IGuzzini Headquarter

Gesucht: Die beste konstruktive Lösung
Im Gespräch mit dem Architekten Josep Miás und dem Ingenieur Josep Ramon Solé, Barcelona
www.miasarquitectes.com, www.windmill.com

Für Architekt Josep Miás und Statiker Josep Ramón Solé ist der Weg zur besten konstruktiven Lösung ein kreativer Prozess. Gemeinsam entwickelten sie das iGuzzini Headquarter in Barcelona. Ein Gespräch über eine besondere Arbeitsbeziehung und ein besonderes Gebäude. 

DBZ: „Wenn ich das iGuzzini Headquarter ansehe, fallen mir russische Konstruktivisten wie Vladimir Tatlin, aber auch Richard Rogers, Renzo Piano, Nicholas Grimshaw, Buckminster Fuller und Frei Otto als mögliche Referenzen ein. Gibt es ein konstruktives Vorbild oder einen Architekten, den Sie besonders schätzen?“

Josep Miás: „In Bezug auf den russischen Konstruktivismus interessieren mich Projekte, die fern von der Realität sind. Für mich geht es dabei um die Ambition, etwas Unmögliches zu schaffen und an etwas zu denken, das vielleicht nicht zu bauen ist. Generell schätze ich Architekten, die Außergewöhnliches erreichen wollten.Ich mag Gebäude, die ihre Struktur zeigen und ihr Gerüst.

Josep Ramòn Solé: „Ich bin in unserer Zusammenarbeit der Trouble-Shooter. Die Herausforderung ist sehr wichtig für Josep. Speziell in diesem Projekt. Sie ist in jedem Punkt, in jeder Säule, in jedem Knoten zu finden. Wenn Sie sich Zeit nehmen, das Gebäude zu analysieren, werden Sie leicht erkennen, dass keine Verbindung, kein Gelenk und kein Knoten gewöhnlich sind. Alles ist speziell für eine spezifische Situation ausgedacht, entwickelt und gelöst.“

DBZ: „Wie würden Sie die Aufgaben beschreiben, die dieses Gebäude zu erfüllen hatte?

Josep Miàs: „Ich wollte in erster Linie ein Gebäude erzeugen, das Energie verkörpert. Die Energie, die man zum Leben braucht. Wir haben es in der tiefsten Krise gebaut, natürlich mit privatem Geld. Aber es ist wirklich eine optimistische Sicht der Moments. Das ist sehr ungewöhnlich. Ich denke, dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit, Optimismus, Positivismus ist wirklich wichtig. Natürlich war dafür eine große Anstrengung nötig. Aber durch dieses Gebäude – seine Ausstrahlung, diese fast religiös anmutenden Räume - kann man sein Vertrauen in die Menschheit zurückgewinnen. Das ist für mich ein springender Punkt.“

DBZ: „Wie sieht die Aufgabenstellung für dieses Gebäude aus Ihrer Sicht aus? Es muss vielen Kräften strotzen, transparent sein, dem Wind stand halten.“

Josep Ramón Solé: „Zum ersten gab es uns die Möglichkeit, zu versuchen, auf eine ganz spezielle Art und Weise mit der Struktur arbeiten. Wenn man ganz grundsätzlich über das Verhalten dieser Struktur nachdenkt, gibt es zwei ziemlich einzigartige Prinzipien. Zum ersten sind alle Decken von einer zentralen Säule abgehängt. Eine andere sehr eigenwillige Lösung ist das Verhältnis von der Höhe zum Querschnitt der Säulen. Es ist sehr niedrig, also verhält sich der Wind wie ein vertikaler Träger, wenn er um und durch die Fassaden streift.“

DBZ: „Das heißt, an diesem Objekt konnten Sie unterschiedliche statische Ansätze kombinieren?“

Josep Ramón Solé: „Wenn Sie die kleineren Teile des Gebäudes analysieren werden Sie andere Antworten finden als bei den großen Tragstrukturen. Sie müssen also für jeden einzelnen Teil eine neue Lösung nachvollziehen. Mir gab dieses Gebäude die Möglichkeit, unterschiedliche Arbeitsweisen an der Struktur zu überprüfen.“

DBZ: „Haben Sie von Anfang an das Projekt gemeinsam weiterent­wickelt?“

Josep Miàs: „Ja, unsere Arbeitsweise überschneidet sich von Anfang an. Es ist nicht so, dass man ein Gebäude hat und der Statiker stellt die Säulen hin. Es ist eine Art von Konversation. Ich habe eine Intui­tion, wie die Sachen funktionieren könnten und wir entwickeln gemeinsam eine endgültige, sehr präzisen Lösung. Wichtig ist, nicht aufzugeben und ständig an diesem Prozess dran zu bleiben.“

Josep Ramon Sole: „Man trifft sich häufig zu Besprechungen und verbringt viel Zeit miteinander. Wenn man in Miás Büro ankommt, hat er schon die Zeichnung einer Säule gemacht oder schon zwei, drei Säulen-Modelle gebaut. Das ist keine normale Art, zu arbeiten. Aber es bringt natürlich ganz andere, wirklich gute Resultate.“

DBZ: „Dieses Gebäude ist wie ein Eisberg. Ein großer Teil davon liegt unter der Erde, nur ein kleiner, repräsentativer Teil ragt heraus. Er hat eine sehr prägnante Form. Ich muss an eine Glühbirne denken, wenn ich sie sehe. Ist das die richtige Assoziation?“

Josep Miás: „Wenn Sie sich an dieses Gebäude auf eine sehr einfache Weise erinnern können und ein Bild wie beispielsweise die Glühbirne dazu haben, dann funktioniert es als Landmark. Im Fall einer Leuchtenfirma es natürlich gut, wenn Sie eine Glühbirne oder eine Leuchte assoziieren. iGuzzini benutzt es auch als eine Leuchte.“

Josep Ramón Solé: „Wenn man dieses Gebäude als Leuchte betrachtet, zeigt sich sofort, was geschieht, wenn man den Maßstab ändert. Wenn Sie an Ihre Leuchte neben dem Bett denken, dann ist dieses Gebäude mehr als hundert Mal größer. Galileo Galilei untersuchte die Skelette von Tieren. Dabei  fand er heraus, dass die Tragfähigkeit und Porosität der Knochen exponential schlechter wird, wenn Sie den Maßstab ändern. Es ist ein guter Ansatz, sich unter diesem Gesichtspunkt die Leuchte anzusehen. Wenn Sie den Maßstab ändern, müssen die Querschnitte in der Relation wesentlich größer werden, als Sie dachten. Dadurch ändern sich die Proportionen stark.“

Josep Miás: „Manche Gebäude verlieren auf dem Weg vom Modell zur Realität ihre Proportion und werden zu Monstern. Die Veränderung des Maßstabs zu verstehen, ist sehr wichtig. Viele Architekten machen Modelle aus Papier. Sie realisieren nicht, dass sogar sehr dünne Wände und Decken im Vergleich zum Papier monströs sind. Deshalb sind viele Gebäude einfache Kisten, da man hier leicht den Maßstab wechseln kann. Bei diesem Gebäude war es schwieriger!“

DBZ: „Am Ende wurde das Ziel erreicht? Erklärt dieses Gebäude, wie die Kräfte verlaufen?“

Josep Ramón Solé: „Natürlich. Und zwar sehr klar und eindeutig, aber auf eine sehr ungewöhnliche Weise. Wenn Sie sich dieses äußere, rote, bananenartigen Fachwerk ansehen, können Sie Stahlstäbe mit unterschiedlichen Querschnitten erkennen. Die schmalen Stäbe sind auf Zug belastet, die dickeren auf Druck. Die Konstruktion ist sehr ehrlich. Sie können leicht den Lasten bis ins Fundament folgen. Dieser Weg ist nicht gerade. Wenn Sie eine Last auf die Decke des ersten Stocks stellen, dann wandert diese Last zuerst bis an die Spitze des Gebäudes und dann erst durch die inneren Säulen ins Fundament. Die Lasten haben also sehr weite Wege.“

DBZ: „Warum haben Sie diese komplizierte Lösung gewählt?

Josep Miás: „In einem normalen Gebäude haben Sie Decken und Säulen auf dem Boden. Das ist konstruktiv einfacher, aber es ist und wirkt sehr schwer. Wenn man aber dieses Gestell macht und die Lasten umleitet, entsteht ein Gefühl von Leichtigkeit. Dieser lange Umweg ist die einzige Art, um Schwerelosigkeit auszudrücken. Das ist der Grund, warum wir diese innere Struktur auswählten.“

DBZ: „Diese Lösung führte also dazu, das Gewicht der Konstruktion zu reduzieren und zartere Profile zu erreichen?“

Josep Miàs: „Wenn Sie Stahl auf Zug belasten, ergibt das schmale Stützen. Wenn Sie ihn auf Druck belasten, werden die Stützen dick. Also haben wir darauf geachtet, die Stützen vor allem auf Zug zu belasten. Wir haben den Druck nur in der Mitte. Es wirkt, als würde das Gebäude fliegen, weil die Struktur draußen sehr zart ist. Im Inneren haben wir den Druck platziert. Aber die Mitte ist ganz leer und licht- durchflutet, dadurch wirkt die Struktur leichter.“

Josep Ramón Solé: „Für mich ist dieser Punkt der interessanteste an diesem Projekt. Wir sprachen vorher über die Folgen davon, wenn man den Maßstab wechselt. Ich habe darauf hingewiesen, dass man die Proportion verliert, wenn man eine Struktur viel größer macht. Wir wollten immer große Querschnitte vermeiden. Ein Weg ist es, mit Zug zu arbeiten und Druck zu vermeiden. Eine andere Art ist, die Querschnitte zu teilen. Das ist der Grund, warum wir die tragende Stütze in fünf Stützen aufgeteilt haben. Diese fünf Säulen sind wieder in drei Teile geteilt und diese sind wieder in zwei geteilt. Die Querschnitte aufzuteilen ist ein guter Weg, um die Masse zu minimieren. Ein anderes Beispiel für diese Strategie sind die Stahlbarren an der Spitze, von denen die Säulen zusammen gehalten werden. Ich kann mich sehr genau an die erste Lösung erinnern. Es war ein massiver Stahlbarren mit einem Durchmesser von 50 cm. Strukturell ist die Antwort nun genau dieselbe: ein Stahlbarren unter Zug. Aber offensichtlich macht es im dreidimensionalen Raum einen ganz anderen Eindruck, ob man nun zehn Stahlbarren mit einem Durchmesser von 5 cm hat oder einen mit 50 cm. Die Querschnitte aufzuteilen und möglichst viele Elemente unter Zug zu setzen, war in diesem Fall ein guter Lösungsansatz. Mir ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Konstruktion in einem Gebäude viel mehr sein kann als nur eine rationelle Lösung. Bei den Arbeiten von Josep Miás ist sie das immer.“

Vielen Dank für das Gespräch.....Isabella Marboe, Wien für die DBZ

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