Textlastig bilderreich
Das Buch: ein Brocken! Darin: Wunderbar formulierte und bis heute aktuelle Gedankengänge des Manfredo Tafuris, der einer der einflussreichsten Architekturhistoriker des 20. Jahrhunderts war.So jedenfalls die gängige Erzählung. Dass er trotzdem und auch in einem weiteren Fachkreis an den Rand der Wahrnehmung, der Rezeption gerückt ist (gerückt wurde?), liegt möglicherweise auch an dem teils nur schwer zugänglichen Schriftwerk und daran, dass das meiste seiner Textarbeiten in seiner Muttersprache, also auf Italienisch erschienen ist.
Dieses beklagenswerte Desiderat ist mit dem nun erschienenen Sammelwerk vorbei, und Ausreden, man könne ja nicht immer wieder einmal nach Mestre reisen, sind obsolet. In Mestre, dem Oberzentrum Venedigs, am Istituto Universitario di Architettura di Venezia ist der Großteil seiner Schriften archiviert. Die Anthologie versammelt – erstmals in dieser umfassenden und sorgfältig editierten Form – eine Auswahl von bekannten wie unbekannten und schwer zugänglichen Aufsätzen, Essays und Interviews, alle zwischen 1964 und seinem Todesjahr, 1994. Alle werden kurz eingeleitet/kontextualisiert.
Die Menge Text – und, das soll unbedingt genannt sein, die Menge der Abbildungen – wird in einer längeren textkritischen Einleitung zugänglicher gemacht und zwar derart, dass die hier formulierte Frage, wozu wir das hier eigentlich heute noch brauchen, zu einer rhethorischen wird: Wir brauchen Tafuris Sicht auf Geschichte, seine Ideologiekritik, seine Ablehnung des Operativen in der Kritik dringender denn je. Denn wer nicht versteht, dass Geschichte als zwar ständig Gebrochenes, zugleich aber als bewusst und unbewusst manipulierter Grundton (basso continuo) auf unsere Argumentation (zur Architektur beispielsweise) einwirkt, der bildet mit den meisten anderen einen Mainstream, dessen Antworten auf grundsätzliche Fragen immer diesselben sind, trotz leisen Variationen auf einer imaginären Farbskala (des Machterhalts).
Also lesen. Lesen über Strategien in der italienischen Renaissance, über sozialdemokratische, über marxistische Planungspolitik und dabei überrascht sein, dass in der Gedankenwelt des Italieners deutsche Architekten, Philosophen oder Künstler eine derart zentrale Rolle spielen.
Die Publikation, die zwar textlastig erscheint, wimmelt von (sw-)Bildern, die Ikonisches präsentieren: Malerei, Fotografie, Grafik, Portraits, Häuser, Räume … Ihr Nachteil liegt ausschließlich im Physischen, das Buch ist zu schwer für eine Bettlektüre. Zu sehr zum wilden Blättern auffordernd das Register (mit geschätzt 1 900 Namenseinträgen!), das mit bekannten Helden der Kulturgeschichte lockt, aber auch Verweise anbietet auf heute kaum noch jemandem bekannte, aber nicht minder wichtige Personen (Franz/Friedrich Ostendorf z. B. oder der erst in diesem Jahr verstorbene Kunsthistoriker Christoph Luitpold Frommel). Le Corbusier, Bramante, Michelangelo und natürlich Karl Marx stehen an der Spitze der Nennungen; Frauennamen gibt es wenige.
Order and Disorder, die westliche Welt schwankt gerade zwischen diesen Polen. Offenbar wird, wie wenig resilient wir angesichts von Krisen sind, die andere seit Jahrzehnten schon meistern. Ob wir im Chaos landen? Tafuri würde sagen: Nein. Gesetzt, wir befreiten uns von der operativen Instrumentalisierung in der (Architektur-)Geschichte. Großes Erzählen, großes Lesevergnügen, großes Entdecken, großes Dazulernen. Danke dafür. Be. K.
Order and Disorder. Selected Essays and Interviews by Manfredo Tafuri 1964–1994. Hrsg. v. P. Vittorio Aureli, J. Devalle, Th. Giovanazzi, M. Korbi, Birkhäuser, Basel 2026., 1200 S., 710 sw-Abb.
118 €, ISBN 978-3-0356-2820-3
