Architekturkeramik
Die Idee hinter der Vielfalt

Keramik gehört zu den ältesten Bau- und Werkstoffen der Menschheit, der uns z. B. in Form von Fliesen seit Jahrtausenden begleitet. Insofern handelt es sich dabei – ähnlich wie bei Geschirr, Gefäßen oder Schmuck aus Keramik – um ein Kulturgut, das von unterschiedlichen Zivilisationen seit jeher auch als Ausdrucksmittel verwendet wurde. ­Keramikfliesen sind zudem einer der vielfältigsten Baustoffe überhaupt: Unzählige Farben, Formen, Formate und Oberflächen eröffnen reizvolle kreative Möglichkeiten. Dieser Artikel versucht, Anhaltspunkte für die praxisnahe Auswahl und Anwendung zu liefern.

Materialkunde: Fliese ist nicht gleich Fliese

Die Produktnorm zur Klassifizierung von Keramikfliesen ist die DIN EN 14411. Dazugehörige Einzelcharakteristika regeln entsprechen-de Prüfnormen wie z. B. die DIN N ISO 10545. In der Produktnorm finden sich zwecks internationaler Verwendbarkeit ziemlich kryptische Bezeichnun­gen, wie „stranggepresste keramische Fliesen und Platten DIN EN 14411 Gruppe AIa + AIb (Natur bzw. Präzi­sion)“. Im deutschsprachigen Raum gibt es ­alternativ dazu etwas griffigere Gattungsbegriffe, wobei die Ergänzung um den Aspekt der Wasseraufnahme nützlich ist, weil daraus Eigenschaften und Einsatzbereiche ableitbar sind.

(Fein-) Steinzeugfliesen haben eine geringe Wasseraufnahme von ≤ 0,5 % (Feinsteinzeug) bzw. von > 0,5 bis ≤ 3 % (Steinzeug).

Beide Fliesenarten sind frostbeständig, chemisch-physikalisch besonders strapazierfähig und durch das kompakte Gefüge extrem robust. Sie sind erhältlich als repräsentative Großformate mit raffinierten Optiken, die durch hohe Gestaltungsqualität beein­drucken.

– Einsatzbereich: Boden (zunehmend auch Wand), innen und außen.

– Oberfläche: überwiegend unglasiert, Steinzeug auch glasiert

– Formgebung: trockengepresst oder stranggezogen

Spaltplatten sind ebenfalls aus Steinzeug mit einer mittleren Wasseraufnahme von > 3 bis ≤ 6 %. Diese Art ist ebenfalls frostbeständig bzw. robust und hat sich speziell außen bewährt, da rudimentäre Restfeuchte in die feinen Kapillaren diffundieren kann, ohne Frostschäden anzurichten. Der Name kommt daher, dass die Fertigung Rücken an Rücken als Doppelplatte erfolgt, die nach dem Brennen in zwei Einzelplatten gespalten wird.

– Einsatzbereich: überwiegend Boden, speziell außen (aber auch innen)

– Oberfläche: glasiert oder unglasiert, mit natürlich-rustikaler Anmutung

– Formgebung: stranggezogen

Steingutfliesen haben eine hohe Wasseraufnahme von > 10 %. Wegen der daraus resultierenden „Porosität“ des Fliesenkörpers ist diese Gattung stets glasiert (um dem Eindringen von Feuchtigkeit oder anderen Medien vorzubeugen), nicht frostbeständig und somit nur für innen geeignet. Das Gefüge ist weniger kompakt und in Bezug auf Druck, Stoß oder Gewicht geringer belastbar, so dass sich die Verwendung an der Wand empfiehlt. Hauptvorteil ist die hervorragende Dekorierbarkeit.

– Einsatzbereich: Wand innen, z. B. als typi­sche Badezimmerfliese

– Oberfläche: glasiert

– Formgebung: trockengepresst

Nach diesen grundsätzlichen Aspekten stellt sich die Frage nach den funktionalen Anforderungen, sprich wo(für) wird die Fliese eingesetzt. Eine Annäherung ermöglicht die Differenzierung nach Wand oder Boden, wobei Keramikfliesen zu den Belägen gehören, die für beides gleichermaßen verwendbar sind.

Wandbeläge: Entdecke die Möglichkeiten

Wandfliesen werden üblicherweise kaum mechanisch beansprucht, so dass hierfür dekorative Steingutfliesen in Frage kommen. In Ausnahmefällen wie Autowaschanlagen, Werkstätten, Industriehallen etc. greift man besser zu (Fein-) Steinzeug oder Spaltplatten, da diese Fliesenarten robuster sind.

Bodenbeläge: Magisches Viereck

Hier gibt es nutzungsbedingte Anforderungen, die man plakativ als magisches Viereck der Bodenbeläge bezeichnen könnte, denn je nach Anwendung sind die vier Aspekte Trittsicherheit, Abriebfestigkeit, mechanische Be­las­tung und Reinigung auszutarieren und zu gewichten. Bei Keramikfliesen ist dies differenziert möglich:

Trittsicherheit

Diese Eigenschaft wird nach einem bewähr­ten Verfahren, der schiefen Ebene, ermittelt: Zum einen für Bereiche, die mit Schuhen begangen werden (Prüf-Norm 51130) mit den Bewertungsgruppen R9 bis R13 (bei profilierten Fliesen ergänzt um die Angabe des Verdrängungsraum V4/V6/V8/V10), zum anderen für „nassbelastete Barfußbereiche“ wie Duschen, Beckenumgänge etc. (Prüf-Norm DIN 51097) mit den Klassen A/B/C. Dabei gilt: Je höher Ziffer bzw. Buchstabe, desto tritt­sicherer.

Abriebfestigkeit

Glasierte Fliesen werden geprüft nach DIN EN ISO 10545-17. Der entsprechende „Widerstand gegen Oberflächenverschleiß“ wird ausgedrückt durch die Beanspruchungsgruppen 0 bis 5 (je höher, desto abriebfester). Unglasierte Fliesen werden getestet nach DIN EN ISO 10546-6. Dabei wird der Tiefenverschleiß, also quasi der Materialabtrag, in mm3 gemessen (je niedriger, desto resistenter). Unglasierte Fliesen trotzen selbst extremen Belastungen in stark frequentierten Bereichen wie Foyers, Fluren, Läden, Verkehrsbauten oder Zonen vor Kassen, Tresen, Schaltern etc.

Mechanische Belastung

Dieses Kapitel unterteilt sich in mehrere Teilbereiche:

– Bruchlast (Prüf-Norm: DIN EN ISO 10545-4)

– Biegefestigkeit (Prüf-Norm: DIN EN ISO 10545-4)

– Schlagfestigkeit (Prüf-Norm: DIN EN ISO 10545-5)

– Druckfestigkeit (nicht genormt)

Die Druckfestigkeit ist wie erwähnt bei Fliesen nicht genormt, aber dennoch mess- und formulierbar: Steinzeug erreicht bis zu 30 000 N/cm2 und weist somit eine ca. 10 bis 20-fach höhere Druckfestigkeit auf als Zementmörtel, Estrich oder Stahlbeton. Fliesen können daher auch für besonders stark beanspruchte Bereiche in Industrie, Gewerbe, Supermärkten, Lagerräumen, Werkstätten etc. eingesetzt werden. Dabei ist die Dicke der Fliesen maßgeschneidert auf die zu erwartende Belastung auslegbar, um so einerseits die Anforderungen sicher zu erfüllen, aber andererseits unnötige Kosten durch Überdimensionierung zu vermeiden.

Reinigung

Bei dieser zeit- und geldwerten Eigenschaft haben Fliesen beste Karten, denn sie sind äußerst pflegeleicht: Für die Unterhaltsreinigung genügt warmes Wasser mit handelsüblichen Reinigern. Aufwendige „Einpflege“, Beschichtungen, Emulsionen oder Spezial-reiniger sind nicht notwendig und können eventuell sogar kontraproduktiv sein, weil sich Fett-, Wachs- oder Kunststoffschichten aufbauen können, die ggf. Optik, Hygiene, Trittsicherheit und Reinigungseigenschaften negativ verändern. Dies gilt insbesondere für glasierte Fliesen oder solche mit werkseiti­gen Vergütungen bzw. Veredelungen, weil solche unnötigen Pflegemittel auf der Oberfläche stehenbleiben und nicht einziehen.

Innovative Oberflächen

Keramikfliesen werden zunehmend bereits ab Werk mit speziellen „Finishings“ versehen, um die Gebrauchseigenschaften nochmals zu optimieren. Ein Beispiel dafür sind unglasierte Fliesen mit werkseitiger Vergütung. Dadurch werden die bei dieser Fliesenart quo natura vorhandenen „Mikroporen“ verschlossen, um so dem Eindringen von Öl, Fett und anderen fleckbildenden Medien vorzubeugen. Darüber hinaus gibt es innovative Lösungen, die Keramikfliesen zu einem High-Tech-Produkt mit verblüffenden Eigenschaften machen: werkseitige Veredelungen, die auf dem Prinzip der Fotokatalyse basieren und demnach durch Licht aktiviert werden, führen dazu, dass die Oberfläche hydrophil, d. h. „wasserliebend“ wird: Putz- oder Regenwasser perlt nicht tropfenförmig ab, sondern bildet einen dünnen Film, der Verschmutzungen unterspült, die dann einfach entfernt werden können. An beregneten Fassaden ergibt dies sogar einen „self-washing-Effekt“, der aus jedem Schauer eine kostenlose, umweltfreundliche Wäsche macht. Darüber hinaus wirken damit versehene Fliesen antibakteriell ohne Chemie: Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze, Algen oder Moose werden zersetzt und ihre Neubildung behindert. Ein weiterer hochaktueller Vorzug ist der Abbau von Luftschadstoffen und zwar sowohl innen (Küchendünste, Nikotin, Schweiß, typische WC-Gerüche) als auch außen (Industrie- und Autoabgase).

Verlegung und Verfugung

Die Verlegung von Fliesen gilt als komplex. Diese Vorstellung ist überholt, denn keramische Wand- und Bodenbeläge können heute dank des umfassenden Angebots an Fliesenklebern, -mörteln und -fugen auf nahezu jedem ebenen, festen und tragfähigen Untergrund verlegt werden, wenn Material und Methode stimmen. Planern und Fliesenlegern kommt eine besondere Verantwortung zu, weil die Fliese ein Halbprodukt ist, das erst durch kundige Auswahl und Verlegung zu einem fertigen Belag wird.

Fliesenfugen sind nicht nur aus technischen bzw. bauphysikalischen Gründen erforderlich, sondern eröffnen gestalterische Optionen: Bei Mosaik führt das Fugenraster zu einer feingliedrigen Belebung von Flächen im Gegensatz z. B. zu fugenlosen Anstrichen oder Beschichtungen, die schnell optisch-haptisch reizlos wirken können. Eine oft gestellte Frage: Welche Fugenfarbe ist die richtige? Hier gibt es keine pauschale Antwort. Das Marktangebot ist riesig und letztlich ist die Entscheidung reine Geschmackssache. Dabei sind jedoch auch praktische Belange zu berücksichtigen: Eine weiße Fuge bei einem Bodenbelag wird nicht lange weiß bleiben, denn alleine durch die über das Putzwasser eingetragene Schmutzflotte sind Farbveränderungen unvermeidlich. Bei Wandbelägen fehlen solche Einflüsse, so dass man etwas mutiger sein kann. Generell lassen aber auch hier dezent-neutrale Fugenfarben den keramischen Belag wertig und homogen wirken.

Exemplarische Anwendungsbereiche: Fassaden

haben großen Einfluss auf die Energiebilanz und damit auf die Betriebskosten. Sie prägen Städte bzw. Landschaften, sind rund um die Uhr öffentlich sichtbar und geben Gebäuden ein Gesicht. Keramikfliesen bieten dafür spannende Optionen und Spielarten. Sie können sowohl direkt verklebt (z. B. auf ­Mauerwerk oder Wärmedämm-Verbundsystemen) als auch für hinterlüftete Vorhangfassaden eingesetzt werden. Am Unkompliziertesten für alle Beteiligten sind keramische Fassadensysteme mit allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassung, ansonsten ist eine Zulassung im Einzelfall zu absolvieren.

Schwimmbäder und Pools

stellen besondere Anforderungen z. B. in Bezug auf tadellose Hygiene, Beständigkeit gegen Chlor oder Trittsicherheit. Fliesen erfüllen diese funktionalen Ansprüche z. B. durch rutschhemmende mikroraue Spezialoberflächen, die selbst bei Nässe sicheren Halt bieten. Für die Ästhetik sind modular kombinierbare Komponenten wichtig. Neben Fliesen für die Fläche gilt dies z. B. auch für keramische Beckenrandsysteme oder Formteile. Sie erlauben durchgängige Konzepte aus einem Guss: von Beckenwand, -boden und -rand über den Umgang bis in angrenzende Bereiche wie Duschen, Saunen, Spa’s, Umkleiden, Foyers oder Restaurants.

Repräsentative Anwendungen

Keramikfliesen sind längst integraler Bestandteil zeitgemäßer (Innen-) Architektur: Subtile Designs, die durch die Möglichkeiten des keramischen Digitaldrucks nochmals attraktiv erweitert werden oder imposante Formate wie 60 x 120 cm oder 75 x 150 cm prädes­tinieren Fliesen z. B. für Boutiquen, Läden, Museen, Hotels, Restaurants, Foyers, Büros, Banken oder sämtliche Wohnbereiche bis hin zu Terrassen: Das gleiche Material kann von Innen nach Außen weitergeführt werden und so fließende Raumkontinuen entstehen lassen.

Farben

waren, sind und bleiben ein zentrales Element im Bauwesen, ob Ton in Ton oder mit spannungsreichen Kontrasten. Viele Her­steller von Architekturkeramik offerieren ­modular kombinierbare Farbsysteme, die es erlauben, verschiedene Stimmungen und Atmosphären zu schaffen. Fliesen eignen sich hierfür besonders, weil sie in fein differenzierten Nuancen und verschiedenen Glanzgraden (matt, seidenmatt, glänzend) herstellbar sind.

Dazu kommt ein entscheidender Aspekt: Dank absoluter Farb- und Lichtechtheit gibt es selbst bei intensiver Sonneneinstrahlung oder Beleuchtung kein Ausbleichen, Verfärben oder Verblassen. Dadurch können kreative Planer dauerhafte Farbkonzepte realisieren, die sich nicht ungewollt schleichend oder gar abrupt verändern.

Formate

sind ebenfalls eine wesentliche architektonische Komponente. Neben einer möglichst großen Anzahl von verschiedenen Dimensionen ist die Kombinierbarkeit ein wesentliches Kriterium. Der Nutzen liegt auf der Hand: Flächen können elegant proportioniert, rhythmisiert und kreativ gestaltet werden. Keramikfliesen bieten durch das Prinzip der Vervielfachung eine natürliche Ordnung.

­Darüber hinaus kann das gleiche Format unterschiedlich verlegt werden: Diagonale Anordnung lässt schmale Flächen breiter erscheinen, lineare Verlegung vermittelt klare Stringenz, ein Halb-, Drittel oder Kombinationsverband sorgt für Dynamik.

In der komplexen Welt der Architektur ist effiziente Planung ohne System nahezu unmöglich. Deshalb folgen Fliesenformate gewissen Regeln.

In diesem Kontext sind zwei Nomenklaturen zu nennen: zum einen das Dezimalsys­tem, das auf dem Zehntel-Meter fußt, sprich 10 cm sowie Teilbare und Vielfache davon wie z. B. 20 x 20 cm, 30 x 60 cm etc.; zum anderen das oktametrische Prinzip, das auf dem Achtel-Meter (12,5 cm sowie Teilbare und Vielfache davon wie z. B. 25 x 25 cm) basiert und seine Ursprünge im Mauerwerkbau (Ziegelsteine) hat. Abgerundet werden hochwertige Fliesensortimente durch keramische Formteile wie Radialleisten, Hohlkehlen, Treppenfliesen, Sockel oder Spezialitäten wie Flachrinnen, Blindenleitsysteme, elektrostatisch ableitende Lösungen oder Duschtassensteine.

Fazit

Schlüssige Konzepte bestehen nicht aus beliebig aneinander gereihten Einzelkomponenten, sondern beinhalten eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Dafür sind Belagsarten vorteilhaft, die an Boden und Wand gleichermaßen gut wirken. Keramikfliesen gehören dazu – im Gegensatz zu anderen Materialien, die entweder nur an der Wand (Tapeten, Putz, Anstriche) oder nur am Boden (Parkett, Laminat, Teppich, PVC, Linoleum, Gummi, Kork) eingesetzt werden können. Andererseits harmonieren Fliesen bestens mit diesen und anderen Materialien – beste Voraussetzungen also für zeitgemäße Architektur, einem vielschichtigen Begriff, den man interpretieren könnte als „gebaute Umwelt von Menschen für Menschen“.

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