Auszeichnung Umbau Hofgut Karpfsee

Aus dem landwirtschaftlich genutzten Gut im oberbayerischen Voralpenland mit zwei in Reihe stehenden ehemaligen Stallgebäuden mit Tenne, zwei Wohngebäuden und einem Wasserturm, die einen Hofraum aufspannen, soll eine Begegnungsstätte für Kunst und Natur werden – unter teilweiser Beibehaltung der bäuerlichen Nutzung. Die Leitidee des Entwurfs war, Qualität und Charakter des Hofs zu bewahren und nur dort einzugreifen, wo dies aus funktionalen, konstruktiven oder räumlichen Gründen unbedingt notwendig war.

Die Planer beruhigten den Binnenbereich des Hofguts, indem sie die Straße außen herum führten. Neben dem Verwaltungsbereich und zwei Wohnun­gen waren Räume für den landwirtschaftlichen Betrieb und ein Seminarbereich mit entsprechender Infrastruktur erforderlich. Die Architekten führten Landwirtschaft und Seminar in einem großen Haus unter einem durchgehen­den Dach zusammen. Dafür zogen sie die in einer Linie stehenden ehemaligen Stallgebäuden zu einem langen Baukörper zusammen, wobei im Süden die Land- und Forstwirtschaft untergebracht ist und im Norden des Gebäudes der Seminar­bereich angeordnet ist.

Das Lange Haus – das Hauptgebäude – verfügt sowohl auf der Ost- als auch auf der Westseite über tiefe Vordächer, die einerseits für die landwirtschaftliche Nutzung erforderlich sind, im Bereich des Seminargebäudes aber auch geschützte Freibereiche schaffen. Die Hofstelle wird durch einen Schuppen, der als Ga­ragen- und Lagergebäude dient und einen Vorgängerbau ersetzt, arrondiert und durch den Neubau einer von der eigentlichen Hofstelle leicht abgerückten Energiezentrale ergänzt.

Bei der Gestaltung der Gebäude setzten die Planer auf einfache Konstruktionen und für die Region vertraute Materialien und handwerkliche Details. So bestehen die Häuser in Karpfsee überwiegend aus Mauerwerks- und Holzkonstruktionen.


Tragwerksplanung

Das Hofgut ist in der Substanz der Gebäude solide, in der Materialität angemessen, in den Proportionen vollkommen. Dürftig ist lediglich in Teilen die Holzkonstruktion, die an mehrfach unsachgemäßen Eingriffen in der Vergangenheit krankte. Deswegen setzten sich die Tragwerksplaner intensiv mit dem Bestand auseinander, um eine angemessene neue Konstruktion zu entwickeln. Mehrfache Begehun­gen und Bestandsuntersuchungen sowie Arbeiten an Arbeitsmodellen zusammen mit den Architekten führten schlussendlich zur Entscheidung, was bleibt und was neu werden muss. Die zusammen mit dem Tragwerksplaner entwickelte Holzkonstruktion wird trotz ihrer Einfachheit allen unterschiedlichen Anforderungen gerecht.


Energiekonzept

Ziel war es, ein weitgehend autarkes, nachhaltiges Plusenergiegebäude zu planen, das sich aus regional verfügbaren, regenerativen Energiequellen versorgt. Um einen (Primär-)Energieüberschuss zu erzeugen, wird einerseits die Biomasse aus dem eigenen 100 ha großen Wald in einem Holzvergaser-Gasmotor-BHKW nicht nur in Wärme (55 kW), sondern auch in Strom (20 kW) umgewandelt. Zusätzlich erzeugt eine PV-Anlage (40 kWp) auf dem Dach der Energiezentrale solaren Strom.


Das Energiekonzept führt im Netzparallelbetrieb zu einem bilanziellen Plusprimärenergiegebäude. Bei Ausfall des öffentlichen Stromnetzes steuert das elektrische Last- und Quellenmanagement automatisch Holz-Kraft-Anlage (HKA), Solarstromanlage (PV), Stromspeicher (EES) und die eingeschränkten Verbrauchsbereiche.

Das Raumklimakonzept im Langen Haus kombiniert die natürliche Belüftung aller Räume bei geeigneten Außentemperaturen (15 – 25 °C) mit einer CO2-kontrollierten, dezentralen, mechanischen Lüftung. Die eigentliche Beheizung und Kühlung der Räume erfolgt über eine thermische Aktivierung des Fußbodens. Die Überhitzung insbesondere der Seminarräume im OG wird durch geringe solare Wärmelas­ten aufgrund des Dachüberstandes, den außenliegenden vertikalen Holzlamellen vor der Verglasung und blendfreiem Tageslicht durch Mikro-Sonnenschutzraster in der Dachverglasung vermieden.

Beurteilung der Jury

Ein selten beglückendes Ergebnis eines sanf­ten und sorgfältigen Umbaus in der wunderbaren leicht hügeligen Voralpenlandschaft, nicht weit vom Starnberger See gelegen: Der Münchener Architekt Florian Nagler hat mit viel Feingefühl die bestehende Struktur von regional typischen, hölzernen Bauten aufgenommen, ergänzt und weitergebaut. Konzeptionell sollte alles Vorhandene auf seine weitere Verwendbarkeit überprüft werden, um nicht unnötigerweise die graue Energie des Bestands zu vernichten.

Ein Doppelhof aus Ställen wurde verlängert zu einem neuen, über 100 m langen Langhaus, das von einem neuen durchgehenden Tragwerk überbaut wird. Dieses Tragwerk orientiert sich einerseits an örtlichen Bautypologien mit seinen Holzverbindungen und dem großen Überstand, integriert andererseits Mikro-Sonnenschutzraster in der Dachverglasung. Diese Verbindung von zeitgemäßen klimatischen Ansätzen, wie Kühlung durch Erdsonden, Energie-Autarkie durch ein Holzschnitzelkraftwerk, Photovoltaikbedachung und außenliegenden hölzernen Sonnenschutzlamellen, in Symbiose mit tradierten Materialien und Konstruktionsprinzipien ist sehr zukunftsfähig. Es entspricht dem Ziel der neuen Stiftung Nantesbuch, die hier als Bauherrin in eigener Sache auftritt, Kunst und Natur miteinander zu versöhnen und Vermittlungsarbeit besonders für Schulkinder und Pädagogen zu leisten. Der Architekt hat auch für die Verlegung der öffentlichen Straße gesorgt, um dem neuen Stiftungszentrum ein ungestörtes Zusammenwachsen zu ermög­lichen. Neben dem Langhaus und der etwas zurückhaltenden Energiezentrale gehören noch zwei weitere umgebaute Häuser, eins für die Verwaltung und eins für den dort wohnenden Hausmeister, sowie ein alter Wasserturm zum Komplex. Die Jury lobt das herausragende Ergebnis der interdisziplinären Zusammenarbeit von Architekten, Tragwerksplanern und Klimaingenieuren in einer zurückhaltenden Weise, die sogar das Weiterbauen und die Wiederaufnahme traditioneller Ansätze neu reflektiert.

Projektbeteiligte

Bauherr: Stiftung Nantesbuch GmbH, München,

www.stiftung-nantesbuch.de
Architekten: Florian Nagler Architekten, München, www.nagler-architekten.de
Tragwerksplaner: merz kley partner ZT GmbH, Dornbirn/AT, www.mkp-ing.com
Energie-/Nachhaltigkeitskonzept: transsolar Energietechnik GmbH, München, www.transsolar.com
Lichtplanung: Candela Lichtplanung GmbH, Stuttgart, www. candela.de

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