Hochschule mit Freiräumen

Aarhus School of Architecture, Aarhus/DK

Das neue Gebäude der Aarhus School of Architecture ist dem Konzept der Schule wie auf den Leib geschneidert. Es gibt den Studierenden und Lehrenden genau den passenden Rahmen, um umzusetzen, was das pädagogische und kreative Ziel der Schule ist. Kein Wunder – die Architekten von ADEPT haben selbst an der
Arkitektskolen Aarhus studiert.

Die Architekturschule im dänischen Aarhus wurde 1965 gegründet und bezog seinerzeit „vorübergehend“ einen Altbau in der Stadt. Die Schule wuchs und mit ihr die Standorte. Erst jetzt, 50 Jahre nach der Gründung, entstand auf einem ehemaligen Güterbahnhofsareal der erste Neubau der Schule, in dem nun alle 700 Studierenden an einem Standort gemeinsam studieren, sich austauschen und voneinander lernen können.

Die Schule ist schon lange, auch außerhalb der Grenzen Dänemarks, für ihre sehr gute Ausbildung bekannt. Ihre Bekanntheit bezog sich bislang allerdings in erster Linie auf das Konzept, die Pädagogik und den ganzheitlichen Ansatz in Bezug auf Architektur, Landschaftsplanung und Städtebau auf der einen, aber auch auf Forschung, Theorie und Praxis auf der anderen Seite. Jetzt gelangt mit dem Neubau von ADEPT auch das zum inhaltlichen Konzept passende Gebäude in den Fokus.

Innen und außen

2019 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs westlich der Aarhuser Innenstadt sowie unweit des Kunstmuseums ARoS und des Rathauses von Arne Jacobsen mit dem Bau begonnen. Dieser vermittelt städtebaulich zwischen einer städtischen, mehrgeschossigen Straßenbebauung im Norden hin zu einer kleinteiligen Struktur mit temporärer Bebauung und einem ehemaligen Güterschuppen entlang eines kleinen Grünzugs an der Südseite. Die Viergeschossigkeit an der Straße wurde von den Architekten zum Rückbereich so abgetreppt, dass sich das Gebäudevolumen nun sehr gut in die umgebenden Containerbauten einer kleinen Künstler:innen-Community sowie dem ebenfalls kulturell umgenutzten Güterschuppen einpasst. Auf dem Gebäude entstanden auf diese Weise drei große Dachterrassen, die sehr gut von den Nutzer:innen als informelle Kommunika­tionsflächen angenommen werden. Dieses Eingehen auf die Umgebung, das Spiel zwischen innen und außen ist wesentlich und taucht in vielen Facetten des Entwurfs auf: Große Fensterflächen sorgen für Transparenz, hohe Rolltore dafür, dass der Außenraum auch für das Arbeiten im Freien mit einbezogen werden kann. An der Fassade ablesbar sind neben diesen großen transparenten Flächen der Pfostenriegelkonstruktion aus Holz und Aluminium ein- bis viergeschossige Außenwände aus Sichtbeton.

Aussteifende Tooltowers

Das hat etwas mit der Grundstruktur des Gebäudes zu tun. Diese besteht aus sechs unterschiedlich großen ein-, zwei-, drei- und viergeschossigen Tooltowers. Sie sind aus Stahlbeton und erfüllen eine aussteifende Funktion, beherbergen vor allen Dingen aber auch, neben Treppenhäusern und Sanitäreinheiten, die lauten Bereiche wie Holz-, Metall- oder CNC-Werkstätten. Das erklärt den Einsatz von Stahlbeton. „Wir wollten uns in der Wahl der Materialien beschränken und wir wollten nachhaltig bauen, wozu auch eine optimale Nutzbarkeit gehört“, erklärt Martin Krogh, einer der Partner des Architekturbüros. „Zudem hat auch Stahlbeton aus unserer Sicht in bestimmten Situationen seine Berechtigung, in diesem Fall durch seine schalldämmende Wirkung.“

Zwischen diesen massiven Türmen entstanden quasi fließende Räume unterschiedlicher Nutzungen, wobei bewusst relativ viele Flächen von den Architekten nicht mit einer konkreten Funktion belegt wurden. Die Intension dabei war in erster Linie, den Studierenden Raum zu geben für Kommunikation und informellen Austausch. „Wir nennen diese Flächen nicht-programmierte Räume. Die Studierenden können sie in unterschiedlicher Weise nutzen und wir beobachten, ob und wie sie sich das Gebäude aneignen“, so Architekt Krogh. „Zudem bleibt das Gebäude dadurch sehr flexibel in seiner Nutzung, was auch ein wesentlicher Aspekt der Nachhaltigkeit ist.“ Die Rechnung ist hier jedenfalls aufgegangen. Wo in anderen Projekten vergeblich in die Pläne Begriffe wie „Gemeinschaftsraum“ oder „Treffpunkt“ geschrieben werden, wird in der New Arch tatsächlich jeder Quadratmeter des Gebäudes im besten Sinne des Wortes benutzt. Begegnungen, spontane Besprechungen, Flexibilität bei temporären Nutzungsänderungen können in dem Gebäude passieren und werden durch die Architektur nahezu provoziert, auf jeden Fall unterstützt.

Kommunikation und Transparenz

Im Zuge des Entwerfens war für die Architekt:innen die Aus­einandersetzung mit der Art des Lehrens und mit der Nutzung im Bestand sehr wichtig: Worauf wurde Wert gelegt, welche Räume wurden wie genutzt, was für Räume fehlten? „Ein wesentlicher Aspekt der Lehre in der Aarhus School of Architecture ist beispielsweise, sich der Kritik der Lehrenden und der Mitstudierenden zu stellen, zu lernen, sich und seine Arbeit zu präsentieren“, erläutert Krogh, der selbst 2006 seinen Abschluss an der Schule gemacht und direkt im Anschluss mit zwei Kommilitonen das Büro ­ADEPT in Kopenhagen gegründet hat. „Hierfür haben wir Kritikräume unterschiedlicher Größe geschaffen. Aber vor allen Dingen auch dem Experimentieren mit Materialien, dem Selberbauen von Modellen und Konstruktionen sollte viel Raum gegeben werden, weshalb es nicht nur verschiedene Werkstätten gibt, sondern auch eine zweigeschossige Halle, in der große 1 : 1-Mock-ups gebaut werden können.“ Sämtliche Werkstätten sind rund um die Uhr für alle Studierenden zugänglich.

Kommunikation und Transparenz sind die Begriffe, die bei der Aus­einandersetzung mit dem Gebäude immer wieder fallen und auffallen: Durchblicke auch innerhalb des Gebäudes, manchmal durch einen Raum hindurch in einen dritten, von oben in die Cafeteria oder in eine der Werkstätten – im Prinzip soll nichts hinter verschlossenen Türen stattfinden. So gibt es zwischen der zentralen Cafeteria, in der man steht, sobald man das Gebäude durch einen Windfang betreten hat, und der direkt anschließenden Holzwerkstatt in der Stahlbetonwand eine riesige 10 cm dicke Glasscheibe. Eine hohe Investition, die ihr Geld unbedingt wert war: Sie ermög­licht Einblick, lässt aber keinerlei Geräusche durch.

Benutzung

In den oberen Geschossen befinden sich entlang der Längsseiten die Zeichen- und Arbeitssäle der Studierenden. Die Zeichenplätze wurden auf fünf Großraumsäle mit jeweils 120 Plätzen(!) konzentriert, die bei Bedarf (nur) optisch durch Vorhänge getrennt werden können. Im 1. Obergeschoss befindet sich an der Südseite der Arbeitsbereich der Lehrenden.

Neben diesen nur den Nutzer:innen der Schule vorbehaltenen Räumen gibt es öffentliche Bereiche, die zu bestimmten Zeiten von allen genutzt werden können. Dazu gehört in erster Linie die Bibliothek, für die es seinerzeit einen separaten Wettbewerb gab und der von Praksis Arkitekter gewonnen wurde. Die Holzkonstruk­tion mit vier Ebenen wurde in die dreigeschossige Halle eingestellt. Sie wirkt ein bisschen fremd in ihrer Umgebung und ist doch ein Magnet im Gebäude, auch weil es hier sehr entspannt ist – ein angenehmer Ruhe­pol in der ansonsten eher quirligen, Umgebung.

An der Nord-West-Ecke des Gebäudes ist das Auditorium, das auch für nicht-schulische Veranstaltungen gerne gebucht wird. Zwei weitere Räume können bei größeren Events dazugeschaltet werden.

Dieses Gebäude funktioniert! Der Ansatz der Architekten, das Konzept der Schule baulich umzusetzen und diese als eine Art Experimentier-Werkstatt für Architektur zu verstehen, greift und wird von den Studierenden und Lehrenden genauso genutzt.

⇥Nina Greve, Lübecksowie

Projektdaten

Objekt: NEW AARCH

Ort: Aarhus/DK

Typologie: Architektur Schule

Bauherrin: Danish Building and Property Agency

Nutzerin: Aarhus School of Architecture

Architektur/Landschaftsarchitektur: ADEPT, Kopenhagen/DK,

www.adept.dk

Bauingenieure: Tri-Consult A/S, Viby/DK, www.tri-consult.dk

Bauunternehmer: A. Enggaard A/S, Aalborg/DK, www.enggaard.dk

Wettbewerb und Konzeption: ADEPT, www.adept.dk, Vargo Nielsen Palle, www.v-n-p.dk; Rolvung & Brøndsted Arkitekter,
www.rb-arkitekter.dk

Weitere Berater: Steensen Varming, Kopenhagen/DK, www.steensenvarming.com; Lendager Arktekter, Kopenhagen/DK, www.lendager.com; Etos Ingeniører, Aarhus/DK,

www.etosing.dk

Kunst: Lea Porsager

Bücherei: Praksis Arkitekter, Svendborg/DK, www.praksisarkitekter.dk

Fertigtellung: Oktober 2021

Grundstücksgröße: ca. 1 ha

Bruttogeschossfläche: 12 554 m²

Gesamtnutzfläche: 10 996 m²

Baukosten

Gesamt: 39 Mio  €

Kosten: 2 300 €/m²

Fachplaner

Tragwerksplanung: tri-consult A/S, Viby/DK, www.tri-consult.dk

Heizung, Licht, Elektroinstallation:
tri-consult A/S, Viby/DK

Energy Designer: Steensen Varming, Kopenhagen/DK, www.steensenvarming.com

Innenarchitektur: ADEPT

Fassadenplanung: tri-consult A/S, Viby/DK / Steensen Varming, Kopenhagen/DK

Akustik, Brandschutz: tri-consult A/S, Viby/DK

Energie

Primärenergiebedarf: 61,2 kWh/m²a

Endenergiebedarf: 48,1 kWh/m²a

Jahresheizenergiebedarf: 28,8 kWh/m²a

Energiekonzept: hoch isolierte Konstruktionen, hohe Luftdichtigkeit, Fenster optimiert auf geringen Wärmeverlust, solare Gewinne und Tageslichteintrag

U-Werte Gebäudehülle:

Außenwände = 0,16 – 0,19 W/(m²K)

Bodenplatte = 0,12 W/(m²K)

Dach = 0,08 W/(m²K)

Fenster (Uw) = 0,99 W/(m²K) – Mittelwert zwischen 2- und 3-fach verglasten Fenstern

Verglasung (Ug) = 0,83 W/(m²K) – Mittelwert zwischen 2- und 3-fach Verglasung (doppel verglast: Ug = 1,1 W/m²K, 3-fach verglast: Ug = 0,6 W/m²K)

Ug-total (mit Sonnenschutz) = 0,99 W/(m²K)

Luftwechselrate n50 = 0,3 /h

Gebäudetechnik

Automatische und benutzergesteuerte natürliche Belüftung in ausgewählten Räumen inkl. Nachtkühlmöglichkeiten, RLT-Geräte mit integrierter Wärmepumpen-technik zur Vorwärmung der Ventilationsluft und Klimatisierung (Raumkühlung). 414 m² PV-Anlage mit 20 % Wirkungsgrad

Herstellerfirmen

Glas/Alufassade: Saint-Gobain Glasssolutions, www.de.saint-gobain-building-glass.com

Beton: Unicon A/S, www.unicon.de

Armaturen: Vola A/S, www.vola.com

Badkeramik: Duravit AG,

www.duravit.de

Aufzüge: KONE, www.kone.de

Türen/Tore: Hörmann KG,

www.hoermann.de

Das Gebäude integriert sich durch seine industrielle Architektur in die Nachbarschaft. Das den Innenraum definierende, rezyklierte, flexible Regalsystem schafft einen Ort, der die Ideen der Nutzer:innen in den Vordergrund stellt und dabei Raum für Kreativität sowie zukünftige Entwicklungen bietet.« DBZ Heftpartnerinnen Maria Hirnsperger und Angie Müller-Puch, Behnisch Architekten München/ Weimar
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