„Ein Paralleluniversum“
Alexander Montero-Herberth zum Thema „Hochhäuser“

An welche Stadt denkt man beim Thema Hochhäuser als erstes? Natürlich New York! Alexander Montero-Herberth entwickelte in seiner Diplomarbeit ein typisches New Yorker Hochhaus, das in seinem Inneren so vielfältig ist, wie die Stadt selbst.

 

Sie haben ein Hochhaus für New York entworfen. Erläutern Sie uns bitte Ihren Entwurf.

New York hat eine große Vielfalt an Museen. Nach einem, das sich ausschließlich der Stadt selbst widmet, sucht man jedoch vergebens. Das Projekt eines Museums für New Yorker Geschichte ist somit aus der Analyse der Stadt, ihrer Struktur und der Suche nach einem Konzept, welches eine Lücke in New Yorks Städtebau und Kulturangebot schließen könnte, entsprungen.

Das Grundstück liegt in Lower Manhattan am East River, zwischen Financial District, dem South Street Seaport Quartier und der Brooklyn Bridge. Ein Problem Manhattans ist der Mangel an Bauland. Diese vermeintliche Einschränkung soll jedoch im Sinne der von Rem Koolhaas beschriebenen manhattanistischen Doktrin zum prägenden Thema des Projektes werden: Das Museum befindet sich in einem Hochhaus und erstreckt sich nicht horizontal, sondern in vertikaler Richtung. Der Entwurf ist der Versuch, die Seele New Yorks zu destillieren und in Stein zum Ausdruck zu bringen. Das Hochhaus verkörpert die Selbstverständlichkeit der Gegensätze, die New York prägen sowie die dichte Vernetzung von Stadt, Mensch und Kultur, die diese Stadt einzigartig machen.

 

Wie haben Sie die verschiedenen Nutzungen organisiert?

Das Entwurfskonzept basiert auf der Aufeinanderstapelung unterschiedlicher Nutzungen. Beginnend mit den öffentlichen Bereichen werden die Räume beim Wachsen in den Himmel immer privater, um letztendlich durch den öffentlichsten Raum gekrönt zu werden, der Aussichtsplattform. Die Räume vernetzen sich in die Vertikale und kreieren ein hybrides, wahres New Yorker Hochhaus.

Das Kernstück des Gebäudes ist das Museum, welches sich vom Erdgeschoss bis in die 20. Etage erstreckt. Dieses wird von einem öffentlichen Vorplatz erschlossen, unter dem sich das Auditorium befindet. Der Museumsbesuch beginnt in der Eingangshalle, von der aus der Besucher mit einem Aufzug bis ins letzte Museumsgeschoss fährt. Er durchläuft die Räume von oben nach unten und erlebt eine Raumabfolge von großen und kleinen, hellen und dunklen Hallen. Die Räume bilden eine vertikale Spirale, die einen klaren Rundgang bietet. Darüber befindet sich das Hotel mit einer Skylobby, Restaurants und Außenterrassen sowie Spa und Poolbereich und 15 Zimmergeschosse. Im obersten Gebäudeteil befinden sich die Apartments, die sich jeweils über zwei Geschosse erstrecken, mit öffentlichen Räumen im unteren und privaten im oberen Geschoss. Die Maisonetteanordnung betont den vertikalen Charakter des Gebäudes. Auf der Krone befindet sich der höchste öffentliche Raum, der den Museumsbesuchern einen Blick auf Manhattan bietet. Dieses ist die letzte Episode der Ausstellung, in dem der Besucher Manhattans „Selbstwahrnehmung“ erlebt.

 

Was ist das Besondere an Ihrem Hochhaus?

Das Thema der vertikalen Stadt, welches sich als roter Faden durch das Gebäude zieht, ist der spannendste Aspekt. Denn das Stapeln wird zum prägenden Element des Entwurfes und wird auf unterschiedliche Arten eingesetzt. Im Museum wird es benutzt, um Hallen aufeinander zu positionieren und so den vertikalen Zusammenhang nicht nur als durchgehenden Museumsrundgang zu nutzen, sondern auch, um einen mäandrierenden Luftraum zu kreieren, der alle verbindet. Aus der vertikalen Entwicklung der Nutzungen entspringt der Fassaden­rhythmus. Der vertikale Zusammenhang beeinflusst das Rückspringen des Gesamtkörpers und kreiert ein Hochhaus, welches in der Tradition und Ideologie der „klassischen“ New Yorker Hochhäuser steht, diese jedoch auf neue Weise interpretiert.

 

Was fasziniert Sie persönlich an diesem Gebäudetypus?

Hybride Gebäude, besonders Hochhäuser, sind Gebäude, deren Innenleben ein Paralleluniversum zu dem Leben bieten, welches sich auf der Straße abspielt. Das Hochhaus arbeitet mit dem scheinba­ren Widerspruch, den das Aufeinaderstapeln unterschiedlicher Nutzungen auf einem Grundstück mit sich trägt und bringt sie in einer vertikalen Ästhetik zum Ausdruck. Es ist aber das Kreieren ei­nes Hybridgebäudes, welches die Freiheiten und das Potential birgt, die Spannung zwischen Raumqualität und Grundstücksauslastung zu lösen und zu vereinen. Meines Erachtens steckt die Herausforderung darin, eine spannende vertikale Raumabfolge zu kreieren und nicht im einfachen Wiederholen von gleichen Grundrissen. 

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