Stefan Polónyi (1930–2021)

Hochbetagt und doch überraschend verstarb der Ingenieur mit direktem Blick auf die ganze Welt am 9. April in Köln

"Man sollte es nicht glauben, aber ein wichtiger Teil meiner Bibliothek ist die Philosophie. Antike bis gegenwärtige – eigentlich alles, was ich brauche, um Erkenntnisse über das Leben zu gewinnen." Stefan Polónyi

Im letzten Jahr noch, am 6. Juli 2020, feierte der in Gyula/Ungarn geborene Stefan Polónyi seinen 90. Geburtstag. Die Gratulationen dazu hatte wir mit einem Interview verbinden können, dass uns der Bauingenieur, Autor und höchst lebendige wie nachdenkliche Mann exklusiv schenkte. Nun erreichte uns die Nachricht, er sei am vergangenen Wochenende nach einem Unfall verstorben.

Über seine Heftpatenschaft für die August-Ausgabe der DBZ 2016 mit dem Titelthema "Tragwerk" war ein erster Kontakt entstanden, der in den folgenden Jahren vertieft und durchaus fruchtbar für uns fortgesetzt wurde. So konnten wir Stefan Polónyi als Autor für einen Beitrag in der DBZ gewinnen, in dem es um nichts weniger als die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschung zum Thema der "zweckmäßigen Bewehrung" im Beton ging, ein Artikel, der genial auf die derzeitigen Diskussionen zu CO2-Reduzierung, Materialeffizienz und Nachhaltigkeit in der Planung zielte; vereinzelte Rückmeldungen von Kollegen zeigten, dass die Arbeiten des einflussreichsten Bauingenieur Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch immer Wirkung zeigen. Allerdings eher eine der Verehrung und weniger eine der kritischen Reflektion. Warum das so war?

Möglicherweise denken seine Schüler, die heute große Ingenieurbüros leiten und/oder wichtige Lehrstühle inne haben, pragmatischer über die Konstruktion und das Konstruieren, womöglich können Ingenieure, Bauherrn oder StudentInnen mit dem Stefan Polónyi-Kosmos nicht mehr viel anfangen, denn der gebürtige Ungar galt nicht bloß als sehr gebildet, er war auch eigensinnig, fordernd und anspruchsvoll kritisch. Besonders sich selbst gegenüber.

Zu schreiben, dass er mit allen Größen der deutschen Nachkriegszeit geplant hat, so u. a. mit Josef Lehmbrock, Peter Neufert, Ulrich Müther, Oswald Mathias Ungers, Axel Schultes, mit Gerkan, Marg und Partner,  Hans-Busso von Busse bis zu Brandlhuber & Kniess kann sein Gewicht in der Ingenieursszene nur andeuten. Fast wesentlicher waren sein Lehren und Arbeiten an der Hochschule in Dortmund, wo er mit Harald Deilmann zusammen u. a. maßgeblich an der Gründung der Abteilung Bauwesen und der Entwicklung des „Dortmunder Modells“ beteiligt war.

"Mit zaghafter Konsequenz" ist der Titel einer Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen zum Tragwerksentwurf 1961–1987, erschienen 1987 im renommierten Vieweg Verlag in Braunschweig. Dieser Buchtitel fasst das zusammen, was Stefan Polónyi Richtschnur all seines Handelns und Forschens war: Konsequent sein auch über die längste Projektstrecke, dabei aber die eigenen Schwächen und das Fehlermachen niemals aus den Augen verlieren; eine selten gewordene Haltung. Dennoch war dem Ingenieur seine Rolle schon bewusst, "meine Zusammenarbeit mit den Architekten war meist so, dass ich versucht habe, sie behutsam zu lenken", so Stefan Polónyi sehr deutlich in unserem Gespräch im letzten Jahr.

Das Haus in Köln, vollbeladen mit tausenderlei Hinterlassenschaft, wartet nun auf seine Erforschung. Die Stadt Köln wäre gut beraten, hier - nach Möglichkeiten - dem Werk ihres Wahlsohns eine dauerhafte Heimat zu sichern. Für Forschung und vor allem für das unter steigendem Zeitdruck mehr und mehr verschwindende kritische Denken! Wie endete unser Gespräch noch im letzen Jahr? "Mit einem Dank und Tschüss." Ja, Danke und Tschüss, verehrter Meister. Be. K.

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