mit Service ist die Waldbar im ersten Geschoss, die auch als Empfangsbereich dient. Das Zimmerangebot schlägt mehrere Möglichkeiten vor: Einzelbettzimmer, Doppelbettzimmer, Familien Suite und Maisonettenwohnungen. Diese sind auf minimale Flächen konzipiert, teilweise mit festen oder mit Klappmöbeln eingerichtet.

 

Sie beabsichtigen, den Service und die Zimmerflächen auf ein Minimum zu reduzieren und zudem auf Selbstbedienung zu setzen – aus welchem Grund?

Die Reduzierung von Betriebskosten und minimale Zimmerflächen erlauben eine günstigere Unterkunft, was aber nicht automatisch
weniger Qualität und Erlebnis heißen muss. Allerdings funktioniert mein Konzept nur bei ausreichender Auslastung des Hotels. Deswegen sollte beachtet werden, dass die Preise für einen großen Personenkreis erschwinglich bleiben.

 

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste bei der Hotelplanung und warum?

Für mich war schon immer der Kontext, die Umgebung des zu bauenden Hotels der Ausgangspunkt. Es ist sehr schwer etwas zu erschaffen, was sich in den vorgegebenen Standort einpasst und nur da vollständig funktionieren kann.

 

Wagen Sie eine Zukunftsprognose: Wohin geht der Trend bei der Hotelplanung?

Ich glaube, der Trend entwickelt sich dahin, mehr in Richtung extreme Orte zu bebauen. Unerforschte Gebiete haben Menschen schon immer gelockt und bieten Attraktionen, auf die heutige Hotels kaum noch verzichten können, um einen großen Kundenkreis anzusprechen.

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