Gemeinschaftliches Zusammenleben
Das Weltquartier

In der Nähe des Veringkanals, im südlichen Reiherstiegviertel von Wilhelmsburg liegen die Gebäude der in den 1930er-Jahren erbauten Arbeitersiedlung der SAGA-GMH. Gemeinsam mit den Bewohnern wurde ein Konzept entwickelt, das auf deren Bedürfnisse und Wünsche Rücksicht nehmen sollte. Gleichzeitig sollten die Gebäude dem heutigen Energiestandard angepasst werden.

Die Arbeitersiedlung der stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft SAGA beheimatet ca. 1 700 Menschen aus etwa 30 Nationen. Die marode Bausubstanz, die nicht mehr zeitgemäßen Grundrisse und die katastrophale Energiebilanz der Gebäude machten eine Sanierung und Modernisierung unumgänglich. Das städtebauliche Quartier ist von zehn 3-geschossigen Klinkerbauten geprägt. Die in Zeile angeordneten Bauwerke gruppieren sich um einen zentralen Grünstreifen.

Von Anfang an wurden die Bewohner in die Planung einbezogen. Durch eine Befragung, die vor Ort durch die sog. „Heimatforscher“ in der jeweiligen Muttersprache durchgeführt wurde, konnten die Bewohner vorab ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern. Zudem wurden Workshops veranstaltet, die zu Dis­­­­­kussionen über die Zukunft des Quartiers einluden. Die Ergebnisse flossen in einen Empfehlungska­talog, den das Architekturbüro krause feyerabend sippel, Lübeck, als besonders positiv bewertet. Der Katalog wurde für die anschließende Wettbewerbsphase genutzt. „Überrascht“, waren kfs architekten, „dass es kaum Wünsche gab, die sich aus den unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Bewohner ergaben.“ Hauptsächlich forderten die Bewohner größere Wohnräume und größere Bäder. Dieser Bitte trugen die Architekten Rechnung, indem sie eine gute Mischung des Erhalts und der Ergänzung vorschlugen. Sie waren überzeugt, dass die äußere Gestalt der Gebäude nicht verändert werden durfte, jedoch der Innenraum großzügiger gestaltet werden musste. So entschieden sie den Wettbewerb für den Um­-bau von ca. 400 Wohnungen für sich. kfs architekten reagierten mit einfachen, aber wirkungsvollen Eingriffen auf die vorgefundene Situation. Eine um 2 m vorgelagerte Konstruk­tion auf der Gebäuderückseite schafft zusätzlichen Wohnraum als Loggia mit Vorhangfassade. Dadurch sind raumhohe Fenster möglich, die viel Licht in die Räume lassen.In den meisten der aus drei Zimmern bestehenden Wohnungen erreichen die Architekten durch eine neue Grundrissorganisation nun 4-Zimmerwohnungen mit Loggia bzw. Balkon, größerem Bad und einem Abstellraum.
Im Obergeschoss durchdringt eine Box das Dach, die große Fenster zu beiden Seiten ermöglicht. So erhalten die Wohnungen im Dachgeschoss natürliches Licht. In der Box sind der Wohnraum, die Küche und der Essbereich untergebracht. Gleichzeitig strukturiert die auskragende Box die Fassade. Da eine Innendämmung aus Platzgründen nicht möglich war, wurde ein WDVS von außen auf die vorhandene Klinkerfassade gesetzt. Mit dieser Maßnahme konnten der Primärenergiebedarf und die CO2-Emissionen um bis zu 75 % gesenkt werden. Um die Gebäudegestalt zu bewahren, verwendeten die Architekten an der Straßen- und Giebelseite Verblendriemchen. So behält die Arbeitersiedlung auch nach der Sanierung ihren typischen Charakter. Ihren Leitspruch „Aufwertung ohne Verdrängung“ setzt die IBA Hamburg im Weltquartier um, indem die Mieten über 15 Jahre fest geschrieben werden. Bis 2025 dürfen die netto Kaltmieten max. um 1,05 € steigen – von 5,65 €/m² auf 6,70 €/m². S.C.

„Der Empfehlungskatalog erleichterte uns die Aufgabe Wohnraum für Menschen aus 30 Herkunftsländern zu bauen. Er ermöglichte es uns, auf die konkreten Wünsche der Bewohner zu konzentrieren. Das Weltquartier haben wir als einen gut funktionierenden Stadtteil erlebt, dem sich die Bewohner verbunden fühlen. Fasziniert hat uns die Idee, mit behutsamen städtebaulichen Eingriffen die Gesamtsituation zu verbessern.“


Rainer Sippel, Partner bei kfs architekten, Lübeck

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