Der Pavillon
Oder über die produktive Kraft des Scheiterns – Eine Ausstellung im DAM

Ein Architekturmuseum träumt. Zum Fünfundzwanzigjährigen könnte es einen ganzen schönen Sommer lang – oder länger noch, das weiß man bei Verlegenheitsfestspielen nur ungefähr – seine Zelte abseits des angestammten Domizils aufschlagen. Im wörtlichen wie übertragenen Sinn: Fliegende Bauten sollten das Deutsche Architekturmuseum (DAM) zeitweise behausen. Stand doch im Umfeld des Jubiläums eine Runderneuerung an im 1984 von Oswald Mathias Ungers (OMU) er- und umgebauten Stammhaus am Frankfurter Mainufer. Gedacht, geplant, doch nicht gebaut – mit den Turbulenzen der Weltwirtschaft gingen dem DAM die Sponsoren verloren. Doch instrumentalisiert es den Flop als Initialzündung für eine Ausstellung: Thematisch und räumlich im Zentrum, der virtuell gebliebene, titelgebende Pavillon.

Flankiert von einer Parade realisierter Vorgänger sowie Einblicken in das Making-of zukünftiger „Schmetterlinge“. So die gleich poetisch anmutende wie linguistisch korrekte Etymologie des Wortes Pavillon. Architekturgeschichtlich meint es zum einen abgesetzte Partien eines größeren Gebäudes, zum anderen eigenständige, leichtgewichtige Miniaturen wie das „Lusthaus“ im herrschaftlichen Garten, sowie auch mindestens virtuell Fliegende Bauten wie mobile Feldherrenhügel oder Versorgungs- und Bewirtungszelte für zeitlich begrenzte Festivitäten. Womit der Pavillon sowohl die stationäre, eher zweckfrei sinnenaffine Vergnügungslaube sein kann als auch das ambulante Behältnis, errichtet für Messen, Ausstellungen, Nationenkonkurrenzen, meist experimentell bis exaltierte Butterflys.

Diesen (oft vermeintlich) ephemeren Pavillons widmet sich die Schau. Und paraphrasiert die bereits von Ungers spielerisch eingeführte Travestie: Dem „Oberhaus“ implantierte er ein „Unterhaus“ in Gestalt des abstrahierten archaischen Topos des Hauses an sich. Aftermieter in diesem „Haus im Haus“, als „Original mit Untertiteln“ augenzwinkernde Hommage an OMU, zieht nun gleichsam eine Delegation der zerkriselten Dependance ein. Zusammen mit dem Ingenieur­architekten Werner Sobek aus Stuttgart entwarfen die Berliner Barkow Leibinger Architekten eine dynamisch schlängelnde Rundfigur aus höchst kompliziert gebogenen Stahlrohren, bedeckt von transparenten Kunststoffschindeln, die indes keine hermetisch geschlossene, sondern eine luftzirkulative, dennoch wasserdichte Paillettenhaut bilden; daneben ein Segment aus fünf U-förmigen Strebebögen in Originalgröße.

Eingestimmt werden die Besucher von siebzehn Pavillons der letzten acht Jahrzehnte. Auf Wandkonsolen montierte Modelle sind kategorisiert nach Aufgaben wie „Ausstellung“, „Kommunikation“ „Vergnügen/Feier“, „Weltverständnis“. Ein wenig theorieüberfrachtet. Grundsätzlich nämlich ließen sich die vorgestellten Beispiele für diesen wie für jenen Zweck nutzen; allein wesentlich ist ihnen allen der offenkundig unbedingte Wille zur Distinktion. Ein Charakteristikum dieses Bautypus. Grundgelegt mit den Phantasiepavillons der Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts im Stil exotischer Kulturen wie der japanischen, türkischen, chinesischen, begann der Siegeszug des auftrumpfenden Nationenpavillons mit dem Kristallpalast Joseph Paxtons zur ersten Weltausstellung 1851 in London.

Folgende Expos sahen auf temporär abgesteckten Nationalclaims einen Wettstreit um die prächtigste, exotischste, innovativste Schau­schatulle. Und weil sie so schön und paradigmatisch fürs experimentelle Bauen sind, wohnt ihnen ein Hang zum Bleiben inne: Seit 1895 wird diese ungebrochen gepflegte Tradition allzweijährlich zur Kunstbiennale aus Venedigs Giardini reportiert, wo 28 Länder dem vergäng­lichen Pavillon einen Epitaph errichteten. Der dort 1962 aufgeschlagene „Nordische Pavillon“ von Sverre Fehn illustriert im DAM die seinerzeit innovative Symbiose lebendig schwellender Natur mit rigide gebauter Struktur, indem bestehende Bäume ins Gebäude integriert wurden (und sind). Aber auch und gerade mit temporären Schaustücken wetteifern Architekten um den kühnsten Entwurf, die spektakulärste Technik. So war 1929 der deutsche Beitrag Mies van der Rohes zur Weltausstellung Barcelona mit einem kaleidoskopischen Display anspruchsvoll verarbeiteter Baumaterialien Signet eines Edelbauhauses, während Le Corbusier, Iannis Xenakis und Hoyte Duyster die Brüsseler Expo 1958 verblüfften mit einem geometrisch-technoiden „Gesamtkunstwerk aus Architektur, Geräuschkulisse und Medien-
show“. Bereichert Peter Zumthors additivkumulativer Bretterstapel zur Expo in Hannover 2000 wohl eher die Sparte Gagitektur, ist die luzide „Glass Video Gallery“ von Bernhard Tschumi in Groningen 1990 als erstes ganzgläsernes Gebäude echtes Surplus.

Angerichtet wurde die Modell-Menagerie von der Architekturklasse der Frankfurter Städelschule, die mit „Papillon“ einen eigenen Themenbeitrag liefert: Theoretische und praktische Ergebnisse von Materialtests und Analysen unterschiedlichster Strukturelemente bestehender Pavillons destillieren sie zu einem 25 m langen, dreidimensionalen Wandpaneel, worauf miniaturisierte „Mock-ups“ und ein flexibles Epoxidharz-Element künftige Entwicklungen von „Lust und Polemik in der Architektur“ visionieren. Werner Jacob, Bad Krotzingen

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