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Seit dem 18. September 2010 ist Dipl.-Ing. Sigurd Trommer Präsident der Bundesarchitektenkammer – BAK. Er war Stadtbaurat von Neustadt a. Rbge., Wolfsburg sowie von Bonn. Er war und ist in vielen Institutionen wie dem BDA und der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) und hatte Lehraufträge in Braunschweig, Bonn und Kassel. Nach einem Jahr Amtstätigkeit als BAK-Präsident und kurz vor dem Deutschen Architektentag in Dresden traf die DBZ Redaktion Sigurd Trommer zu einem Interview, um über sein erstes Jahr als Präsident und die Zukunft und Anforderungen an Architekten zu reden.

Seit dem 18. September 2010 ist Dipl.-Ing. Sigurd Trommer Präsident der Bundesarchitektenkammer – BAK. Er war Stadtbaurat von Neustadt a. Rbge., Wolfsburg sowie von Bonn. Er war und ist in vielen Institutionen wie dem BDA und der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) und hatte Lehraufträge in Braunschweig, Bonn und Kassel. Nach einem Jahr Amts-tätigkeit als BAK-Präsident und kurz vor dem Deutschen Architektentag in Dresden traf die DBZ Redaktion Sigurd Trommer zu einem Interview, um über sein erstes Jahr als Prä­-sident und die Zukunft und Anforderungen an Architekten zu reden.


Herr Trommer, nach Ihrem jahrzehntelangen Wirken als Stadtbaurat stellen Sie sich nun einer ganz anderen Aufgabe, nämlich als BAK-Präsident „Chef aller Architekten“ zu sein. Was hat Sie dazu bewogen, alles aus einer anderen Perspektive zu betrachten und was möchten Sie bewegen?

Ich war schon in frühen Jahren berufsständisch engagiert, hatte das aber vergessen. Als ich vor ein paar Wochen von der Niedersächsischen Architektenkammer zu einem Vortrag eingeladen war, wurde ich damit begrüßt: „Sie waren ja mal Kollege in der Vertreterversammlung und Vorsitzender des Arbeitskreises Städtebau!“, das war zu Beginn meiner Stadtbauratstätigkeit in Neustadt. Seitdem begleitet mich die Verpflichtung des Architekten, einerseits seinem Auftraggeber für die qualitätvolle Erfüllung einer Planungs- und Bauaufgabe verpflichtet zu sein und andererseits, der Öffentlichkeit, dem Gemeinwesen verpflichtet zu sein, ein gutes und ansehnliches Bauwerk auch zum Nutzen und zum Wohlgefallen der Allgemeinheit zu erstellen. Gerade auch dieser öffentlichen Verpflichtung müssen wir Architekten uns immer bewusst sein. Dies ist nicht zuletzt auch unser Thema für den Deutschen Architektentag am 14. Oktober in Dresden. Architekten müssen sich in die Gesellschaft hinein als ein Berufsstand darstellen, der wie kein anderer die Zukunft unseres Lebensumfeldes gestaltet. Ich freue mich auf eine rege Teilnahme an unserem Kongress.


Glauben Sie, dass den Architekten diese Verantwortung wirklich bewusst ist und sie diese auch annehmen wollen?

Ich versuche zu überzeugen und zu bewegen und dem Berufsstand seine Verantwortung für die Gemeinde deutlich zu machen. Ich hoffe, dass aus diesem Engagement mehr Anerkennung für unseren Berufsstand zurückfließt. Das würde sich auch auf manche unserer Notwendigkeiten wie z. B. Honorarordnung, Berufsanerkennung, Qualifizierung positiv auswirken.


Wenn man mal in die Praxis hört, wird man damit konfrontiert, dass Architekten bei den Projekten scheinbar nicht mehr die „Entscheider“ sind. Ist es nun Ihre Aufgabe, den Architekten als Generalisten zu stärken?

Ein Abschmelzen dieser Generalzuständigkeit ist leider seit einigen Jahrzehnten Fakt. Warum das so ist? Der Kern unseres Berufes, das Entwerfen und Bauen, ist so faszinierend und macht so viel Freude, dass wir uns den aus unserer Sicht weniger, aus anderer Sicht durchaus inspirierenden Aufgaben wie den rechtlichen und vertraglichen, den finanziellen und den steuernden Anforderungen nicht mit gleicher Hingabe widmen. Hier haben sich andere hineingedrängt. Wir müssen Terrain zurückerobern. Das kostet viel Kraft, aber es ist möglich.


Damit komme ich zu einem anderen wichtigen Thema. Den integralen Prozessen. Warum ist es so schwierig, die Planungs- und Ausführungsprozesse im Sinne von integralen Prozessen vorzunehmen?

Man muss lernen, integral zu denken. Das erfordert viel Abstrahierung. Wir werden überschüttet von unendlich vielen Informationen, eine negative Auswirkung in unserem Informationszeitalter. Der Mensch ist der wichtigste Knotenpunkt in den Informationsnetzwerken, er muss permanent entscheiden, womit er sich nicht beschäftigen will, muss seine Erfahrungen und Erkenntnisse mit denen anderer zusammenfügen und zu komplexen, integralen Prozessen formen. Im Übrigen liegt hier eine große Herausforderung auch an den Berufsstand: Wir müssen sehr genau selektieren, was für die Berufsaus-übung der Architekten mit ihren Differenzierungen für Stadtplanung, Hochbau, Landschaftsplanung und Innenarchitektur wichtig und was kontraproduktiv ist. Am Beispiel
der Normung kann man das gut festmachen: Zuallererst muss die Überlegung kommen, ob ich für ein bestimmtes Produkt oder eine Dienstleistung eine Normung überhaupt brauche. Erst wenn das zu bejahen ist, darf ich mich operativ damit beschäftigen.


Ich möchte noch mal zurückkommen zu der Zusammenarbeit zwischen Architekt und Ingenieur. Der ganze Bereich der TGA Tech­-nischen Gebäudeausrüstung scheint mir in diesem so wichtigen Zusammenspiel der Architekten und Ingenieure noch nicht wirk­lich prozessorientiert zu sein.

Ich empfinde es als große und permanente Aufgabe, eine intensive und kollegiale Zusammenarbeit mit den Ingenieuren zu pflegen. Wir haben ja gemeinsame Wurzeln.
Und die Zukunft mit ihren eruptionsartig uns fordernden Veränderungen braucht das unbedingte Engagement von Architekten und Ingenieuren – und zwar im kollegialen Miteinander. Allein die durch die Thematik Klima und Energie zu bewältigenden Herausforderungen mit hochkomplexen technischen Frage-stellungen zeigen eine epochale Dramatik. Sie darf nicht dazu führen, dass unsere Städte und Landschaften einen beklagenswerten Wandel erleiden, sondern für unsere Gesellschaft Heimat und begehrenswert bleiben. Hier müssen wir großräumig denken, über die Region, Stadt und Stadtteil bis zum Einzelobjekt. Und Nachhaltigkeit mit ihrem ökologischen, ökonomischen und soziokulturellem Postulat erfordert, Bauwerke bis zum Ende ihres Lebenszyklus zu betrachten, sie wieder in ihre materiellen Bestandteile zu zerlegen und diese ohne nachteilige Auswirkungen in einen neuen Nutzungskreislauf einzubringen. Dem müssen wir uns stellen, und ich finde darin eine spannende und ungemein reizvolle Herausforderung. Nur zwei Aspekte, die zeigen, dass Architekt und Ingenieur gewaltigen Aufgaben wie selten in der Geschichte gegenüberstehen.


Können Sie erkennen, dass Ihre Gedanken zur Veränderung und Ihr Anspruch an die Kollegen Auswirkungen zeigen?

Ich habe den Eindruck, dass viele Kollegen ähnlich denken, dass sie es erfrischend finden, der uns oft erdrückenden Last von zu viel Formalismus und Nebensächlichkeit wenigstens zeitweise zu entrinnen und auf den Kern dessen zu kommen, was Zukunftsfähigkeit bedeutet. Allerdings begegne ich auch häufig der Meinung, dass die Arbeitsbelastung aus den zu bearbeitenden Projekten „solche Träumereien“ nicht zulässt. Ab und an muss man sich aber neben sich stellen und fragen, ob dieses Ich noch den unverstellten Blick auf die Kompassnadel des Lebens besitzt. Wir haben uns gerade in einer Klausur von BAK-Vorstand (das sind alle Architektenkammerpräsidenten der Bundesländer) und BAK-Präsidium darauf verständigt, uns in jedem Jahr einmal in einer Klausur, losgelöst von den Strategie- und Taktikthemen des Alltags, zum Gedankenaustausch zusammenzusetzen.

Ich habe auch den Eindruck, dass die Architektenschaft engagiert ist, die Notwendigkeiten, Anforderungen und Wünsche einer sich dynamisch wandelnden Gesellschaft zu erkennen und zu diskutieren und sie in die zu bauende und zu verändernde Lebensumwelt umzusetzen. Die Menschen so zu erziehen, dass sie in unsere Gebäude passen und diese richtig nutzen, passt nicht in unsere Zeit. Der Architekt ist kein Missionar. Er ist Partner und Teil der Gesellschaft und muss seine Fachkompetenz aktiv einbringen und nicht nur dann, wenn er einen Auftrag hat.


Neue Technologien und energetische Anfor-derungen, vor allem im Bestand, verändern unsere Architektur und unsere Städte. Was bedeutet das für die Zukunft unserer Städte?

Unsere Städte verändern sich und werden in Zukunft anders aussehen als heute. Diese Veränderungen in menschlicher, harmonischer und aus einem Zukunftsrückblick erfreulichen Weise zu gestalten, das ist unsere Aufgabe. Dazu müssen wir Utopien und Visionen denken und daraus Realisierungen entwickeln. Nicht im Kämmerlein, sondern unter Mitwirkung der Gesellschaft. Und wir müssen dafür auch Bilder schaffen, das ist der Kern unserer Profession.

Wir sind schon mittendrin, wenn wir zum Beispiel mit Kunsthistorikern in der Denkmalpflege über neue Technologien sprechen mit deren Maxime, einem Denkmal doch keine Solarkollektoren aufsetzen zu können! Aber Dacheindeckungen sind in den unterschiedlichsten Materialien in Abhängigkeit vom regionalen Vorkommen erfunden und entwickelt worden, und wir haben uns an die tradierte Verwendung und das Erscheinungsbild gewöhnt. Wir entdecken nun aus Zwängen heraus andere Materialien und sind in der Lage, daraus Dacheindeckungen zu entwickeln, die das Bauwerk nicht nur vor Wasser, Wind und Wärmeverlust schützen, sondern aus der Dacheindeckung sogar noch ein Kraftwerk machen. Und wir müssen gemeinsam mit Denkmalpflegern darüber nachdenken, ob und wenn ja, in welcher äußeren Form ein Denkmal mit einem solchen Dach seine Authentizität wahren kann.


Zum Schluss: Gibt es etwas, was Ihnen be­-sonders wichtig ist?

Ich wünsche mir, dass wir in unseren Städten und den umgebenden Landschaften bewusster leben und mit ihnen bewusster umgehen – als Architekten und als Nutzer einer Stadt. Und dass wir die Stadt – auch wenn es nicht unsere Geburtsstadt ist und wir „Bürger auf Zeit“ sind – als den Ort erkennen, mit dessen Wohl und Wehe wir eng verknüpft sind. Dass wir uns unserer beruflichen und berufsständischen Verpflichtung bewusst sind, Verantwortung für die bauliche und städtebauliche Qualität zu haben. Mit diesem Bewusstsein kann man sich gut in die Gesellschaft einbringen.


Herr Trommer, ich danke ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Burkhard Fröhlich, Chefredakteur der DBZ, im August 2011 in Berlin.

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