The Hoxton, Wien/AT
Das ehemalige Gewerbehaus von Carl Appel war immer schon ein Vorzeigebeispiel der Wiener Spielart des Mid-Century-Style. BWM Designers & Architects haben den denkmalgeschützten Bestand nun sehr stilecht in das Hotel The Hoxton, Vienna umgebaut.
„Dieses Hotel, sein Design und seine Architektur sind für Wien einzigartig“, sagt Rob Flinter, Consultant General Manager von The Hoxton, Vienna. „Wir sind aber auch ein einzigartig offenes Haus, wir heißen jeden willkommen.“ Das ist in Wien tatsächlich ziemlich einzigartig, das ausgesprochen aufmerksame, englischsprachige Personal verbreitet ebenso internationales Flair wie die Architektur der Nachkriegsmoderne in ihrem Mid-Century-Stil. Deshalb ist The Hoxton Hotel Vienna auch bei Einheimischen sehr beliebt. „Sie zählen zu unseren wichtigsten Gästen.“
Hinter dem geglückten Umbau des ehemaligen Gewerbehauses zum Hotel stehen BWM Designers & Architects. Projektverantwortlicher und Partner Markus Kaplan zeigt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus Mitte der 1950er-Jahre. „Im Vergleich zu den Autos wirkt die Architektur sehr modern“, sagt er. „Heute ist es umgekehrt.“ Einige Stufen führen zum Eingang, der in weltläufiger Eleganz mit einem repräsentativen Portikus gestaltet ist. Er blieb, wie er war, bekam aber im Vorfeld noch eine mit Pflanztrögen, stilechten Sonnenschirmen und Geländern gestaltete Terrasse vorgelagert.
Zurück zum Ursprung
Zwischen den Pfeilern des Portikus betritt man durch Glastüren mit originalen Rahmen und Griffen das zweigeschossige Foyer. Der Terrazzo, die zwei mächtigen Säulen mit der gewellten Aluminiumverkleidung, die aluminiumeloxierten Türen: Vieles ist hier noch original. Der unelegante Dachaufbau aus den 1980er-Jahren aber kam weg. „Wir brachten das Haus wieder näher an seinen Ursprung“, so Kaplan. Die neue Roof-Top-Bar mit der raumhohen Glasfassade, den zarten Aluminiumprofilen, dem leichten Flugdach und der grandiosen Aussicht über Wien nähert sich gestalterisch wieder dem Entwurf von Carl Appel an. Daneben gibt es auf einem Seitenflügel einen Swimming-Pool, auf dem anderen einen Grillplatz und eine Freiluftküche. Dort herrscht mexikanisches Flair und zeigt die Gewerbeordnung ihre absurde Schlagseite: Sie schrieb eine Dunstabzugshaube im Freien vor.
Mit unaufdringlicher Grandezza besetzte dieses Gebäude immer schon selbstbewusst sein Terrain. Es steht am Rudolf-Sallinger-Platz, der leicht erhöht in der Flucht der Johannesgasse hinter dem Stadtpark liegt. Das gibt ihm freie Sicht und eine gewisse Präsenz. Architekt Carl Appel hatte es in den 1950er-Jahren als Sitz der Kammer der gewerblichen Wirtschaft geplant. Ein breiter mittlerer Bauteil mit einem eleganten Portikus als repräsentatives Entrée, neun Fensterachsen, acht Geschosse, mit Naturstein verkleidet – Cippolino, grünschwarz geädert. Darüber als Krönung eine gläserne Chefetage am Dach, zwei schmale Seitenflügel, gerade einmal drei Fensterachsen, die letzten beiden um 45 Grad verschwenkt, weiß verputzt. Eine kleine städtebauliche Geste, die den Vorplatz vornehm facettiert.
So robust wie es wirkte, war das Haus allerdings nicht. Bei der Eingangsfassade war Gefahr im Verzug, weil die Natursteinplatten nur in Mörtelschuhen steckten, sich zu lösen drohten und die Betonwand dahinter viele Nester aufwies. Sie war so löcherig, „dass man durchgreifen konnte“, sagt Kaplan. Auch beim Terrazzo hatte man einfach alle Reste verwertet: Bruchsteine des grünen Cippolino, Travertin aus dem Auditorium, Beton – ein sehr heutiger, ressourcenschonender Ansatz.
Großer Auftritt
In der Mitte hat eine großzügige U-Stiege ihren großen Auftritt: Ihre drei Treppenläufe schrauben sich mit zwei großen Eckpodesten um ein trapezförmiges Treppenauge mit runden Ecken, das sich kaum merklich bis zum Oberlicht im siebten Geschoss immer mehr vergrößert. Dadurch fällt nach oben hin mehr Tageslicht ein, werden aber auch die Treppenläufe immer schmäler. „Das ist sehr klug, weil im Brandfall von oben aus viel weniger Menschen fliehen müssen,“ sagt Kaplan. Für ihn ist sie das Highlight im Hotel.
Sie konnte ganz im Original erhalten bleiben. Die Neonröhren, die am Rand der Untersicht ihre elegante Drehbewegung mitmachen, waren ihm schon bei der Erstbegehung aufgefallen. Sie waren aber sehr teuer, verbrauchten viel Energie und erhitzten stark. Man ersetzte sie durch Led-Bänder, die durch Acrylglashüllen ihre Form wahren. Auch die Geländer mit den Gummihandläufen blieben erhalten, die heutigen Anforderungen an eine Absturzsicherung erfüllt nun ein Edelstahlnetz, das im Treppenauge über die gesamte Höhe gezogen ist, ohne die Integrität der Treppe zu stören. Auch der „schönste Lift von Wien“, wie Kaplan sagt, konnte bleiben.
Die spezifische Atmosphäre und Qualität des Bestands zu erhalten, hatte für die Architekten die höchste Priorität. Das erfordert eine feine Balance aus Bewahren und Ersetzen, die zusätzliche Fluchttreppe, die heute vorgeschrieben ist, komprimierten BWM unsichtbar in einem Nebenraum, die gesamte Haustechnik der Sanitärzellen, Lüftungsanlagen und ähnlichem wurde seitlich in je einen Vertikalschacht gebündelt und in der Zwischendecke unter der Galerie des Foyers zusammengeführt. Diese tritt hinter einem Rücksprung nur noch dezent in Erscheinung.
Heutige Auflagen und Normen zu erfüllen, zählte in diesem Kontext zu den größten Herausforderungen. So hatten die senkrechten Geländesteher der Galerie im Foyer einen Abstand von 13 cm, die heutige Bauordnung schreibt 12 cm vor. Zuerst verstärkten die Architekten die Durchmesser der Steher durch Aluhülsen, um so den Zwischenraum zu verkleinern. Damit aber war die leichte Grandezza der Nachkriegsmoderne dahin. Schließlich rettete eine kaum sichtbare Acrylglasplatte die Schönheit der Brüstung.
„Unser Ziel war immer, möglichst viel vom Original zu erhalten. Dafür muss man das Gebäude verstehen und sich als Architekt stark zurücknehmen“, sagt Kaplan. „Wir hatten immer die Sorge, dass zu wenig bleibt.“ Sie ist berechtigt: Die strangfalzgepresste Aluminiumverkleidung der zwei mächtigen Säulen im Foyer war definitiv denkmalgeschützt, allerdings ging die Baufirma anfangs damit so achtlos um, dass nun der unterste Teil repariert werden musste. Eine Fuge markiert den Wechsel – wer es nicht weiß, wird es nie bemerken.
Grundsätzlich war das Achsraster des Bestandsgebäudes mit der neuen Hotelnutzung kompatibel. Im Prinzip entspricht jedes Zimmer einem Büro, die horizontalen Aluminiumstäbe der zu niedrigen französischen Balkone genügen heute als Absturzsicherung nicht mehr, sind aber für das elegante Erscheinungsbild der Fassade sehr wichtig. In diesem Fall lässt sich das französische Fenster nicht mehr ganz, sondern nur um einen Spalt öffnen. Gerade genug für einen frischen Luftzug.
Die Außengeländer der 1950er-Jahre sind nicht so hoch wie heute vorgeschrieben. Das Bundesdenkmalamt erlaubte eine schöne Rekonstruktion. Die Zimmer punkten mit Holzparkett, englischen Armaturen, Naturstein und Fliesen in den Duschen, die Möbel sind aus Holz. Öffnet man die Tür, beginnt sich der Plattenspieler im Raum zu drehen, das ist eine Hoxton-Spezialität. Sechs neue Zimmer brachten BWM in einem Zubau unter, der als separate horizontale Box auf dem Auditorium liegt, das sich rückseitig aus dem Baukörper buchtet. Dieses Auditorium hat das Hoxton seiner Vergangenheit als Gewerbehaus zu verdanken. Hinter dem Empfang führt eine geschwungene Treppe einem Oberlichtband entgegen zum Foyer des schönen Saales mit der Galerie, der mit modernster Technik ausgestattet ist. „Wir hatten sogar schon eine kleine Hochzeit da“, sagt Flinter, außerdem Kino-, Theatervorführungen, Konzerte – und Konferenzen. Viele Unternehmen buchen diesen Saal; auch die Räume im Erdgeschoss, die mit Wohnzimmer, Bibliothek, Küche, Bar wie eine Wohnung eingerichtet sind und sich für diverse Settings adaptieren lassen. „Speak Easy“ nennt sich das Konzept. Außerdem gibt es noch einen Raum, dessen Glasfassade sich zur Terrasse am Vorplatz öffnet. Hier veranstaltete das Bundesdenkmalamt die Pressekonferenz zum „Tag des Denkmals“. Wenn das kein Kompliment ist!
Isabella Marboe
Projektdaten
Objekt: The Hoxton, Vienna/AT
Standort: Rudolf-Sallinger-Platz 1, 1030 Wien
Bauherr: JP Immobiliengruppe
Betreiber: Ennismore International Management Ltd., www.ennismore.com
Architektur: BWM Designers & Architects, Wien/AT,
www.bwm.at
Interior Design: AIME Studios, London/GB,
www.ennismore.com/category/aime-studios
Aufgabe: Umplanung des denkmalgeschützten ehemaligen WKO-Gebäude, baubehördliche/ gewerberechtliche Genehmigung, Ausführungsplanung, technische und künstlerische Oberleitung
Bauzeit: 03/2022-03/2024, Eröffnung 1.4.2024
Grundstücksfläche: 1 943 m²
Bebaute Fläche: 1 307 m²
Az Zimmer: 196
Nutzfläche gesamt:
Nutzfläche: 4 804,55 m²
Technikfläche: 560,42 m²
Verkehrsfläche: 2 315,24 m²
Sanitärfläche: 651,11 m²
Brutto-Grundfläche: 8 145 m² (oberirdisch), 1 724 m² (unterirdisch), gesamt 9 887 m²
Fachplanung
Ausführungsplanung/Projektleitung: zweiarchitekten Hasslinger &. Vater ZT GmbH,
www.zweiarchitekten.net
Ausführungsplanung: uma Architektur ZT GmbH, uma-architekten.at
Baumanagment: c-performance baumanagment gmbH, c-performance.at
Brandschutzplanung: Nobert Rabl Ziviltechniker GmbH, www.rabl-zt.at
Haustechnikplanung: PME Techn. Büro für Klimatechnik GesmbH, pme-tb.at
Landschaftsplanung: Simma Zimmermann Landschaftsarchitektinnen OG, simzim.at
Statik: Gschwandtl & Lindlbauer ZT GmbH,
g-l.engineering
Bauphysik: Bauphysikalische Planung und Beratung Feit, www.bauphysik-feit.at
