Deutliches Zeichen für Aufbruch Umbau Hauptbahnhof Chemnitz

Mit dem Umbau des Hauptbahnhofs in Chemnitz, seiner Öffnung zur Stadt, der Einbindung in eine neue Verkehrsstruktur, aber auch der ästhetischen Ausei­­n­andersetzung mit dem Bestand vor allem mittels der interaktiven Fassade, haben Grüntuch Ernst der Stadt neue Möglichkeiten ihrer Entwicklung auf die Zukunft hin gegeben. Dem ersten akupunkturartigen Eingriff könnten weitere folgen.

Voraussetzungen / Chemnitzer Modell

„Aber alles andere [als das, was die Bahn mit dem ICE anschließt; Be. K.] wird nur noch so notdürftig mit bewirtschaftet.“ O-Ton Busfahrer irgendwo zwischen Chemnitz und Leipzig, im Osten der Republik. Tatsächlich sind viele Randgebiete, vornehmlich die, in welchen die Deutsche Reichsbahn unterwegs war, vom Fernverkehr leise und sacht abgekoppelt worden. Das kann man mit Recht beklagen, man kann aber auch damit arbeiten. Die Stadt Chemnitz tat letzteres, schrieb einen Ideenwettbewerb aus. Mit dem sollten die eingeladenen und sich über ein Bewerbungsverfahren qualifizierten Büros die „Verknüpfungsstelle Hauptbahnhof Chemnitz“ architektonisch bearbeiten. Das klingt so technisch, wie es auch ist: Stadtbahnverkehr soll in den Regionalverkehr integriert werden und umgekehrt. Was allerdings nur geht, wenn – wie in Chemnitz seit den 1960er-Jahren – Bahn und Stadtbahn die gleiche Spurbreite haben. Und die Stadt über so genannte Hybridzüge verfügt, die sowohl mit Strom wie auch Diesel fahren. Das von der Stadt erarbeitete „Chemnitzer Modell“, das diese nahtlose Vernetzung von Stadt- und Regionalbahn in den kommenden Jahren vorantreiben möchte, startet also mit dem Umbau des Hauptbahnhofs Chemnitz, der aus einem historischen Bahnhofsbau (schon länger nur noch Entrée mit Läden und Bahnkartenschalter) und einer Bahnhofshalle mit weit gespannten Querträgern besteht. Das Gleisfeld unter dieser Halle sollte ergänzt werden durch Bahnsteige für den Stadtverkehr, der in nächster Zukunft weit über die Stadtgrenzen hinaus die umliegenden Gemeinden anschließt, über das hier schon vorhandene Schienennetz.

Entwurf

Grüntuch Ernst gewannen den Ideenwettbewerb mit dem Vorschlag, die lediglich an der Einfahrt des Kopfbahnhofs geöffnete Halle umlaufend zur Stadt zu öffnen. Was, wie man heute sieht, tatsächlich nur in dem westlichen Gleisbereich und der südlichen gelegenen Verbindung zum Bahnhofsvorplatz realisiert werden konnte. Die Bahn AG als Eigentümerin des größeren Bahnhofteils hat bis heute kein Interesse an einer Sanierung gezeigt, geschweige denn an einem umfassenden Aus- und Umbau.

Der Entwurf des Berliner Büros zielt im Wesentlichen auf die stärkere Einbindung des großen Volumens in den Stadtraum. Mit der Öffnung der Fassade, die ein Ankommen im Bahnhof zum Ankommen in Chemnitz macht, war ursprünglich eine einheitliche, stark farbige Gestaltung der Bodenfläche im Bahnhof vorgesehen, die gleichsam nach außen in den anliegenden Stadtraum fließt. Das konnte nicht umgesetzt werden. Umgesetzt wurde ebenfalls nicht das erste Lichtkonzept der Fassade, dessen heute sehr technisch anspruchsvolle Realisierung beruht auf einer deutlich fortgeschrittenen (LED)Lichttechnologie.

Die Öffnung der Fassade im unteren Bereich zeigt erstmals den Geländeverlauf des näheren Bahnhofumfelds als prägnante Topografie. In Zusammenarbeit mit Topotek 1 wurde eine bewegte Landschaft aus Stufen und Ebenen entwickelt, die im Wesentlichen auf der Westseite entstand. Die hier platzierten, farbig sehr präsent gestalteten Betonmöbel spiegeln sich bunt im gebrochenen Tageslicht auf der metallverkleideten Fläche, die die innere und äußere Fassadenschicht nach unten hin abschließt. Die Spiegelung vermittelt – neben allem Lichttransport ins Halleninnere – ebenfalls und durchaus spielerisch subtil zwischen den neu geschaffenen Stadträumen. Die Spiegelfläche besteht aus schwarz beschichteten Edelstahlschindeln, die in klassischer Dachdecker-Bauart mit Metallhaften auf die tragende Trapezblechunterkonstruktion geheftet wurden. Der Zuschnitt/die Kantung aller Schindeln geschah werkseitig nach millimetergenauer Montageplanung.

Tragsystem / Fassade

Eigentlich war es ganz einfach und wurde am Ende dann doch sehr anspruchsvoll: Um den Bahnhof einladend zur Stadt zu öffnen entwickelten die Architekten den von ihnen so genannten „Stadtbaldachin“, einen über der Bahnsteiglandschaft schwebenden Schirm. Dazu wollten sie die Bahnhofshalle aus den 1970er-Jahren möglichst
ressourcenschonend auf ihre Stahltragstruktur zurückbauen. Die alte Fassadenverkleidung wurde entfernt, ebenso die die neuen Gleise störenden Stützen. Eine große Herausforderung bestand darin, dass der Ingenieur der Halle, Werner Kluge, die Konstruktion als geschlossenes System entwickelt hatte, das in seiner Austarierung leicht ernsthaft zu stören ist. Die Folge: Das komplette Tragsystem musste neu berechnet werden, Veränderungen konnten nur schrittweise und in exakt definierten Arbeitsabläufen vorgenommen werden.

Das rohe Tragskelett wurde in Teilen zurückgebaut und ertüchtigt und um die Unterkonstruktion für die neue Fassade ergänzt. Die besteht aus bis zu 27 m langen und bis zu 3,5 m hohen, rund 100 mattierten ETFE-Membran Kissen mit einer Gesamtfläche von 3 212 m². Die Kissen werden über eine Klemmkonstruktion in der Fassade gehalten. Dabei fixiert eine Deckschale die Kissen mit Randkedern auf ein Aluminium-Schienensystem, das wiederum auf einer tragenden Stahlkonstruktion befestigt ist. Die nimmt die infolge von Kisseninnendruck und Windbelastung entstehenden Randzuglasten aus dem Kissen auf. Ein Kompressor hält – je nach über Fühler ermittelten Bedarf – den nötigen Innendruck in den Kissen konstant. Für alle Fälle besteht für die Fassade ein Wartungsvertrag zwischen dem Betreiber und der Herstellerfirma, der eine kurzfristige Reparatur im Fall von Beschädigungen einschließt. Kleinere Schäden der Membran können dabei durch lokale Verklebungen repariert werden.

Nach innen wird die Halle mit einem mit technischen Textil bespannten Metallrahmen in verschiedenen Größen geschlossen, die ähnlich wie an der Außenfassade versetzt angeordnet sind. Das für die Bespannung verwendete nicht brennbare Glasfasergewebe erhält durch eine silberne Teflon-Beschichtung die nötige Robustheit. Um die ca. 2 600 m² große Fläche dauerhaft straff zu halten, sind auf Zug belastete Stahlfedern in die Fixierung integriert. Die Bespannung der Rahmen geschah vor der Montage vor Ort, da die Elemente für einen Transport zu groß gewesen wären.

Lichtinstallation

Die Lichtinstallation an der weithin sichtbaren Gebäudeecke Georg-/Mauerstraße haben die Architekten gemeinsam mit Hannes Koch, Random International, entwickelt. Das ganze Verfahren war, wie Armand Grüntuch hier im Monatsinterview auf Seite 16f. sagt, „sehr organisch“. Beide kennen sich aus der Vergangenheit, in der sie schon einige Projekte diskutierten. Ein Prototyp wird seit 2010 im Modell getestet. In Chemnitz wird die Arbeit „Swarm Study/IX“ mit Verspätung erst in diesem Monat starten. Die Installation setzt Bewegungsmuster im und um den Bahnhof in Schwarmbilder auf der Fassade um: bewegte Hell-/Dunkelmuster, die sich dem Bewegungsrhythmus innen wie außen folgend entwickeln. Erzielt wird diese Lichtbewegung durch eine der Kissenschicht hinterlegte LED-Lichtpunktmatrix. Die besteht aus 3 850 LEDs, die sämtlich einzeln ansteuerbar sind. Für die Installation von Random International wurden Dioden verbaut, die von 0 bis 100 % Lichtleistung liefern. Farbe ist bewusst nicht vorgesehen, kann aber nachgerüstet werden. Die so bespielbare Fassadenfläche hat eine Größe von etwa 1 150 m². Die LEDs sind im Achsabstand von ca. 60 cm in Kettenform auf einer Aluminium-U-Profil-Konstruktion befestigt.

Fazit

Mit der Umbauarbeit von Architekten und Künstlern, Ingenieuren und Fachplanern ist es ganz offensichtlich gelungen, dem Chemnitzer Modell einen wesentlichen Impuls für die kommende verkehrliche und damit auch urbane Entwicklung zu geben. Zwar ist die Fassadenbespielung mit der Lichtinstallation durch Random International noch nicht dauerhaft in Betrieb gegangen, doch selbst ohne diese wirken die Hallenöffnung und die vielfältig sich darstellende Fassade als ein deutliches Zeichen für einen möglichen Aufbruch. So am östlich vom Bahnhof vorbeilaufenden Schienenstrang, wo die Stadt weitere Hochschuleinrichtungen entwickeln möchte. Dass der Bahnhof „das Entrée zur Stadt“ (Grüntuch Ernst) geworden ist, kann man unterstreichen, vielleicht sollte man aber genauer sagen „ein Entrée“. Daumen drücken dafür, dass die Bahn AG sich bewusst wird, dass ihr in Chemnitz gerade das passiert, was sie vor Jahren selbst praktizierte: Sie wird – baulich – abgehängt. Be. K.

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