stieg’nhaus, Mühlbach am Hochkönig/AT
Das Schönste am leicht abgewohnten Hotel Mesnerhaus in Mühlbach war sein Stiegenhaus. Weich windet sich sein Treppenlauf um das runde Stiegenauge. Architektin
Carolyn Herzog vom Büro Hkollektive. studio für architektur & design machte es zum tragenden Gestaltungselement beim Umbau zum Boutiquehotel, das so auch einen neuen Namen bekam: stieg’nhaus.
Carolyn Sarah Herzog ist eine ungewöhnliche Architektin. Sie studierte an der RWTH Aachen Architektur, arbeitete in diversen Büros und hatte nach vier Jahren Praxis vom Entwurf über die Genehmigungs-, Werks-, Detailplanung bis zur Bauleitung alle Projektphasen intus. Also gründete sie als gerade einmal 29-Jährige ihr eigenes Büro Hkollektive . studio für architektur & design und eröffnete mit ihrer Schwester Jacky ein Lokal: die herzogin. das andere wirtshaus. Die beiden kochen konsequent mit natürlichen Zutaten aus regionaler Landwirtschaft und machen fast alles selbst: Pasta, Brot, Mozzarella; sogar ihren eigenen ,Campari’ und ,Averna’ hat Carolyn angesetzt.
Sie plante auch das Interieur, das die puristische Linie der Küche in Gestaltung umsetzt. „Ich habe jedes Stuhlbein und jede Lampe selbst entworfen“, sagt Herzog. Sie ist überzeugt, dass Qualität im Detail entsteht. Die Architektin vertraut dabei auf hochwertige Materialien, handwerkliche Präzision und ihre eigene Erfahrung im Umgang damit. „Je nachdem, wie man Holz behandelt, schafft man mehr Distanz.“ Und größere Robustheit. Deshalb sind die Lamperien an den Wänden dunkel lasiert, die Tische und Stühle lackiert. Drei Jahre in Betrieb, wurde die herzogin mit einer Haube von Gault & Millau ausgezeichnet.
Tom und Maria Heidenreich, die Bauherren des Hotels stiegn’haus waren bei der herzogin essen und vom Ambiente des Lokals sofort begeistert. Sie sind als Hoteliers genauso Quereinsteiger wie die Architektin als Wirtin. In Mühlbach hatten die beiden das schon etwas abgewohnte Hotel Mesnerhaus gekauft. Sie wollten daraus ein Boutiquehotel machen; Carolyn Herzog schien ihnen dafür die geeignete Architektin.
Mühlbach liegt zwischen Bischofshofen und Maria Alm auf 860 m Seehöhe am Hochkönig, das Hotel Mesnerhaus unmittelbar bei der alten Dorfkirche mitten im Zentrum. Es war ein massiv gemauertes, hellgrün gestrichenes Haus mit Krüppelwalmdach, Fensterfaschen und den typischen Balkonen mit Blumenschmuck. Ins Mesnerhaus ging man vor allem essen, die Wirtsstube war modern rustikal gestaltet, die Küche klassisch, die Zimmer günstig, Teppichboden, Duschkojen, terrakottafarbene Fliesen, alles aus den 1990er-Jahren.
Gestaltungsmotiv Stiege
„Es hatte keine Wohlfühlqualität“, resümiert Herzog ihre Bestandsaufnahme. „Das Stiegenhaus mit dem runden Treppenauge aber war besonders. Daraus ist das Konzept des neuen Hotels entstanden.“ Der Treppenlauf des achteckigen Stiegenhauses schraubt sich wie eine Schnecke um das große, runde Treppenauge in der Mitte. Eine gemauerte, weiß verputzte Brüstung mit abgerundeten Kanten und einem Handlauf aus Messing folgte der weichen, harmonischen Form.
„Das Wichtigste an der Stiege ist nicht die Treppe selbst, es ist die runde Bewegung, die kein Ende kennt“, sagt Herzog. „Man erschließt hier nicht Raum für Raum, man folgt einer Bewegung.“ In diesem Boutiquehotel dreht sich alles um das Runde, sind viele Kanten abgerundet, haben Möbel fließende Linien und liegen die Wellnesskapseln der geräumigen Suiten mit Spa im ersten Stock in der Mitte. Sauna und Dusche sind jeweils in die Halbzylinder gesetzt. Sie bilden einen Raum im Raum, der sich im wahrsten Sinne des Wortes umrunden lässt.
Der Bestand wurde bis auf die Außenmauern, die tragenden Innenwände und das Stiegenhaus entkernt, um großzügigere Räume mit freien Grundrissen zu schaffen. Auch alle Fußbodenaufbauten, die gesamte Technik und Installationen sind neu. Das Stiegenhaus liegt in einem Oktogon auf der Rückseite des Hauses in der Mittelachse, seine gemauerte Brüstung trägt nun einen graubeigen Strukturputz. Das macht die Oberfläche lebendiger. Die braunroten Terrakottafliesen wichen aufgerautem, weißen Marmor, der sich auch in den Duschen, den rechteckigen Waschtischen und auf den Terrassen findet.
Ursprünglich waren auch die halbkreisrunden, freistehenden Badewannen und Waschbecken aus Marmor geplant, was sich als zu teuer erwies. Nun sind sie aus Naturstein, an ihrem Gewicht ändert das nichts. „Sie liegen auf einer Stahlunterkonstruktion auf, die natürlich vor dem Trockenbau zu machen war“, sagt Carolyn Herzog. „Wir mussten schon sehr früh definieren, wo sich die Waschbecken befinden und wie groß sie sind. Eine der größten Herausforderungen in diesem Projekt war die Koordination der unterschiedlichen Gewerke. Außerdem wollte ich trotz aller Auflagen in puncto Brandschutz, Gewerbe- und Arbeitsrecht bis ins Detail eine Designlinie durchziehen.“ Hochwertige Materialien, die man gern anfasst, prägen die Gestaltung: Naturstein, Kalkputz und verputzter Kunststein an den Wänden, Eichenholz für Böden und Möbel, Messing für Armaturen.
Man betritt das Hotel durch eine Rundbogentür in einem vorstehenden Erker, der früher in postmoderner Manier auf zwei Rundstützen schwebte. Er bekam Erdung und eine Natursteinverkleidung. Wie ein kleiner Turm steht er nun aus dem Hauseck hervor, die Balkone wurden mit Lamellen als Sichtschutzelementen ergänzt und zu einem einzigen Bauteil zusammengefasst, das aussieht wie ein großer Erker. Das behäbige, rustikale Haus wirkt nun viel moderner. Es bekam auch eine neue umlaufende Terrasse, die es stärker mit dem Ort verbindet. Letztere ist straßenseitig von einer graubeigen Mauer eingefasst, die natürlich – rund ums Eck biegt und direkt in die Fassade einmündet. Sie erinnert an die Stiegenbrüstung und geht im Bereich des Eingangs in einen Holzzaun über, auf der anderen Seite ist die Terrasse offen und begrünt. Schließlich bildet hier der Friedhof ihr Gegenüber.
Weich und rund
Im Erdgeschoss empfängt einen eine Sitzgruppe, rechts die Rezeption, die zugleich auch Bar ist, dahinter befindet sich an der Wand der Ausschank. „Die Idee war, dass sich die Funktionen überschneiden“, so Herzog. „Außerdem sollte das Thema Wein hier sehr präsent sein.“ Ein eigens entworfenes, begehbares Weinlager steht wie ein Möbel im Raum. Zum Eingang hin mit Naturstein verkleidet, davor ein Natursteinbecken, die anderen zwei Wände sind aus gerilltem Glas, durch das verheißungsvoll das Innere schimmert. Dort ist die Wand mit Stahlstiften gespickt, auf denen die Flaschen liegen. Auf dem ovalen Tisch hinter dieser Vinothek en miniature werden alle offenen Flaschen dieses Abends in einer Natursteinschale auf Eis präsentiert, wo der Kellner sie leicht erklären und nachschenken kann.
Die Tische stehen seitlich an der Wand an den Fenstern, die bis zum Boden verlängert wurden. Das gibt dem Raum einen Rhythmus und jedem Tisch seinen eigenen Blick, dazwischen sorgen raumhohe Vorhänge für eine gute Akustik. Die Wandlampen aus eloxiertem Aluminium, die bogenförmig in den Raum ragen, hat Herzog entworfen. „Sie bilden um jeden Tisch einen Raum und sind so gestaltet, dass man die Lichtquelle nicht sieht.“ Schließlich soll man sich gut blendfrei unterhalten können, die Lampen lassen sich aber auch in den Raum schwenken.
An diesen Details merkt man, dass Herzog selbst ein Lokal führt. Sie hat auch die runden Tische aus dunkel lasierter Eiche designt. Sie ruhen auf einem mittigen Steher aus kreuzförmig ineinander gesteckten Holzplatten mit gebauchtem Querschnitt, der sich auch drehen lässt. Will man den Tisch vergrößern, stellt man zwei nebeneinander und setzt eine eigens dafür entworfene Platte drauf. Sie hat Aussparungen für die Kreise – und natürlich gerundete Kanten.
Isabella Marboe
Projektdaten
Objekt: stieg’nhaus | Design Boutique Hotel
Standort: Mühlbach am Hochkönig
Bauherrin/Bauherr: Maria Heidenreich und Tom Heidenreich
Nutzer: boutique hotel | Maria und Tom Heidenreich
Architektur/Innenarchitektur: Carolyn Sarah Herzog . Hkollektive . studio für architektur & design, www.hkollektive.at
Bauleitung: Prommegger Baumanagement,
www.rommegger.net
Bauzeit: 09.2024-06.2025
Grundstücksgröße: 368 m²
Nutzfläche gesamt: 774 m²
Fachplanung
Tragwerksplanung: Alexander Gruber, www.gruber-zt.at
TGA-Planung: GWH Schider, EKO Elektrotechnik, www.gwhschider.at
Lichtplanung/Akustik/Brandschutz/Design/Landschaftsarchitektur: Carolyn Sarah Herzog . Hkollektive . studio für architektur & design
Energieplanung/Energieberatung: Denis Gappmaier,
www.ib-gappmaier.at
Hersteller (Auswahl)
Design Beleuchtung/Lampen/Möbel: Carolyn Sarah Herzog, Hkollektive studio für architektur & design | Corston |
Bodenbeläge: Hafro Originy
Fassade/Außenwand/Innenwände: Farbecht
Möbel: Tischlerei Haigl, Vical, Kave Home,
Sanitär: GWH Schider, Gessi Armaturen, Laufen Val
Software /CAD/ Zutrittssysteme: Archicad
Fliesen/Natursteinwaschbecken: Hochkönigstein
Steckdosen/Taster: Corston
