Vom Hörsaal ins Büro
Mit dem Bachelor oder Master in der Tasche kann es endlich losgehen. Allerdings gehört schon ein bisschen mehr dazu, als nur nach offenen Stellen zu suchen und Bewerbungen zu schreiben. Wer als Architektin oder Architekt nicht nur arbeiten, sondern auch erfolgreich sein möchte, braucht eine gute Vorstellung vom eigenen Karriereweg. Der Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB) bietet dabei Unterstützung an.
Nach acht oder mehr Semestern Studium, unzähligen Entwürfen und langen Nächten am Modellbrett steht plötzlich der Wechsel in die Berufswelt bevor. Für viele Absolventinnen und Absolventen der Architektur und des Bauingenieurwesens ist das mehr als ein Karriereschritt – es ist ein Perspektivwechsel. Man wechselt von der theoretischen, geschützten Lernumgebung in den komplexen, manchmal unbarmherzigen Alltag der Baupraxis. Plötzlich gelten Fristen, Budgets und Haftungspflichten und das, was zuvor Entwurfsidee war, muss nun Realität werden.
Die Hochschulen leisten viel, um Studierende für die Arbeitswelt vorzubereiten. Doch zwischen Forschung, Entwurf und Baupraxis bleibt ein Graben, den man nur durch Erfahrung überbrücken kann. Wie schaffe ich diesen Sprung? Wie finde ich meinen Platz in einer Branche, die gleichzeitig innovativ, digital und enorm traditionsbewusst ist? Dieser Beitrag möchte Mut machen – und Orientierung geben.
Lehre versus Praxis: Wo die Lücken liegen
Im Studium wird das Denken geschult, in der Praxis das Tun. Viele Hochschulen legen den Fokus auf gestalterische und theoretische Kompetenzen, während in der Realität des Berufsalltags organisatorische, rechtliche und wirtschaftliche Aspekte über Erfolg oder Scheitern entscheiden. Wer das erste Mal eine Ausschreibung vorbereitet, eine Kostenberechnung nach DIN 276 durchführt oder ein Leistungsverzeichnis erstellt, merkt schnell, wie weit die Theorie von der Praxis entfernt sein kann. Auch die Erstellung von Werkplänen mit korrekten Vermaßungen, der passenden Informationstiefe und genauen Angaben – etwa zu lichten Türmaßen oder Steigungsverhältnissen bei Treppen – wird erst im praktischen Arbeitsalltag wirklich erlernt.
Erfahrene Kolleginnen und Kollegen sagen oft: „Die Uni zeigt dir, wie man denkt – das Büro zeigt dir, wie man arbeitet.“ Deshalb lohnt es sich, frühzeitig Einblicke in alle Leistungsphasen zu gewinnen – besonders in die Werkplanung, die Bauleitung und Abstimmung mit Fachplanerinnen und Fachplanern. Praktika und Werkstudententätigkeiten in unterschiedlichen Bereichen – vom kleinen Architekturbüro bis zur öffentlichen Verwaltung – helfen, ein realistisches Bild des Berufs zu entwickeln und wertvolle, praktische Kenntnisse zu erlangen.
Ebenfalls hilfreich sein können Minijobs, Praktika oder Ferienarbeit im Bereich der handwerklichen Berufe. Wer selbst einmal auf der Baustelle gearbeitet hat, kann im Arbeitsalltag z. B. Bauabläufe, Gefahren auf der Baustelle und die Detailplanung besser einschätzen und darauf reagieren.↓
Unverzichtbar sind zudem Kenntnisse in HOAI, VOB/A, BauGB, Vertragsrecht und DIN-Normen. Diese Themen mögen trocken wirken, sind aber die Grundlage für jedes Projekt. Ebenso wichtig sind digitale Kompetenzen: Wer BIM, CAD und Projektsoftware, wie z. B. Ausschreibungsprogramme oder Planserver, sicher beherrscht, kann in modernen Büros sofort Verantwortung übernehmen. Auch die Teilnahme an Wettbewerben wie dem BDB Student:innen-Förderpreis (noch bis 28.02. - Infos unter www.bdb-stfp.de) kann die Berufschancen erhöhen
Bewerben, ankommen, dranbleiben
Die erste Bewerbung ist stets ein Lernprozess. Sie sollte mehr vermitteln als die bloße Aufzählung von Stationen im Lebenslauf – sie sollte zeigen, wer man ist, was man kann und weshalb man zu einem bestimmten Büro passt. Ein Portfolio, das insbesondere im Bereich der Architektur von zentraler Bedeutung ist, dient dabei nicht nur als Arbeitsprobe, sondern als persönliche Visitenkarte. Gestaltung, Sprache und Bildauswahl spiegeln Haltung, Sorgfalt und Stilbewusstsein wider. Gerade in der ersten Bewerbungsphase zeigt sich zudem der Wert von vielfältigen Erfahrungen: Eine größere Zahl an Gesprächen ermöglicht es, den eigenen Auftritt zu verfeinern, die Gesprächsführung zu trainieren und ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, welche Themen und Kompetenzen beim Berufseinstieg entscheidend sind. Auch hier gilt: Mit zunehmender Übung wächst die Sicherheit. Diese Erfahrung durfte auch ich (Jonathan) machen.
Wichtig ist außerdem, gezielt zu suchen: Neben Portalen wie dem Bauwelt Stellenmarkt, BauNetz, competitionline oder StepStone bieten vor allem die Kammern und der BDB hervorragende Plattformen. Viele Absolventinnen und Absolventen finden ihre erste Stelle über Netzwerke, Lehrende oder Praktika. Mentoringprogramme – etwa der Architektenkammern in NRW, Berlin oder Bayern – bieten wertvolle Begleitung in den ersten Berufsjahren. Wer seine Suche weiter verfeinern möchte, kann sich zudem bewusst sichtbar machen. Berufliche Plattformen wie Xing oder LinkedIn bieten die Möglichkeit, Qualifikationen und Interessen gezielt zu präsentieren. Ein sorgfältig gepflegtes Profil erhöht die Wahrscheinlichkeit, von potenziellen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern gefunden zu werden – und so Stellenangebote zu erhalten, die den eigenen Vorstellungen besonders gut entsprechen.
Wer startet, sollte die Arbeitsbedingungen realistisch einschätzen: Üblich sind 38 bis 40 Wochenstunden, 26 bis 30 Urlaubstage und meist unbefristete Verträge. Überstunden gehören zur Realität, werden aber oft nicht vergütet. Gerade deshalb sind klare Kommunikation, Selbstorganisation und gesundes Zeitmanagement entscheidend. Ein Tipp aus der Praxis: Grenzen setzen ist kein Zeichen von Schwäche – sondern Professionalität.
Das passende Büro finden
Die Wahl des ersten Arbeitgebers prägt stark, wie man den Beruf erlebt. Große Büros bieten klare Strukturen, definierte Prozesse und Zugang zu großen Projekten – oft mit Spezialisierungen in Bereichen wie Wettbewerbsarchitektur, BIM oder Nachhaltigkeit. Kleine Büros dagegen ermöglichen, alle Leistungsphasen kennenzulernen, Verantwortung zu übernehmen und direkten Kontakt zu Bauherrinnen und Bauherren zu haben. Beide Modelle haben ihren Reiz.
Im öffentlichen Dienst locken Sicherheit, geregelte Arbeitszeiten und Tarifgehälter, während private Büros durch Vielfalt und Gestaltungsfreiheit punkten. Am Ende zählt das Zusammenspiel aus Aufgaben, Werten und Menschen. Wie wird im Team kommuniziert? Wie geht man mit Fehlern um? Und gibt es Raum, sich zu entwickeln? Wer sich mit der Haltung eines Büros identifiziert, wird dort wachsen.
Spezialisierungen
Der Bausektor befindet sich im Wandel: Klimaschutz, Digitalisierung, Energieeffizienz und Urbanisierung verändern die Berufsbilder nachhaltig. Gefragt sind Fachkenntnisse in nachhaltigem Bauen, BIM-Management, Bauphysik, Projektsteuerung oder Bauen im Bestand. Wer hier früh Schwerpunkte setzt, sichert sich gute Perspektiven und spannende Projekte.
Viele Spezialisierungen lassen sich über Fortbildungen bei Verbänden wie dem BDB erwerben, die oft mit Punkten für die Berufszulassung verbunden sind. Ob DGNB-Consultant, Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator (SiGeKo) oder zertifizierte Tragwerksplanerin oder -planer – solche Zusatzqualifikationen erweitern nicht nur das Wissen, sondern auch das berufliche Netzwerk. Zudem lohnt sich lebenslanges Lernen: Viele Kammern und auch der BDB bieten Online-Kurse zu Themen wie Baurecht, Nachhaltigkeit oder Energieberatung an – oft kostenlos oder vergünstigt für Mitglieder.
Nachhaltigkeit und Verantwortung
Nachhaltigkeit ist keine Option mehr, sondern Auftrag. Die Bauwirtschaft steht für rund 40 Prozent der CO₂-Emissionen – und hat damit das Potenzial, den Wandel maßgeblich zu gestalten. Junge Architektinnen, Architekten, Ingenieurinnen und Ingenieure haben die Chance, diesen Wandel aktiv mitzubestimmen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Fachkräften, die über Kenntnisse und praktische Erfahrungen im Bereich des nachhaltigen Bauens verfügen. Wer sich in diesem Feld engagiert, leistet nicht nur einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz, sondern stärkt zugleich die eigenen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.↓
Ob Holzbau, energieeffiziente Sanierung oder Kreislaufwirtschaft – wer sich mit diesen Themen befasst, ist am Puls der Zeit. Es lohnt sich zum Beispiel, sich in Verbänden wie dem BDB entsprechend einzubringen und selbst in Forschungs- und Pilotprojekte einzusteigen. Denn nachhaltiges Bauen ist nicht nur ein ethisches Thema – es ist auch ein wirtschaftlicher Wettbewerbsvorteil.
Gründen oder nicht gründen?
Der Traum vom eigenen Büro ist bei vielen präsent. Selbstständig zu arbeiten bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für Projekte, Finanzen, Mitarbeitende und den eigenen Ruf. Es heißt aber auch, Freiheiten zu genießen: Entscheidungen treffen, Schwerpunkte setzen und die eigene Haltung in gebaute Realität übersetzen. Für den Start braucht es vor allem drei Dinge: Mut, Vorbereitung und Rückhalt. Ein fundierter Businessplan zwingt zur Reflexion über Zielgruppen, Leistungen, Kostenstruktur und Marktposition. Die Wahl der passenden Rechtsform – etwa GbR, PartGmbB oder GmbH – sollte mit Steuerberatung und Kammer abgestimmt werden. Förderprogramme von KfW, BAFA oder der Agentur für Arbeit unterstützen den Einstieg finanziell.
Unser Rat: Wer sich selbstständig machen will, sollte zunächst in einem etablierten Büro Praxiserfahrung sammeln. So versteht man Abläufe, Kundenkommunikation und wirtschaftliche Zwänge – Wissen, das später unbezahlbar ist.
Erste Schritte in die Selbstständigkeit
Der Weg in die Selbstständigkeit ist kein Sprung, sondern ein geplanter Übergang. Eine gründliche Vorbereitung erhöht die Erfolgschancen erheblich:
1. Persönliche und rechtliche Voraussetzungen prüfen
2. Business- & Finanzplan erstellen (z. B. mit IHK-Unterstützung)
3. Fördermittel prüfen (KfW, BAFA, Gründungszuschuss der Arbeitsagentur)
4. Rechtsform wählen: Einzelunternehmen, GbR, PartGmbB oder GmbH↓
5. Versicherungen abschließen (Berufshaftpflicht, Rechtsschutz, BU)
6. Steuerliche Beratung in Anspruch nehmen
7. Marketing & Online-Präsenz aufbauen (Website, Social Media, Wettbewerbe)
8. Netzwerke pflegen – etwa über Kammern oder Verbände, wie den BDB
Gerade am Anfang helfen Kooperationen und Bürogemeinschaften, Risiken zu teilen und Know-how zu bündeln. Und: Qualität spricht sich herum – zufriedene Auftraggeberinnen und Auftraggeber sind die beste Werbung.
Netzwerke, Mentoring und Verband
Erfolg im Bauwesen entsteht selten allein. Ob in der Architektur oder im Ingenieurwesen – Austausch und Kooperation sind entscheidend. Viele junge Berufseinsteigerinnen und -einsteiger unterschätzen die Kraft eines guten Netzwerks. Es sind oft die Menschen, die man bereits kennt, die Türen öffnen. Der BDB Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure bietet für junge Mitglieder zahlreiche Vorteile: Mentoringprogramme, Seminare, Wettbewerbe und politische Vertretung auf Landes- und Bundesebene. Die Mitgliedschaft ist in den ersten Jahren stark vergünstigt und wer sich engagiert, profitiert doppelt – durch Sichtbarkeit und durch Erfahrungsaustausch. Viele BDB-Mitglieder berichten, dass sie dort Mentorinnen und Mentoren gefunden haben, die ihnen halfen, die ersten Jahre im Beruf zu meistern und auf die sie später immer wieder zurückgreifen konnten.
Was der BDB bietet
Der BDB versteht sich als Brücke zwischen Studium, Beruf und Politik. Er begleitet junge Architekt:innen und Ingenieur:innen mit praxisnahen Angeboten: Infos zu Selbstständigkeit, Recht, Digitalisierung und Kommunikation, vergünstigte Fortbildungen und ein starkes Netzwerk an erfahrenen Mitgliedern. Darüber hinaus setzt sich der BDB politisch für bessere Rahmenbedingungen ein – etwa für faire Honorare und Vergabeverfahren sowie für mehr Praxisbezug in der Hochschullehre.
Wer Mitglied wird, erhält nicht nur Zugang zu Wissen und Kontakten, sondern auch eine Stimme. Denn die Zukunft des Berufs entsteht dort, wo sich junge und erfahrene Planerinnen und Planer austauschen und gemeinsam gestalten. Die studentische Mitgliedschaft im BDB ist im ersten Jahr übrigens kostenlos!
Der eigene Weg
Der Berufseinstieg ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Er verlangt Geduld, Lernbereitschaft und die Fähigkeit, Rückschläge als Teil des Prozesses zu begreifen. Wer offen bleibt, sich vernetzt und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, findet schnell seinen Platz – sei es im Büro, auf der Baustelle oder im eigenen Unternehmen. Die Baubranche bietet hierfür ein großes Portfolio an Arbeitsfeldern, auch außerhalb der klassischen Architektur- und Ingenieurbüros. Es lohnt sich, über den Tellerrand hinauszuschauen.
Die Zukunft der Hochschulen liegt darin, Praxis und Theorie enger zu verzahnen. Doch die Zukunft des Bauens entsteht in den Händen jener, die sie umsetzen. Mit Leidenschaft, Kompetenz und Gemeinschaft – und vielleicht auch mit ein wenig Unterstützung durch den BDB.
