Fulltimejob Nachbarschaft
Ein Buch nimmt das Phänomen „Nachbarschaft“ auch fotografisch unter die Lupe

Hand aufs Städterherz! Ihren Nachbarn lernen Sie zufällig im Flur kennen und, wenn die Begegnung herzlich läuft, versprechen Sie einander, einmal einen Wein zu teilen. Sie sind froh darüber, dass es dazu nicht kommen wird, das weiß und findet auch Ihr Nachbar. In Stereotypen gesprochen: Soziale Kontrolle ist Städtern ein Gräuel. Anders ist das in der Vorstadt und deren zahlreichen Neubaugebieten, in die der Städter zieht, wenn er eine Familie gründet. Das eigene Stückchen Land muss her, sobald sich ein Kind ankündigt. So bemühen sich Wachstumsstädte um Neubausiedlungen innerhalb ihrer Gemarkungsgrenzen und werben dort für Reihenhäuser mit traumverkaufenden Namen. Deren Bebauungs­dichte ist zwar auf dem Papier geringer als die des innenstädtischen Wohngebiets, und doch lebt es sich dort dichter. Man wohnt nicht mehr über- und untereinander, sondern nebeneinander. Den Nachbarn trifft man nicht mehr im Flur, sondern auf der Terrasse, in der Küche und im Wohnraum.

Der Fotograf Andreas Herzau dokumentierte die Neuentstehung einer Reihenhaus-Nachbarschaft. Seine Kamera begleitete die Menschen bei ihrem Einzug. Intime und manchmal schonungslose Bilder aus einem noch neuen Alltag. Seine Aufnahmen haben jetzt Platz in einem Buch über die gegenwärtigen Zustände von Nachbarschaft gefunden. Das Buch, herausgegeben von Daniel Arnold, Vor­sitzender der „DRH Deutsche Reihenhaus AG“, zitiert einen Bewohner: „Dies hier ist ein neues Wohngebiet und alle versuchen, sich zusammenzureißen und hier etwas Neues aufzubauen.“ Die Nachbarschaft als Fulltimejob. Das Buch fügt zudem erklärend Aufsätze und Statements zu soziologischen, historischen und kulturellen Aspekten des Nebeneinander-Wohnens hinzu. Die Kernaussage ist: Nachbarschaft braucht Toleranz. Aber es braucht offensichtlich auch Drahtzäune und hölzernen Sichtschutz zwischen den gereihten Terrassen, damit privat nicht öffentlich wird. Es braucht Rollrasen und farbigen Putz; letzteres, um das Eigene auch wiederzufinden. Nicht nur die Nachbarschaft braucht Toleranz, auch ihre Architektur: Ihre Mängel wiederholen sich in Reihungen und erzeugen erst die Enge, die den privaten Rückzug verhindert. Keine Loggien, keine sichtgeschützten Terrassen, keine hierarchisierten Freiräume oder etwa ein kleiner Fassadenrücksprung. Weil Baugrund in der Stadt teuer ist, schrumpfen Gärten, Bauabstände und Bauqualität. Das Reihenhaus, im Hinblick auf niederländische Vorbilder zu recht gelobt und als ökologisch ausgewiesen, verkommt zum Massenwohnungsbau mit Bodenhaltung. Das ist nicht nur so in Karlsruhe, wo das Buch entstand, sondern auch in zahlreichen anderen Neubaugebieten.

Junge Familien akzeptieren die einfallslosen Lebensräume, die die Bauträger ihnen hinstellen, ebenso wie die enge Nachbarschaft ohne Rückzug. Der Traum vom familiären Glück auf der eigenen Scholle ist größer. Ein Trugschluss, wie der Soziologe Hans Paul Bahrth schon 1961 feststellte: „Wer also der Familie ihre Geborgenheit wiedergeben will, indem er sie in die Geborgenheit einer überschaubaren ‚Nachbarschaft’ oder (...) in ein durchstrukturiertes, umgreifendes soziales System einordnet, begeht einen Denkfehler. Er zerstört gerade die Voraussetzungen, unter denen eine familiäre Geborgenheit, d.h. doch auch die Chance, sich zu verbergen, gegeben sein kann.“ [Die moderne Großstadt, 1961, S.77] Es ist die Privatheit, welche Individualität, Geborgenheit, Freiheit und Demokratie ermöglicht.

Natürlich gibt es das hochwertige Reihenhaus: Wer in Hamburg, Frankfurt oder München danach sucht, findet es sicher, aber auch teuer. Manch einer rückt da gerne zusammen, während der andere lieber in seiner Etagenwohnung bleibt. Kein Land, kein Krieg. Rosa Grewe, Darmstadt

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