„Wohnen wird sich ver­ändern, aber nicht die
Bedürfnisse der Bewohner“


Sebastian Schaal zum Thema „Wohnbauten“

Wohnen muss jeder. Umso erstaunlicher, dass sich die Vorstellungen davon historisch so wenig verändert haben. Mit am beliebtesten scheinen Gründerzeit-Altbauten und freistehende Einfamilienhäuser zu sein. Dabei macht das ökologisch, ökonomisch und soziologisch keinen Sinn. Sebastian Schaal versucht in seiner Diplomarbeit, mit den Vorurteilen über Anonymität in Hochhäusern aufzuräumen und komponiert ein kommunikatives Wohnen in der Vertikalen.


Sie haben das Wohnhochhaus „Étude“ komponiert, erläutern Sie bitte Ihre Entwurfsidee.

Das Wohnen im Hochhaus suggeriert weitestgehend Anonymität - es entspricht vielmehr einem Nebeneinander mehrerer Individuen als einem Miteinander differenzierter Persönlichkeiten.

Terminologien wie „öffentlich - privat“ oder „Gemeinschaftsbereich - Individualraum“ in der soziologischen Definition eines Lebensraums beschreiben a priori ein begrenztes System für kleinere Wohnstrukturen, beschränkt auf einen definierten Kreis von Nutzern. Mich hat deshalb interessiert, wie der Typus „Wohnhochhaus“ konzipiert sein muss, damit es zum einen eine lebendige und kommunikative innere Welt bietet, in der der Zwischenraum ebenso wichtig ist wie der Raum, zum anderen, welches Potenzial das Miteinander vieler Individuen für deren Kollektiv bzw. Gesellschaft bedeuten kann und welche räumlichen Abhängigkeiten sich daraus ergeben.


Wie funktioniert die Komposition räumlich?

Étude bildet ein Makrosystem für die Komposition und Improvisation einer Gesellschaft sich zu bilden und strukturieren, einem Prozess, der (glücklicherweise) niemals steuerbar und von sehr vielen Faktoren abhängig ist. Ein Angebot von determinierten Räumen und Flächen, die mit einer internen Erschließungsstruktur zu einem Gesamtsystem anwachsen, bieten maximale Flexibilität in deren Nutzung mittels einer einfachen und reduzierten Grundrissstruktur, die je nach Bedarf differenzierten Anforderungen genügt und flexibel konfigurierbar ist. György Ligeti beschreibt in seiner Étude Nr. 9 die Taktstriche lediglich als Orientierung, da das Stück keiner Metrik folge, es sei vielmehr als kontinuierlicher Fluss zu interpretieren. Diese Idee einer Studie über das sphärische verschmelzen mehrerer Ebenen zu einer polyphonen Struktur wird in eine räumliche Situation transformiert und als Chance für sich neu konzipierende soziale Muster gesehen.


Welche Vor- oder auch Nachteile ergeben sich aus dem Wohnen im Hochhaus?

Das sind viele und ist pauschal schwer zu beantworten. Natürlich bildet es als Landmark unter Umständen eine Adresse für ein ganzes Quartier oder gibt diesem im besten Fall sogar dessen Identität. Leider ist es wie zuvor angedeutet häufig ein anonymer Bau­körper, in dem lediglich die Bewohner, mit dem Privileg jenseits der 9. Etage wohnen zu dürfen, etwas vom Wohnen im Hochhaus haben.

Pragmatisch gesehen bietet das Hochhaus eine hohe Wohnraumdichte, bei vergleichsweise geringer Bodenversiegelung. Allerdings ist es aus energetischen Gesichtspunkten vorerst ungünstig bezüglich dessen Oberfläche zu umbautem Raum. Hier gäbe es aber Konzeptionen dies über in die Gebäudestruktur integrierte, energetisch wirksame Elemente, zu kompensieren. Die Idee dabei ist, dass der Bewohner ein zusätzliches Angebot an Räumlichkeiten durch diese den Entwurf beeinflussenden Parameter bekommt. Es können gemeinschaftliche und kommunikative Zonen entstehen oder eine ­
optionale Wohnraumerweiterung realisiert werden mit schaltbaren ­Räumen usw. Dann bekommt das Wohnen - übrigens nicht nur im Hochhaus - wirkliche Vorteile und Qualitäten.


In welche Richtung wird sich das Thema „Wohnen“ zukünftig entwickeln, was denken Sie? Werden sich neue Grundrissformen durchsetzen (müssen) oder bleibt alles beim Alten?

Da bin ich mir sicher. Es ist schon an unzähligen Beispielen offensicht­lich, dass das Wohnen flexibler wird. Auch gibt es bereits realisierte Projekte, bei denen nicht nur Zimmer, sondern auch die Separierung des Lebensraumes aufgehoben sind und Gemeinschafts- und Individualbereiche für mehrere Wohneinheiten angeboten werden. Dieser Trend wird weiter gehen und zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion, die Basis jeder Gesellschaft, forcieren. Das müssen vor allem auch neue, flexible Wohnformen leisten, die gleichzeitig die nötige Privatsphäre und Individualität bieten. Das Wohnen wird sich verändern, aber nicht die Bedürfnisse der Bewohner. Die eigentliche Herausforderung ist es, hierauf Antworten zu finden.

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