Über die Gestaltung der Haut unserer Häuser
Regine Leibinger zum Thema „Fassade“

„Alles nur Fassade“ sagen wir geringschätzig, wenn wir uns getäuscht fühlen und hinter einer Kulisse weniger entdecken als erhofft. Tatsächlich ist heute auch in der Architektur vieles nur noch Fassade. Von Raum, von Raumfolgen, vom „Räume schaffen“ ist kaum mehr die Rede, jedenfalls bei den meisten Aufgaben der Alltagsarchitektur. Oft sind die Vorgaben so eng, die Ausbauraster so unumstößlich, die Flexibilität so sehr oberstes Gebot, dass uns Architekten ausschließlich die Fassade als letzter Freiraum bleibt. Nachdem wir viele ursprüngliche Kernaufgaben aus der Hand geben mussten, ist es umso wichtiger, dieses Terrain Fassade weiterhin zu verteidigen. Denn Fassaden geben allem Gebauten ein Gesicht, sie sind Orte großer technischer und ästhetischer Verantwortung. Sie regulieren maßgeblich den Einfall von natürlichem Licht und frischer Luft, sie schützen vor Lärm. Sie sind weit mehr als nur Wetterschutz, sondern die erste Schwelle, an der im Entwurf über Nachhaltigkeit entschieden werden kann. Als Mittler zwischen innen und außen tragen sie maßgeblich dazu bei, ob sich ein Gebäude in seinen baulichen Kontext einfügt oder sich ihm widersetzt. Die Fassade ist der Beitrag eines jeden Hauses zur Stadt.

Für uns bei Barkow Leibinger stehen neben der technischen Performance immer die physische Qualität der Gebäudehülle im Vordergrund, ihre räumliche Tiefe, ihre visuelle Vielfalt, ihre Fähigkeit, einem Gebäude Maßstäblichkeit zu geben, und zwar von nah und von fern. Für uns ist sie ein Bereich, dem unbedingt Raum gegeben werden muss, dessen Tiefe das Licht steuert, der in den Stadtraum hineinwirkt und nicht weniger die Atmosphäre der Innenräume beeinflussen kann. Wir verstehen die äußere Hülle immer als dreidimensionale Oberfläche, als etwas Skulpturales – für uns ist eine gute Fassade im besten Sinne raumgreifend.

Der Architekturtheoretiker Tony Vidler hat in einem Essay über unser Trutec Building in Korea und dessen plastische „Kaleidoskop“-Fassade geschrieben, solche Gebäudehüllen würden immer mehr zur unabhängigen Größe, sie müssten nicht mehr dogmatisch aus den Innenräumen heraus entwickelt werden oder von minimalistisch-
asketischer Qualität sein. „Durch solche Oberflächen, die beginnen, sich von ihren Objekten zu lösen, entsteht ein neuer ‚Zwischen-Raum‘, es erschließt sich eine neue räumliche Schicht, die das Potential hätte, im 21. Jahrhundert das zu vollbringen, was die Arkaden in den Städten des 19. Jahrhunderts zu einem früheren Zeitpunkt der Moderne vermochten – nämlich öffentliche und private Sphären miteinander zu verbinden.“ (in Lepik, A.: „Reflect – Building in the Digital Media City“, Hatje Cantz, Ostfildern 2007). Dieser Gedanke bringt es für uns auf den Punkt: Die Fassade wird zur räumlichen Schicht, einem dritten Raum, der sich zwischen den zwei Welten aufspannen kann.

Selbst wenn die ökonomischen Grenzen limitiert sind, darf dies nicht dem Vorschub leisten, was aus unserer Sicht das größte Vergehen im Dialog mit dem Stadtraum ist: Monotonie. Wir glauben an inhaltliche und räumliche Tiefe, an Vielfalt, die allein schon aus der Variation einfacher Grundmodule erzeugt werden kann. Wir lieben das Experiment und den Mut zum Neuen, die Erweiterung des Standard-Baukatalogs, auf dessen Beschränktheit wir uns nicht ausruhen sollten. Wir erfahren selbst immer wieder, wie viel unentdecktes Potential
für die Gebäudehüllen in jedem vermeintlich noch so „ausgereizten“ Material steckt, gerade für die Fassade. Mit Hilfe offener Bauherren sowie ambitionierter Hersteller und Handwerker haben wir die Grenzen von Formenvielfalt und Fertigungsmethoden schon häufig für uns neu ausgelotet, sei es bei Keramikfliesen, Metallschwertern, Backsteinwänden oder Betonfertigteilen. So eröffnet sich auch in enger werdenden Zeiten immer wieder ein neues Stück Freiraum für die elementar wichtige Gestaltung der Haut unserer Häuser.

Die Architektin

Prof. Regine Leibinger wurde 1963 in Stuttgart geboren. Sie studierte Architektur an der TU Berlin und der Harvard University, Cambridge/USA. Seit 1993 betreibt sie das amerikanisch-deutsche Architekturbüro mit Frank Barkow in Berlin. Seitdem realisierten Barkow  Leibinger zahlreiche Projekte im In- und Ausland, unter anderem: Laserfabrik und ‚Blau­topf’ Ditzingen (1998 / 2008), Biosphäre Potsdam (2001), Trutec Building Seoul/Korea (2006), Tour Total Berlin (2012). Prof. Leibinger hatte Gastprofessuren u.a. an der Architectural Association in London und in Harvard, seit 2006 ist sie Professorin für Baukonstruktion und Entwerfen an der Technischen Universität Berlin und seit 2016 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, Sektion Baukunst.

www.barkowleibinger.com

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