Das Herz Gents schlägt wieder Markthalle in Gent/BE

Als die beiden Architekturbüros Robbrecht en Daem und Marie-José Van Hee 1996 am Wettbewerb für die Neugestaltung des öffentlichen Raumes zwischen dem Belfried und der St. Nikolauskirche im Herzen des Genter Stadtzentrums teilnahmen und für ihren Projektvorschlag disqualifiziert wurden, wussten sie noch nicht, dass sie Jahre später für dasselbe Gebiet mit demselben, über-arbeiteten Entwurf gewinnen würden.

Ort

Für die Vorbereitung der Weltausstellung 1913 beschloss die Stadt Gent die Handwerker-, Wohn- und Geschäftshäuser rund um die

St. Nikolauskirche, ebenso wie die dichten, mittelalterlichen Häuserblöcke zwischen dem Belfried (Glockenturm) und der St. Baafs-Kathedrale abzureißen. Zu Beginn der 1960er Jahre wurde auch der trapezförmige Häuserblock zwischen dem Poeljemarkt (Hühnermarkt) und dem Emile Braunplein abgerissen, um ein Bürogebäude als Ausbau zum bestehenden Stadhuis (Rathaus) zu realisieren. Ein Projekt, das nie realisiert wurde. Die durch die Abrissarbeiten entstandenen Plätze und Straßenräume waren in ihren Grenzen nicht greifbar und hinterließen eine große, städtebauliche Wunde.

Die Hilflosigkeit im Umgang mit dieser Situation drückte sich sehr deutlich durch die jahrzehntelange Nutzung dieser Freiflächen als Parkplatz aus. Um der unglücklichen Situation Abhilfe zu schaffen, schrieben die Stadt Gent und der Parkplatzbetreiber 1996 einen Wettbewerb aus. Das Ziel war die Verlegung der Autos auf einen unter-

irdisch gelegenen Parkplatz sowie die Neugestaltung der darüber frei werdenden Plätze und Straßen.

Wettbewerbe

Robbrecht en Daem und Marie-José Van Hee architecten nahmen schon 1996 mit demselben Team aus Landschaftsplanern und Ingenieuren am Wettbewerb teil. Sie vertraten den Standpunkt, dass die komlexe räumliche Situation nicht alleine durch eine schöne Platzgestaltung und den Bau einer Tiefgarage gelöst werden könnte. Dementsprechend präsentierten die Architekten ein „Stadthaus“, das dem heutigen Bauwerk in ­seiner Volumetrie bereits sehr stark ähnelte. Auch im damaligen Entwurf war ein polyvalenter Raum unter dem Platz vorgesehen.

Die Architektengemeinschaft wurde mit diesem Entwurf disquali­fiziert und ein anderes Büro bekam den Auftrag den unterirdischen Parkplatz umzusetzen. Die Proteste der Bevölkerung gegen die Pläne der Stadt gingen so weit, dass diese sich gezwungen sah ein Referendum durchzuführen, welches das Projekt endgültig stoppte.

Das Programm für den 2. Wettbewerb im Jahre 2005 hatten Robbrecht en Daem und Marie-José Van Hee architecten durch ihre Einsendung 1996 quasi selbst geschrieben. Auch bei diesem Wettbewerb war kein Gebäude gefordert. Der Auftraggeber wollte in erster Linie eine Neugestaltung der Plätze als multifunktionale Veranstaltungsräume. Später kam noch der Auftrag zur funktionellen und ästhetischen Neugestaltung der Straßenbahntrasse rund um die St. Nikolauskirche und die Anpassung der Straßenbahnhaltestellen hinzu.

Form

Im Wesen ist das Bauwerk ein Dach, das die rund 15,75 x 40 m große Fläche eines öffentlichen Platzes überdeckt. Was beim ersten Hin-

sehen wie eine willkürliche Formgebung erscheint, ist bei genauerer Betrachtung eine Interpretation der intensiv studierten historischen Gebäude und Stadtkarten. So lehnt sich das steile, doppelte und asymetrische Satteldach in seiner Gestalt an das Vorbild des Rathausdaches an. Die Proportionen der Giebelfassaden mit dem höheren und niedrigeren First sowie das Verhältnis der Gebäudelänge zur ­­
Gebäudebreite und der Dachhöhen entspricht den Proportionen, die man in den historischen Häusern Gents findet. Die diagonal verlaufende Traufe zwischen den zwei Satteldächern war von den Architekten bewusst gewählt. Sie soll an dieser Stelle auf den Verlauf der historischen Handelsstraße verweisen. Das doppelte Satteldach erklärt sich aus dem Wunsch heraus einen klaren Unterschied zu den stark axial ausgerichteten Sakralbauten zu entwickeln.

Die Positionierung des neuen Volumens an der Ecke des historischen Häuserblocks links vom Rathaus, erlaubt den Hühnermarkt ­visuell und räumlich vom Platz des Goldenen Löwen und dem Green vor der Apsis der St. Nikolauskirche zu trennen, ohne eine Barrikade zu schaffen. Zum anderen schafft die Absenkung des Geländes vor der Apsis der Kirche einen klar definierten Grünraum, der gleichzeitig den Zugang zum unter dem Platz gelegenen Café, zum Fahrradabstellplatz, zu den öffentlichen Toiletten und den Umkleidekabinen erlaubt. Durch die Absenkung des Geländes kreiert der Entwurf die ­nötige räumliche Distanz zum stark frequentierten Emile Braun Platz.

Konstruktion

Die Dachkonstruktion ist – ähnlich einer Brückenkonstruktion – flexibel auf vier, rechteckigen Stahlbetonstützen gelagert, die in asymmetrische Betonvolumen eingearbeitet sind. Diese Betonvolumen nehmen den Personenlift, den Lastenlift und verschiedene andere technische In­stallationen auf. Das Stahlfachwerk des schrägen Installations- und Belüftungsschachtes an einer der Stützen ist von der Dachkonstruktion selbst losgekoppelt. Die Entscheidung zugunsten einer beidseitig mit Holz verschalten Stahlkonstruktion anstelle einer reinen Holzkonstruktion fiel aufgrund der geringeren Materialquerschnitte und des geringeren Materialaufwandes. Eine Holzkonstruktion hätte zudem eine sehr große Anzahl an Stahlknoten erfordert und wäre letztendlich teurer gewesen.

Die beiden, mit rostbraun gestrichenen Platten ummantelten Längs­balken, die auf den Betonstützen auflagern dienen als Windaussteifung und sammeln gleichzeitig das Regenwasser.

Auch die oberen zwei, schwarz-braun gestrichenen Längsbalken, die auf der Innenseite aus der Holzschalung hervortreten, erhöhen die Stabilität des Bauwerks gegen die seitlich angreifenden Windkräfte.Die Sparren der Satteldächer lagern einerseits auf der Stahlkonstruktion der Längswände und andererseits auf dem Stahlträger in der Kehle zwischen den Satteldächern. Dieser profilierte Träger wird wiederum durch das Fachwerk der Stirnwände gestützt. Windrispen und Zugstangen in den Seitenwänden sorgen für die notwendige Aussteifung der Konstruktion. Die rund 1600, in die doppelte Wand eingefügten Lichtschlitze sind vorgefertigte Stahlrahmen, die sich nach außen verjüngen. Sie sind mit Stahlplatten an den innenliegenden Holzbalken, die auch die Holzschalung tragen, befestigt. An ihrer Außenseite sind sie durch eine einfache, verklebte Glasscheibe geschlossen. Die Breite entspricht der Brettbreite der Holzschalungen, wodurch sie nahtlos in das Schalungsraster passen.

Die von den Architekten und Ingenieuren gewählte Stahlkonstruktion erlaubte eine flexible und dichte Anordnung der Dachfenster auf allen vier Dachflächen sowie den Längsfassaden und führt so zu ­einer guten Belichtung des hohen Dachstuhls.

Die sich überlappenden Glasplatten des Daches und der Längsfassaden bilden eine zweite Haut, die dafür sorgt, dass das Bauwerk bei unterschiedlichen Witterungs- und Lichtbedingungen stets anders wirkt und seine Masse zum Teil visuell verschwindet. Die natürliche, witterungs-bedingte Vergrauung des Holzes führt dazu, dass sich das Dach optisch immer besser in die graufarbenen Steinbauten der umliegenden Häuser integriert.

Die Decken der Räume unter dem Platz werden von einer Stahlbetonrippendecke gebildet. Die Rippen liegen eng aneinander, so dass die gesamte Deckenkonstruktion sehr dünn ausgeführt werden konnte. ­Diese wird durch einfache quadratische Stützen getragen.

Städtebauliche Intervention

Das Projekt von Robbrecht en Daem und Marie-José Van Hee muss mehr unter dem Blickwinkel einer städtebauli­chen Intervention als als Einzelbauwerk betrachtet werden. Die Dachkonstruktion kann für alle Arten von Veranstaltungen, sei das nun für einen Markt, oder für Musik- oder Theaterpräsentationen verwendet und adaptiert werden. Ihre primäre und wichtigste Funktion liegt dennoch in der Strukturierung der städtischen Räume zwischen dem Glockenturm und der St. Nikolauskirche. Genau darin liegt die Stärke. Michael Koller, Den Haag,  Webcode DBZ3Q0PW

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