Diese zeitgemäße Zeitlosigkeit
In Hannover soll der Plenarsaal von Oesterlen einem Neubau weichen

Architektur ist dies und das. Auch Politik. Oder Kommerz. Oder beides. In der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover ebenso wie in der Bundeshauptstadt. Hier wie dort an der Leine wollen Abgeordnete ihre Architekturträume als realisierte Immobilie beschließen; am besten natürlich mehrheitlich. In Berlin begründeten die Parlamentarier ihren Schlosstraum mit Wiedergutmachung und Kultur- bzw. Bildungsauftrag, in Hannover macht das der Landtagspräsident Hermann Dinkla (CDU) schlichter mit dem Hinweis darauf, dass Niedersachsen das letzte Parlament sei, welches bauliche Anpassungen an die Gegenwart vornehme. Vulgo: Alle machen es, wieso wir nicht dann auch?!

Immerhin geht es um rund 45 Mio. €, die ein Neubau kosten könnte. Günstig geschätzt. Eine dringend notwendige und aus den Jahren der Vernachlässigung resultierende Sanierung des Bestandes käme wohl günstiger. Aber: Sie brächte das nicht, was sich der gewählte Dinkla so ausgedacht hat. Wie Architektur aussehen muss, offen eben, demokratisch also: „Ich will die größtmögliche Öffnung, das entspricht meinem Demokratieverständnis.“ Ich, sagt der Demokrat.

Architektenkammer und BDA haben schon Einspruch erhoben, immerhin wollen die Volksvertreter ein Baudenkmal opfern. Der von Dieter Oesterlen 1962 errichtete Plenarsaal, dessen Platzierung und Anbindung an das restaurierte Leineschloss dieses letztendlich bis in die heutige Zeit rettete, ist den Politikern allerdings zu geschlossen. Die die Konzentration förderliche, vom Architekten explizit so gewollte Abschirmung der Politikarbeiter gegenüber der Außenwelt, ist in unseren Zeiten der Vormittags-, Nachmittags- und Abendtalkshowselbstentblößung nicht mehr zeitgemäß: Es fehlt der Laufsteg.

2002 gab es aus diesem Grunde schon einen Realisierungswettbewerb, damals noch unter SPD-Mehrheit (Sigmar Gabriel). Gewonnen hatte den das Hannoveraner Büro Koch Panse Architekten. Mit diesem Entwurf wäre mehr Tageslicht gewonnen worden und die Trennung des Publikums, der Presse von den Parlamentariern wäre weniger streng ausgefallen. Eben mehr Show auf offener Bühne. Der Wettbewerb blieb unrealisiert, 2003 gewann mit Christian Wulf die CDU die Mehrheit. Immerhin wurde die Fassade des als klobig geschmähten Anbaus saniert, ob man der Ratten im Keller Herr wurde, war nicht zu erfahren, die in jeder Stadt sesshaften Nager stehen den Fraktionen allerdings für den Zustand nicht ihrer politischen Verfassung, sondern dem des Hauses.

Ende des Jahres 2008 entschied eine aus den Fraktionen gebildete Baukommission unter dem Vorsitz Hermann Dinklas, die im Vorfeld diskutierten Standortvarianten für einen Neubau auf die „Nummer 7“ zu fixieren: Neuer Plenarsaal an der Stelle des alten. Ende 2012 soll der neue Saal stehen, dazu braucht man schnellstmöglich einen neuen Architekturwettbewerb. Mitte dieses Jahres möchte Dinkla bereits ein Ergebnis haben. Wie schrieb noch gleich der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Bernd Althusmann: „Bei den Sanierungsmaßnahmen des Niedersächsischen Landtages standen und stehen energiesparende Maßnahmen wie etwa die Verbesserung der Wärmedämmung oben an. […] Wir sollten uns auch nicht aus populistischen Gründen zum Aktionismus verleiten lassen. […] Auch sollte das Landtagsgebäude nicht vor anderen Landesliegenschaften bevorzugt werden.“ Das war 2007. Jetzt ist Populismus, 2012 sind wieder Wahlen. Doch das dürfte im Falle eines Neubauprojektes keine Gefahr darstellen: auch SPD und Grüne sind bereits voller Vorfreude. Wir ewig Gestrigen haben verloren, und die Denkmalschutzbehörden sind wieder einmal vorgeführt worden. Be. K.

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