Standpunkt Ingenieur

Beton, der Beinahealles­könner

Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Walther zum Thema „Beton“

Die Baumeister vergangener Zeiten waren noch Generalisten. Sie entwarfen die Bauwerke, erstellten ihre Statik und beaufsichtigten den Bauablauf. Ihre soziale Herkunft veränderte sich im Lauf der Geschichte, im Römischen Reich waren sie häufig Militäringenieure, im Frühmittelalter Kleriker, im Spätmittelalter Handwerker und in der Renaissance Maler, Bildhauer oder Wissenschaftler. Die im 19. Jahrhundert alle Bereiche erfassende Industrialisierung führte zu einer stark ansteigenden Bautätigkeit. Die Komplexität der Bauwerke, die Entwicklung neuer Baustoffe und Bauverfahren überforderte zunehmend den handwerklich geprägten Baumeister; der Generalist wurde vom Spezialisten verdrängt.

In dieser Zeit bildeten sich die Fachdisziplinen Architektur und Bau­ingenieurwesen heraus. In der akademischen Ausbildung kam es zu einer tiefgreifenden Trennung der beiden Fachrichtungen und einem teilweisen Verlust an Kommunikationsfähigkeit.

Mich haben schon im Studium an der Bauhaus-Universität Weimar Namen wie Candela, Isler, Müther, Nervi, Niemeyer, Torroja etc. fasziniert. In ihren spektakulären Betonbauten – insbesondere in den Betonschalen – war wieder der Generalist zu entdecken, der Architektur und Bauingenieurwesen in höchster Qualität zusammenführte. Waren das herausragende Einzelbeispiele, so ist in jüngster Zeit ein Trend hin zur stärkeren Zusammenarbeit der beiden Fachdisziplinen zu erkennen. Einzelne Universitäten und Hochschulen entwickeln Modelle, bei denen verstärkt fachübergreifende Inhalte gelehrt werden.

Und gerade das Bauen mit Beton erfordert die enge Zusammenarbeit von Architekten, Tragwerksplanern, Baustofftechnologen und Herstellern. Denn der heutige Beton mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten hat nichts mehr zu tun mit dem opus caementitium, dem Baustoff der Römer. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien einige beispielhafte Entwicklungen genannt:

Selbstverdichtende Betone ermöglichen unter anderem das Betonieren schwierigster Bauteilformen in hoher Qualität. Hochfeste und ultrahochfeste Betone lassen schlankere Konstruktionen bis hin zu Fachwerken zu. Ohne die bei Stahlbetonbauteilen üblichen, strengen Anforderungen an die Betondeckung können mit textilbewehrtem Beton sehr schlanke und dauerhafte Bauteile hergestellt werden. Mit Leichtbeton und Infraleichtbeton lässt sich beispielsweise das hohe gestalterische Potential von Sichtbeton mit den Anforderungen an ein energieeffizientes Bauen verknüpfen. Der Zusatz von Stahlfasern zum Beton ermöglicht gegen­über dem konventionellen Stahlbeton gezielte Traglaststeigerungen und eine verbesserte Gebrauchstauglichkeit. Für den Architekten besonders interessant sind die Fortschritte im Bereich des Sichtbetons. Durch Zugabe chemischer Stoffe lassen sich selbstreinigende Beton­oberflächen herstellen. Gestalterisch interessant sind auch lichtdurch­lässige Betone, die aus feinkörnigem Beton und Glasfasermatten bestehen. Insbesondere im Fertigteilbau lassen sich mit den genannten innovativen Betonen Bauteile in hoher ästhetischer und technischer Qualität herstellen.

Seit 2003 bin ich für das Fachprogramm der jährlich stattfinden­den BetonTage – der größten europäischen Veranstaltung der Branche – verantwortlich. In den letzten Jahren haben wir die ursprüngliche Zielgruppe – Hersteller von Betonbauteilen und Baustofftechnologen – um die Marktpartner Architekten und Bauingenieure erweitert. In speziell konzipierten, eigenständigen Podien berichten Architekten und Tragwerksplaner über ihre Erfahrungen bei der Planung und Realisierung von Bauwerken aus Beton. Mit der DBZ haben wir einen Partner für die Gestaltung des Architekturpodiums gefunden, der mit aller Kraft und Leidenschaft den Dialog zwischen Architekten, Tragwerksplanern und Baustofftechnologen aus Forschung und Praxis sucht und fördert. Anspruchsvolle, qualitativ hochwertige Architektur kann nur im Dialog der Beteiligten gelingen.

Der Ingenieur

Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Walther – Hochschule Karlsruhe, geboren am 20.02.1949 in Eisenach. Bauingenieurstudium an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar (Bauhaus-Universität), 1976 Dissertation. Bis 1989 Tätigkeit im Entwurfsbüro und im Wissenschaftszentrum Industrie- und Spezialbau der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar. Ab 1990 wiss. Mitarbeiter am Institut für Massivbau und Baustofftechnologie der Universität Karlsruhe (TH), seit 1998 Professor für Massivbau an der Hochschule Karlsruhe. Zuständig für das technische Fachprogramm der BetonTage seit 2003.

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