Gastlichkeitim Holzmodul­bau

2nd home Hotel, Nördlingen

Das Hotel „2nd Home“ spricht eine reduzierte Architektursprache, die sich für die Architekten aus dem Konstruktionssystem heraus entwickelt. Ist das Gebäude im Unter- und Erdgeschoss noch in Massivbauweise errichtet, so entsteht eine Art Sockel für die Module der Gästezimmer, die im Werk vorgefertigt und vor Ort nur noch eingebaut werden mussten.

Das Bauen mit vorgefertigten Elementen bringt bekanntlich viele Vorteile, vor allem bei der Präzision, der Baustellenorganisation und nicht zuletzt der Bauzeit. Noch effizienter lässt es sich in kompletten Modulen bauen, wie die Planer von Johannes Kaufmann Architektur zeigen, die seit vielen Jahren auf den Holz-Modulbau spezialisiert sind. Auf eine fast 90 Jahre währende Geschichte in der Zimmerei und Tischlerei blickt die Familie des Architekten Johannes Kaufmann zurück. Seit den 1980er-Jahren wird dort im Verbund von Planungsbüro und Zimmerei mit vorgefertigten Bauelementen aus Holz experimentiert und so versucht, das Bauen effizienter zu gestalten. Ihr System ermöglichte, ein ganzes Hotel mit 46 Zimmern in drei Obergeschossen in einem knappen halben Jahr zu errichten. Im Nördlinger Gewerbegebiet Luntenbuck, nordwestlich außerhalb der Stadtmauer, entstand das neue Hotel „2nd Home“, mit dem die Betreiber ein Haus „voller Lifestyle und Wärme, Zeitgeist und Herzlichkeit, Modernität und Gefühl“ schaffen wollen.

 

Massiv-Modul-Verbund

Das Hotel ist in Holzmodulbauweise geplant. Wobei man ehrlicherweise einschränken muss: Das Unter- und das Erdgeschoss sind zunächst als Massivbau realisiert, auch das Treppenhaus und der Liftkern bestehen aus Stahlbeton, ebenso die Decken dieser beiden Geschosse. Zusammen ergeben sie einen stabilen Sockel, der für die Standfestigkeit des gesamten Bauwerks sorgt und im Prinzip eine Art konstruktives Podest für die Geschosse darüber schafft. Ab dem 1. Obergeschoss besteht das Bauwerk dann hauptsächlich aus Fichtenholz-Modulen, die im Werk der Kaufmann Zimmerei und Tischlerei im österreichischen Reuthe (nahe Dornbirn) vorgefertigt wurden. Konstruktiv muss man sich das System der Obergeschosse wie übereinandergestapelte Schiffscontainer vorstellen, die ihre Lasten auch direkt an das Modul darunter, statt zunächst auf Geschossdecken weitergeben. Die Flure, die schlussendlich die Geschosse definieren, sind dann nur noch dazwischen eingezogen. Von Decken im klassischen Sinn kann man hier also nicht mehr reden. Die Modulbauweise ist dabei bis ins Detail gedacht: Jedes Modul wurde im Werk inklusive der Möblierung, Strom- und Wasserleitungen, Fenster sowie aller Ausstattungen und kleinem Balkon vormontiert und musste vor Ort nur noch an wenigen Punkten angeschlossen werden. Damit konnten die Planer nicht nur die Ausführungsqualität auf einen hohen Standard bringen, sondern auch die Bauzeit enorm verkürzen: „Wir haben im April mit dem Bau begonnen, Anfang September war das Gebäude fertiggestellt. Die 46 Raummodule wurden in zwei Wochen aufgestellt“, erklärt der Bauleiter Wolfgang Ritter von Johannes Kaufmann Architektur.

 

Holz als prägendes Material

Die Fassade besteht beim 2nd Home Hotel aus einem vertikalen, geschlossenen Lattenrost aus Fichtenholz, in dem eine feine, horizontale Gliederung aus schwarz beschichteten Abtropfblechen die einzelnen Geschosse ablesbar macht. Einzige gestalterische Schwäche hier: Man hätte sich gewünscht, dass die beiden unterschiedlichen Konstruktionen der massiven Sockel- und der modularen Obergeschosse auch in der Fassade ablesbar gewesen wären. Das hätte den Fokus noch einmal auf die effiziente und raffinierte Holzmodulbauweise gelegt und (zumindest dem geschulten Auge) eine zusätzliche Wahrnehmungsebene beschert. Vorherrschend und prägend am und im Gebäude ist somit das Material Holz, was durchaus auch mit dem Gestaltungswillen der Betreiber zu tun hat. Das Holz solle, so ist auf der Website des Hotels zu lesen, „mit allen Sinnen erfahren werden. Man fühlt es, riecht und spürt es. Es entsteht die Illusion von würzigem Waldgeruch, Erinnerungen an einen Ausflug ins Freie werden geweckt.“

 

Klar und reduziert

Die Architekten gehen sogar noch einen Schritt weiter. Ihr Materialkonzept: Holz soll Holz bleiben (lediglich ein Schutzanstrich), Beton soll Beton bleiben (Sichtbeton), im Treppenhaus ergänzt durch Brüstungen aus Stahl, Eichenholzparkett überall, in den Gängen Teppich, Holz-Alu-Fenster. Der ökologische Aspekt, also der Einsatz von natürlichen Materialien, die am Ende auch wieder zurückgeführt werden können, war allen am Projekt Beteiligten wichtig. Auch dies konnte durch die Vorfertigung in Modulen besser gemeistert werden. Die Haustechnik wurde auf ein für die Planer sinnvolles Minimum reduziert. Deshalb gibt es in den Zimmern (also den Holzmodulen) keine klassische Klimatisierung, sondern nur einen Abzug im Bad (mit Abluftkanal nach oben) und je eine Zuluft pro Zimmer an der Außenwand. An den allermeisten Tagen im Jahr funktioniert dieses Konzept, so die Berechnungen. Die Bereiche der Küche und des Restaurants im Erdgeschoss sind natürlich mit einer Lüftungsanlage ausgestattet, die direkt darüber im 1. Obergeschoss untergebracht ist – nicht zuletzt, weil eine Vorgabe der Stadt Nördlingen es nicht erlaubt hat, Haustechnik auf dem Dach anzuordnen. Ein außenliegender, automatisiert licht- und windgesteuerter Sonnenschutz verhindert schließlich einen zu großen Wärmeeintrag im Innenraum durch die Sonneneinstrahlung.

Mit ihrem langjährig erprobten System aus vorgefertigten Holzmodulen konnten die Planer von Johannes Kaufmann Architektur den Wunsch des Bauherrn nach einem kostengünstigen und in kurzer Bauzeit errichteten Hotelgebäude problemlos erfüllen. Zeit ist Geld, das trifft auch und vor allem auf den Bau von Hotelimmobilien zu. So konnte die Bauzeit gegenüber einem herkömmlichen Bau vergleichbarer Größe um rund 50 % verkürzt werden, betonen die Architekten. Geholfen hat dabei die enge Verbindung von Planern und Holzmodul-Produzenten: Johannes Kaufmann und Michael Kaufmann sind Brüder. ⇥Thomas Geuder, Stuttgart

Jeder Hotelbesuch soll auch ein bisschen das Gefühl von Urlaub vermitteln, deswegen greifen wir oft auf den Baustoff Holz als gestaltendes Element zurück, gepaart mit einer innovativen Holz- Modulbauweise.«⇥
Architekt Johannes Kaufmann
„Jeder Hotelbesuch soll auch ein bisschen das Gefühl von Urlaub vermitteln, deswegen greifen wir oft auf den Baustoff Holz als gestaltendes Element zurück, gepaart mit einer innovativen Modul-Holzbauweise.“Johannes Kaufmann

Projektdaten

Objekt: 2nd Home Hotel Luntenbuck

Standort: Nürnberger Straße 7, Nördlingen

Bauherr: Luntenbuck Hotel Besitz KG

Architekt: Johannes Kaufmann GmbH, Dornbirn/AT, www.jkarch.at

Eröffnung: 2018

Anzahl der Zimmer: 42 Doppelzimmer, 2 Familienzimmer, 1 Juniorsuite

Preis pro Übernachtung: 229 €

www.2ndhomehotel.de

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