Nicht Aasverwerter! Großwildjäger!

Ein Museumsprojekt bei Schöningen wird ein Zeugnis der Menschwerdung zeigen, das durchaus globale Bedeutung hat

Die Landschaft bei Schöningen in Richtung Osten und gen Helmstedt ist großflächig aufgegraben, manche sagen auch: verwüstet. Der Braunkohle-Tagebau hat hier seine Spuren hinterlassen, kilometerweite und bis 100 m tiefe Täler weisen auf den unbedingten Willen des Menschen, seine Erde bis zum Geht nicht mehr auszubeuten. Biologen oder Naturschützer und natürlich die Menschen dort mögen über das Zerschrundene der Erdkruste trauern, freuen tun sich die Archäologen, die sonst niemals mit vernünftigen Mitteln so tief in die Erdgeschichte eindringen können wie hier. Und so fanden sich hier zwischen 1995 und 1998 acht hölzerne Wurfspeere aus der Altsteinzeit zusammen mit zehntausenden Tierknochenresten. Rund 300000 Jahre alt schätzt man die Speere, älteste bisher gefundene Waffen überhaupt.

Und weil sie so alt sind, machen sie die lange Zeit gültige These zunichte, die davon ausging, der frühe Mensch sei ein Aasverwerter gewesen! Dem Tagebau sei also Dank: Wir waren eben schon immer die innovativen, die aktiven Bewohner auf dieser Welt, die Kämpfer und Jäger.

Mehr als Grund genug, den acht Holzstöcken ein würdiges Haus zu geben; und der geschundenen Landschaft ihre prähistorische Gestalt, als Wiedergutmachung gleichsam. Die Stadt Schöningen konnte, weil sie von Mitteln aus dem Konjunkturpaket II profitierte, einen europaweiten Wettbewerb ausloben für den Neubau eines Forschungs- und Erlebniszentrums. Und der ist jetzt entschieden: Mit der Ausführung werden das pbr Planungsbüro Rohling AG (Braunschweig) gemeinsam mit dem Architekturbüro Holzer Kobler Architekturen (Zürich) und den Landschaftsplanern Topotek1 (Berlin) beauftragt.

„Im Forschungs- und Erlebniszentrum verbindet sich die öffentlichkeitswirksame Vermittlung von Forschung mit kulturellem Lernen. Dies trägt zu einer dauerhaften Aktualität des Zentrums bei. Natur und Archäologie werden in einmaliger Form erfassbar und für die Besucher erlebbar. Zudem entsteht mit dem Zentrum ein Ort für außerschulisches Lernen“, sagte die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Professorin Dr. Johanna Wanka.

Im Inneren bildet der Entwurf ein großzügig ausgelegtes Foyer aus, in dem die Besucherführung beginnt. Im ersten Obergeschoss können die Besucher den Wissenschaftlern bei ihrer Arbeit über die Schulter sehen. Weitere Räume sind der Museumspädagogik vorbehalten. Den Höhepunkt bildet das zweite Obergeschoss mit der Dauerausstellung (650 qm) und der Sonderausstellungsfläche (300 qm). Im Erdgeschoss sind außerdem ein Museumsshop, eine Cafeteria und ein Vortragsraum eingeplant.

Das Gebäude ist eingebettet in ein 24 Hektar großes Gelände am Rande des Tagebaus von Schöningen, das das Land Niedersachsen der Stadt in Erbpacht überlässt. Zudem eröffnet sich im Schöninger Tagebau ein wissenschaftliches Archiv der Klima- und Erdgeschichte, das bis zu 50 Millionen Jahre zurück reicht. Bauherr des Forschungs- und Erlebniszentrums ist die Stadt Schöningen. Eine in Gründung befindliche Gesellschaft aus regionalen Partnern wird die Trägerschaft des Forschungs- und Erlebniszentrums übernehmen.

Die beiden weiteren von der Jury bestbewerteten Vorschläge bei der Architektenauswahl wurden von den Büros P.arc Itten Brechbühl (Berlin) und Rohdecan Architekten GmbH (Dresden) eingereicht. Die 13-köpfige Jury aus Vertretern von Wissenschaft, Museen, Politik, Kulturverwaltung und Architektur zeigte sich vor allem von der hohen architektonischen und landschaftsräumlichen Qualität des erstplatzierten Entwurfes überzeugt. Dieser zeichne sich, so der Vorsitzende der Jury, Professor Helmut C. Schulitz, durch das gelungene Spannungsfeld des Baus in der Verbindung mit der Landschaft einerseits und der Zeichenhaftigkeit in der Landschaft andererseits aus.

Das Forschungs- und Erlebniszentrum soll bereits Ende 2012 eröffnen, so hofft jedenfalls Schöningens Bürgermeister Matthias Wunderling-Weilbier. Kosten wird der Bau voraussichtlich 15 Millionen €. Be. K.

Weitere Informationen bei:

www.pbr.de

www.holzerkobler.ch

www.topotek1.de

Thematisch passende Artikel:

Paläon – Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere www.holzerkobler.ch, www.palaeon.de

Bei der Eröffnung des Forschungs- und Erlebniszentrums Schöninger Speere bei Schöningen sprach der Ministerpräsident des finanzierenden Landes Niedersachsen, Stephan Weil, von der Ambition der...

mehr
DBZ Werkgespräch

paläon – Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere, Schöningen Holzer Kobler Architekturen, Zürich/CH, Berlin

Holzer Kobler Architekturen entwarfen mit dem paläon Forschungs- und Erlebniszentrum in Schöningen ein Gebäude, das sich aufgrund seiner spiegelnden Fassade in der Umgebung aufzulösen scheint....

mehr

Glänzendes Arsenal Das Paläon in Schöningen

Als der Braunkohlebergbau im Landkreis Helmstedt acht Wurfspeere aus Fichte und Kiefer freigab, die mit 300?000 Jahren ältesten Jagdwaffen der Menschheit, wurde der Ruf nach einem Museum laut....

mehr

paläon – Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere wurde eröffnet

Entwurf von Holzer Kobler Architekturen, Zürich/Berlin

Ob nun 400 oder 500 geladene Gäste: Es war voll im Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere. Die Architektur nach einem Entwurf von Holzer Kobler Architekturen, Zürich/Berlin (in...

mehr

DBZ Werkgespräch

Neue Veranstaltungsreihe der DBZ Deutsche BauZeitschrift: Vodafone Campus und paläon

Ende September wird die DBZ Deutsche BauZeitschrift eine neue Veranstaltungsreihe präsentieren: DBZ Werkgespräch nennt sich das Fachsymposium für Architekten und Ingenieure, Planer, Bauherren sowie...

mehr