Gerüstbau für das Kulturgespräch

Jürgen Mayer H. platziert seine Vorstellung von temporärem Bauen vor die edle Schleuder-/sichtbetonästhik der Pinakothek der Moderne in München

Die Stimmung der nach München auf die Pressekonferenz einladenden Abteilungen des Museums – derer vier unter einem flachen Dach – und ihrer Repräsentaten schien gemischt euphorisch, insgesamt spürte die versammelte Presse ein Zittern und Zagen hinter ostentativ präsentierter guter Laune: Wird die „Schaustelle“ genannte Gerüstskulptur im Vorgarten der Pinakothek der Moderne das leisten können, wovon auf der Konferenz wenigstens die Direktoren der Sammlungen Kunst, Design, Grafik und Architektur zu träumen schienen? Die anwesenden Fotografen allerdings träumten nicht, ihre Gesichter spiegelten leichten Ärger angesichts des Schneetreibens draußen und der Ankündigung, dass entgegen der Planung an diesem Tage eine Besichtigung der Skulptur und ihrer Ebenen nicht möglich sei.

Zunächst einmal soll das Projekt Ersatzbau sein für die ab sofort geschlossene Pinakothek der Moderne. Die wird wegen eines gravierenden Bauschadens an ihrer Rotunde bis Ende September repariert. Ein, wie Staatsminister Wolfgang Heubisch anmerkte, nach zehn Jahren des Bestehens „ärgerlich“ sei. Das sahen auch einige Touristen so, die an diesem Tag vor verschlossenen Türen standen und weiterziehen mussten (glücklicherweise wimmelt es auf dem Münchener Museumsareal von Spitzenevents im internationalen Kulturbetrieb). Der neue Direktor des Architekturmuseums, Andres Lepic, und langjähriger Begleiter der Arbeiten von Jürgen Mayer H., erinnerte sich offenbar an dessen gescheiterten Vorschlag für die Temporäre Kunsthalle in Berlin. Er lud den Architekten ein, diese Arbeit dem Ort in München anzupassen und zu realisieren.

Dessen Schaustelle ist eine Gerüstskulptur von knapp 40 m Länge und 15,50 m Breite. Sie bietet einen Ausstellungsraum im Erdgeschoss mit einer Fläche von 266 m² und Raum für maximal 531 Menschen (das scheint sich aus der Grundfläche multipliziert mit zwei zu ergeben).Über der Holzrahmenkonstruktion liegt eine erste Ebene mit einer Fläche von 148 m² (6 m über dem Erdgeschossniveau), von hier aus kann man weiter hoch steigen auf die zweite Ebene mit einer Fläche von 80 m², die maximal 35 Menschen aufnehmen kann. Der Blick von hier oben, 17 m über EG-Niveau, ist etwa der, den man vom Dach der benachbarten Pinakothek aus hätte, deren Rotunde allerdings überragend die Horizontlinie einer Stadt, die – wie man hier sieht – recht einheitlich flach gebaut daher kommt.

Das Volumen der Skulptur ist dem Ort angepasst, die dramatisch überhängenden Gerüstpartien des ersten Entwurfs für Berlin sind hier auf die Stirnseiten beschränkt. Jürgen Mayer H. sieht als Vorbilder für die Konstruktion den Fun Palace von Cedric Price, aber auch Mies van der Rohes Nationalgalerie in Berlin, mit ihrer Aufteilung in den geschlossenen Sockel und den transparenten (und für Ausstellungen schier unbrauchbaren) Raum darüber.

Der temporäre Bau, der am 9. März 2013 mit einer ersten Ausstellung eröffnet wird, soll, so die Direktoren und Kuratoren, die vier Abteilungen der Pinakothek über unterschiedliche, gemeinsam geplante Projekte, wieder (oder vielleicht erstmals?!) in einen direkten Austausch untereinander bringen. Nach dieser Aktion des Miteinanders kehren dann alle wieder unter das flache Dach des Braunfels-Baus zurück und machen dann, so hofft jedenfalls der Autor dieses Beitrages, in der für die kommenden Jahrzehnte gesicherten Rotunde gemeinsame Sache in Sachen Kulturvermittlung. Der Gerüstbau der Schaustelle wird, so ist es jedenfalls noch geplant, komplett in die Bestände der Baustelleneinrichter zurückgeführt, woraus man sie für die kommenden Monate ausgeliehen hat. Ob die Bodenplatte des Ausstellungsraums im Gerüstraster liegen bleibt, ist noch nicht ausgemacht. Lepic könnte sich gut verstellen, die Platte als eine Art von Memento für den 2. BA Pinakothek liegen zu lassen (für die Graphiksammlung). Und auf ihr das weiterführen, was die Schaustelle jetzt im Kleid einer Baustelle anschieben möchte: den Bürgerdialog, den mit den Freunden und Fans der PDM. Die Leih- und Aufbaugebühr des Gerüstbaus beträgt rund 750000 Euro, zu Dritteln getragen von der Stiftung Pinakothek der Moderne, dem Land Bayern und der Audi-AG. Wer für den Unterhalt aufkommt und wer die laufenden Kosten des Schaustellenprogramms in welcher Höhe übernimmt, dazu war auf der Pressekonferenz nichts zu erfahren. Be. K.

 

 

Pinakothek der Moderne, München

In der April-Ausgabe der DBZ gibt es ein Interview mit Jürgen Mayer H. zu seinem Projekt in München.

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