Beton und Gold
Bürohaus von Blocher Blocher Partners, Stuttgart

Drei Unternehmenssparten an einem Standort zu vereinen bei einem Bebauungsplan mit strengen Vorgaben; das eigene Bürogebäude zu planen und umzusetzen mit höchsten gestalterischen und ökologischen Ansprüchen, das war die Herausforderung für Blocher Blocher Partners. „Der Bebauungsplan sah vor, dass wir den Footprint des Vorgängerbaus einhalten mussten. Das hat unsere Planung eingeschränkt, aber unsere Kreativität herausgefordert“, so das Fazit von Dieter Blocher.

Dass Experten am Werk waren, sieht man auf den ersten Blick: Das markante Gebäude aus Sichtbeton hebt sich von seinen historischen Nachbarn ab. Großformatige Fensteröffnungen gliedern die Betonflächen, Glasflächen wechseln sich mit Holzelementen ab, die an Kasten-
fenster erinnern. Angenehm ist die Beschränkung auf nur drei Materialien: Das Zusammenspiel von Beton, Holz und Glas setzt sich auch im Inneren fort. Decken und Stützen sind aus Sichtbeton, kombiniert mit einem sandgestrahlten Sichtbetonkern, der die notwendigen Schächte, Waschräume und Teeküchen enthält. Die Böden be-

stehen aus Betonestrich, der auf Installationsböden verlegt ist. Zum Beton gesellt sich ein Kern aus Sipo-Mahagoni, der Kopierräume und kleine Besprechungsräume für die Mitarbeiter in sich vereint. Eine präzise detaillierte Holzlamellenstruktur bildet die Kernhülle, die auch als Schallschutz dient. Schließlich findet sich das dritte Material Glas in den Trennwänden der Bürozonen, wo es teilweise mit schwarzen Akustikabsorbern belegt ist, und in der verschiebbaren Trennwand zwischen dem Casino und Atrium.

Baukörper und Funktionen

Auf dem Grundstück stand vorher ein baufälliges Logengebäude aus der Nachkriegszeit, das schon länger nicht mehr genutzt geworden war, so dass es zum Abriss freigegeben wurde. Der Neubau auf dem Hanggrundstück unweit der Stuttgarter Innenstadt musste den Ausmaßen seines Vorgängers folgen. Entstanden sind drei Vollgeschosse in Kombination mit einem Dachgeschoss, einem Untergeschoss und einem Gartengeschoss, an das sich eine Tiefgarage anschließt. Jetzt arbeiten hier 120 Mitarbeiter aus drei Unternehmenszweigen. Sein Arbeitsplatzkonzept beschreibt der Architekt so: „Unser Büro soll ein Ort der Kommunikation sein – was gerade bei verschiedenen Departments, die unter einem Dach vereint sind, wichtig ist. Wir haben offene Arbeitsplätze geschaffen, die wir durch Schallabsorber gliederten. Dadurch ist auch das konzentrierte Arbeiten in kleineren Teams möglich. Alle Arbeitsplätze sind lichtdurchflutet und bieten spannende Ein- und Ausblicke – mal in die Patios, mal auf die umliegenden grünen Hügel der Stadt. Als Rückzugsmöglichkeit stehen im ganzen Haus Kommunikationszonen zur Verfügung, in denen man sich individuell zusammenfinden kann.“ Angenehm sind die Raumqualitäten in der Lounge neben der Bibliothek: Der Luftraum eröffnet vielfältige Perspektiven. Er grenzt an den großzügigen Innenhof, an dessen gegenüberliegender Seite sich die Büros von Blocher Blocher View befinden, der Agentur für Kommunikation, Corporate Design und Visual Merchandising. Sie bildet die eine der drei Unternehmens­sparten neben dem Architekturbüro und einer weiteren Agentur zur Entwicklung von Markenkonzepten. Das zweigeschossige Atrium ist durch eine verschiebbare Glaswand vom Casino abgetrennt. Im Luftraum pendelt als besonderer Blickfang eine Licht-Installation, die Assoziationen an ein Mikadospiel weckt. „Das Atrium ist quasi das Herz unseres Büros, das vielleicht am besten widerspiegelt, wie wichtig uns der Kommunikationsgedanke war und ist“, empfindet der Architekt und Arbeitgeber. „Hier laufen alle Fäden zusammen; nicht ohne Grund grenzt das Atrium an das Casino, wo sich die Mitarbeiter zum Mittag treffen. Bei Veranstaltungen pocht dieses Herz übrigens besonders stark: Je mehr Menschen sich hier zusammenfinden, desto besser entfaltet das Atrium seinen besonderen Charme.“

Herausforderung Beton

Für die von allen Seiten sichtbare Stahlbetonbauweise ist die Dachkonstruktion besonders charakteristisch. Die Architekten haben sich die Plastizität des Betons zunutze gemacht und ein räumliches Faltdach geschaffen, das die vorgeschriebene Satteldachform neu interpretieren soll. Über einer inneren Tragschale sind großformatige Betonfertigteile mit bis zu 8 m Länge und mehr als 3 m Breite angebracht. Den Übergang zwischen Dach und Fassade markieren dachflächenbündige Gitterroste, die die integrierte Regenrinne abdecken. Besonderes Fingerspitzengefühl erforderte der Detailpunkt an den Dachecken mit den akkurat auf Gehrung gestoßenen Gitterrosten. Denn hier treffen Stahlbaukonstruk-tionen mit Toleranzen im Millimeterbereich auf Betonkonstruktionen, bei denen die Toleranzen üblicherweise im Zentimeterbereich liegen, punktgenau auf­einander. Die Betonfassaden sind zweischalig und kerngedämmt. „Die größte Heraus­for­derung war die Dachkonstruktion aus Betonfertigteilen: Die Kantengeometrie und Befestigungsmöglichkeiten haben die Tragwerksplaner und uns maximal gefordert. Aber auch die Gebäudehülle hat es in sich: Um die Anzahl der Stoßfugen möglichst gering zu halten, haben wir bis zu 8 m hohe Schalenelemente verwendet.“ erklärt der Planer. Zur Qualität des Sichtbetons fügt er an: „Die Fassade ist in SB 4 gefertigt, die Sichtbetondecken in SB 3.“

Energiekonzept und DGNB Gold

Neben der architektonischen Ästhetik ist das Gebäude auch in Sachen Energieverbrauch und Ressourcenschonung sehr durchdacht. Das beweist die Zertifizierung in Gold durch die DGNB (Gesellschaft für nachhaltiges Bauen), die das Bürogebäude im Herbst 2012 erhielt. Das deutsche Zertifizierungssystem basiert auf sechs verschiedenen Themenfeldern zum Nachhaltigkeitsnachweis der Projekte. Betreut wird das Verfahren von einem für das Zertifikat akkreditierten Auditor, der den Bauherrn und das gesamte Team durch den Planungsprozess begleitet und diesen dokumentiert. Bei der Planung des Bürogebäudes von Blocher Blocher Partners berücksichtigte man u.a. folgende Maßnahmen: Erdwärmenutzung, Bauteilaktivierung, Grauwassernutzung, eine Kombination von natürlicher und mechanischer Lüftung und Einsatz von energiesparenden LED-Leuchten. „Um die Zerti­fizierung in Gold zu erlangen, haben wir höchste Ansprüche an die ökologische, aber auch ökonomische und soziale Qualität erfüllt – von der Nutzflächenoptimierung bis hin zur Auswahl schadstofffreier Materialien. Beim Energiekonzept achteten wir darauf, dass die Technik kaum sichtbar und der Ressourcenverbrauch möglichst niedrig ist. Dies gelingt unter anderem durch die Wärme- und Kälteversorgung über eine Wärmepumpen­anlage mit geothermischer Nutzung des Untergrunds. Dafür wurden 35 Erdbohrungen in bis zu 40 m Tiefe vorgenommen. Zudem nutzen wir zur Bürobeleuchtung durchweg LED-Leuch­ten“, betont Dieter Blocher. Die Energieflüsse werden durch die Gebäudeautomation detailliert überwacht und so die Energieeffizienz optimiert. Dadurch wird ein Jahresprimär-

energieverbrauch von 112,7 kWh/m²a – ca. 30 % unterhalb der von der ENEV 2009 aufgestellten Anforderungen erreicht. Nachhaltig ist auch die Konzeption des Gebäudes. Man kann es später in bis zu sechs Büro- oder Wohneinheiten unterteilen. Sogar eine Nutzung als Klinik wäre in der Zukunft denkbar. Platz für einen Bettenaufzug gibt es schon. Susanne Kreykenbohm, Hannover

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