B5 Boutique Hotel, Lugano/CH
Das Boutique Hotel B5 denkt ein altes Traditionshotel vollständig neu. Die Suche nach dem speziellen Charakter des Hauses hat DF_DC aus Lugano auf sich genommen. Heraus kam eine überraschende Interpretation von Materialien. Dabei ist ein Gebäude entstanden, das sich mit lokalen Ressourcen und handwerklicher Expertise das Unerwartete zu eigen macht. Vom Stahl bis zur Kaffeebohne wurde (fast) alles lokal und regional geschöpft.
Die Geschichte des Boutique Hotels B5 in Lugano kann ganz unterschiedlich erzählt werden: als die Geschichte seiner Farben, seiner Geschosse, seiner Bäder, seiner Materialien oder seines Namens. Diese Erzählungen bedingen sich gegenseitig, und eines geht zeitlich betrachtet ins andere über. Das B5 hat für ein Hotel keine ungewöhnliche Geschichte: 1923 als „Albergo Stella“ gegründet, kam es in den Besitz unterschiedlicher Familien, die das Hotel innen wie außen ihren Vorstellungen anpassten. So war das Hotel mal weiß, dann gelb, später rosa und schließlich grün. Außerdem stockte jede Eigentümerfamilie um ein Geschoss auf.
2012 übernahmen Daniel und Alexandra Hahne das Hotel und nutzten es vorerst in seinem vorgefundenen Zustand. Dieser stellte bereits den Inbegriff eines Boutique Hotels dar: jedes Zimmer und jedes Bad – darunter auch ein Kapselbad – waren ganz verschieden, und es herrschte weder in den Zimmergrundrissen noch in der Einrichtung eine erkennbare Einheit. Doch sie schafften es durch gute Bewirtschaftung und sorgfältige Pflege das Hotel auf den gängigen Internet-Plattformen auf eine hervorragende Bewertung zu bringen. 2019 entschieden sie sich dazu, das Gebäude zu sanieren und umzubauen. Dafür beauftragten sie das Büro DF_DC (Dario Franchini und Diego Calderon) aus Lugano. Wichtig war dabei die Nutzung lokaler Ressourcen – das galt sowohl für die Baumaterialien als auch für die Auswahl der Planerinnen. „Es sollte nicht nur ein ‚Kilometer-0-Hotel‘ werden, sondern ein ‚Meter-100-Projekt‘“, erklärt Dario Franchini, einer der Gründungspartner bei DF_DC, den Ansatz für den Umbau des Hotels.
Auf der Suche nach Charakter
Der Grundriss des Gebäudes „wurde an Tag 1 der Planung definiert“, so der Architekt. Alle vier Geschosse verfügen über jeweils fünf Zimmer, die sich nur leicht in der Fläche unterscheiden: So variieren die Zimmergrößen zwischen 16 und 24 m². Nur ein Zimmer ist 13 m² groß und ein weiteres ist barrierearm gestaltet. Das liegt jedoch nicht nur an der Konfiguration der Räume, sondern auch an der Außenwandstärke: „Jede historische Aufstockung wurde anders realisiert, sodass nicht der Grundriss, sondern der Schnitt die wirkliche Geschichte des Gebäudes erzählt, und das wollten wir in der Gestaltung auch hervorheben“, so Dario Franchini weiter. So sollte das Gebäude auch den Charakter des Interieurs definieren: Jedes Geschoss erzählt in den sichtbar gelassenen Materialien eine eigene Geschichte.
Während der Rückbaumaßnahme wurden Spuren des Bestandes sichtbar gelassen, sodass jedes Geschoss an die unterschiedlichen Epochen, die das Gebäude erlebt hat, erinnert. „Während der Rückbaumaßnahmen standen wir in einem der Räume – die Decke war freigelegt, die Wände unverputzt und die Dielen noch unbehandelt: In diesem Moment war uns klar, dass wir die Gestaltungssprache für dieses Hotel gefunden hatten“, erzählt Dario Franchini.
Nun war die Aufgabe, diese „Baustellenatmosphäre“ in ein Projekt umsetzen, das allen Komfort und alle Ansprüche eines Hotels besitzt.
Die Wahl lokaler, natürlicher oder langlebiger Materialien war dabei nicht nur die nachhaltigere Lösung, sondern auch diejenige, die dem Geschmack und Biografien der Eigentümerinnen entsprach (Daniel Hahne selbst hat Erfahrungen in der Eisenverarbeitung). Dazu kam die Notwendigkeit, für ein Gebäude mit hohem Gästeaufkommen Materialien und Bauteile zu wählen, die schnell ersetzbar und reparierbar sind. So wählte das Design-Team beispielsweise einen resistenten Außenputz für die Innenwände der Gemeinschafts- und Eingangsräume im Erdgeschoss, Badgarnituren aus austauschbaren Industrierohren und Gartenbrausen als Duschköpfe.
Interior als Infrastruktur
Das Interior des Hotels entsprang – mit Ausnahme der Bestuhlung – aus der Feder des Design-Teams. Die Arbeitsweise des Planungsbüros, die nicht nur Innenarchitektinnen sind, sondern auch Designerinnen, entsprach den Wünschen der Eigentümerinnen: Das Handwerkliche sollte überall sichtbar sein und den Charakter des Hotels prägen. Diese gestalterische Freiheit sei deshalb möglich gewesen, so Franchini, weil Daniel und Alexandra Hahne die vollständige Entscheidungsmacht über die Sanierungsmaßnahmen des Hotels hatten, das wäre bei einer großen Hotelkette anders gewesen. Hier konnten sie gemeinsam mit dem Design-Team experimentieren und ungewöhnliche Lösungen ausprobieren.
„In den Zimmern haben wir eine Möbellandschaft konzipiert, die als Infrastruktur funktioniert: Sie schafft eine stabile Grundlage für die notwendigen Elemente eines Hotelzimmers und kann bei Bedarf erweitert werden“, so der Architekt. Diese fest eingebaute Topografie umfasst Betten, Schreibtische und Abstellflächen in den Zimmern. Kleiderschränke gäbe es nicht. Da der durchschnittliche Aufenthalt im Hotel 1,5 Nächte betrage, haben sich DF_DC für einfache Eisenstangen entschieden, die an den Wänden befestigt sind und als „Garderobenstuhl“ funktionieren.
Ein weiteres Gestaltungselement sind die schmalen Gesimse oberhalb der Fenster, die die Technik für die Zimmer verstecken – die aus Platzgründen nicht unterm Putz installiert werden konnte. An ihnen sind außerdem die Schienen für Vorhänge beziehungsweise Schiebeelemente aus verzinktem Stahl angebracht. Diese schützen im geschlossenen Zustand vor Sonnenlicht und, zur Seite geschoben, reflektieren sie dieses. Die weiteren Oberflächen der Zimmer sowie die Decken wurden weitestgehend in ihrem Rohzustand belassen und zeigen Spuren der Baustellenarbeit sowie der rückgebauten Gebäudeschichten.
Selbstständig und eigenartig
Das Hotel ist vollständig digital und Gästinnen können selbstständig ein- und auschecken. Zwar säßen die Hahnes gerne mal am Empfangstisch oder bereiten Kaffee vor, doch sei das eher eine Entscheidung aus gastgeberischer Leidenschaft der Eigentümerinnen. Das Erdgeschoss spiegelt dies wider: Für das Frühstück wird alles ausgelegt, sodass die Gästinnen sich selbstständig bedienen können. Ist der Gastgeber jedoch im Haus, wird über eine Tür die Küche und die Bar zum Gemeinschaftsraum hin geöffnet und Getränke – warme wie kalte – werden serviert. Das Lokale spielt auch hier eine Rolle: von der Frühstückskost bis zu den Kaffeebohnen wird alles aus der Ticino-Region bezogen.
Die Tische im „Salotto“ sind, ebenso wie der große Empfangstisch am Eingang, von DF_DC designt und lokal hergestellt. Und auch die Kunst an den Wänden stammt aus der nahen Kunstgalerie „Galleria Doppia V“ – wenn auch die Künstlerinnen aus aller Welt kommen.
Luganos Badewanne
Um das Hotel herum entfaltet sich hangseitig ein gepflegter Außenbereich. Abgeschirmt von der näheren Umgebung durch hohe Begrünung können Gästinnen auf mehreren Ebenen Rückzug suchen oder frische Luft finden. „Wir wollten – gemeinsam mit dem Pariser Landschaftsarchitekturbüro Thierry Dalcant – die Atmosphäre eines Urgartens schaffen. Es sollte etwas Geheimnisvolles suggerieren und trotzdem einladend sein.“ So beschreibt der Architekt das Vorhaben. Auf einer der Ebenen sei zurzeit ein „Nebelbecken“ in Planung: Durch gezielt eingesetzten Sprühnebel kann hier etwas zusätzliche Erfrischung geboten werden, ohne den baulichen Aufwand eines Pools.
Dessen ungeachtet trägt das Hotel bereits in der Nachbarschaft den Spitznamen „Luganos Badewanne“. Verantwortlich für diese Zuschreibung ist die vollflächig geflieste Fassade: 40 000 Agrob-Buchtal-Fliesen verleihen dem Gebäude einen monolithischen Charakter. „Das weiche, reflektierende Licht an der Fassade hat anfangs Neugier aus der Nachbarschaft geerntet, doch die Bewohner*innen der umgebenden Häuser sind heute stolz auf ihre ‚Badewanne‘, wie eine Nachbarin das Gebäude mal genannt hat“, so Dario Franchini.
Das Boutique-Hotel B5 schafft es, ein Hotel für viele Arten von Reisenden zu sein: Für diejenigen, die das Hotel nur für eine kurze Übernachtung nutzen, aber auch für diejenigen, die eine kleine Auszeit mit bester Lebensmittel- und Aufenthaltsqualität anstreben. Der selbstständige Check-in nimmt dem positiv eigenartigen Charakter des Hotels nichts weg, sondern verleiht ihm eher ein heimisches Gefühl mit sofortigem Wohlfühleffekt. Übrigens: Die „5“ im Namen ist eine Anspielung an ein imaginäres fünftes Gleis des nahen viergleisigen Bahnhofs.⇥Amina Ghisu/DBZ
Projektdaten
Objekt: B5 Boutique Hotel
Standort: Via Borromini 5, 6900 Lugano/CH
Typologie: Hotel
Bauherrschaft und Nutzung: Daniel und Alexandra Hahne
Innenarchitektur/Architektur: DF_DC, Lugano/CH, www.df-dc.co.uk
Team: Dario Franchini, Diego Calderon, Paolo Crippa
Bauzeit: 06.2022 – 06.2024
Grundstücksgröße: 416 m²
Brutto-Grundfläche: 160 m²
Brutto-Geschossfläche: 806 m²
Verkehrsfläche: 110 m²
Brutto-Rauminhalt: 2 860 m3
Fachplanung
Landschaftsarchitektur: Thierry Dalcant, Paris/F
Statik: Arx, Lugano/CH
Elektrik: Edmondo Franchini, Lamone/CH
Energieplanung: Erisel, Bellinzona/CH
Interior Design: DF_DC, Lugano/CH
Baukosten gesamt: 3,4 Mio. CHF
Baukusten Hauptnutzfläche: 4 218 CHF/m²
Baukosten Brutto-Rauminhalt: 1 189 CHF/m³
Energie
Primärenergiebedarf: 14,2 kWh/m²a
Endenergiebedarf: 36,4 kWh/m²a
Jahresheizwärmebedarf: 7,1 kWh/m²a
U-Werte Gebäudehülle:
Außenwand: U = 0,19 W/(m²K)
Bodenplatte: U = 0,20 W/(m²K)
Dach: U = 0,19 W/(m²K)
Fenster: Uw < 1,3 W/(m²K)
Verglasung: Ug < 0,6 W/(m²K)
Hersteller
Fassade: Agrob Buchtal
Trockenbau: Knauf
Bodenbelag: Itlas, Walo
Türen: Rubner
Leuchten: ViaBizzuno, Midgard Licht
Fenster: Alu K, Schüco
Vorhänge: Mottura
Wandoberflächen: Kerakoll
Aufzug: AS Lift
