Schlankes BIM

Zum Modellieren von Gebäudedaten stehen Anwender:innen heute eine Vielzahl von Tools, Plug-ins und Zusatzbibliotheken zur Verfügung. Doch viel hilft nicht immer viel. Ein Gespräch über Datendiäten und -pflege mit dem Architekten und Digitalpionier Torben Wadlinger


Grafik: ArchManStocker
Grafik: ArchManStocker

Torben Wadlinger ist Architekt im eigenen Büro und ­arbeitet bereits seit mehr als zehn Jahren zu den Themen BIM und Digitalisierung
www.gup-architekten.eu
www.compendium-gmbh.de
Foto: Lisa Farkas
Torben Wadlinger ist Architekt im eigenen Büro und ­arbeitet bereits seit mehr als zehn Jahren zu den Themen BIM und Digitalisierung
www.gup-architekten.eu
www.compendium-gmbh.de
Foto: Lisa Farkas

Herr Wadlinger, beim Thema BIM schwärmen gerade Softwareanbieter und Hersteller oft von der großen Informationstiefe, die solche digitalen Modelle liefern können. Da stellt sich die Frage nach der Datenökonomie: Welche Informationen sind im Prozess tatsächlich unverzichtbar und welche belasten eher das System, als einen Beitrag zum Gelingen des Projekts zu leisten?

Das kommt drauf an. Mache ich BIM nur im kleinen Kreis oder habe ich das volle Programm, vom Informationsmanagement bis ins FM. Und je nach Phase und Anwendungsfall habe ich verschiedene Anforderungen, die sich im Modell abbilden. Welche Daten verzichtbar sind und welche nicht, ist daher pauschal nicht beantwortbar. Man sollte aber in jedem Fall genau hinschauen, welche Daten ich für welchen Zweck tatsächlich benötige. Daten quasi auf Vorrat zu halten, kann nicht nur das System unnötig aufblähen, sondern auch Arbeitskraft für dessen Pflege binden, die anderswo sinnvoller eingesetzt ist.

Jetzt verhält es sich bei BIM-Software nicht anders als bei anderen Programmen: Per Plug-in lassen sich ihre Funktionen und Datenbanken leicht erweitern. Spart das nicht Arbeitskraft, weil mehr und bessere Werkzeuge zur Verfügung stehen?

Wir hatten bei mir im Büro vor Jahren mit solchen Plug-ins experimentiert, aber sehr schnell gemerkt, dass der tatsächliche Mehrwert eher gering ist. Gleichzeitig steigt aber der IT-Aufwand, denn die Plug-ins müssen auf den Computern installiert und aktuell gehalten werden. Eine neue Version des Autorensystems erfordert dann auch immer eine neue Version des Plug-ins. Das wollen Sie sich auf Dauer nicht antun. Und wenn eines dieser Plug-ins dann noch eigene Daten ungefragt in die Bauteile schreibt, dann fliegt diese Software ganz schnell vom Rechner.

Viele Hersteller:innen und Unternehmen bieten inzwischen auch eigene Datenbanken an, mittels derer sich die Produkte als BIM-Objekte direkt in die 3D-Planung übernehmen lassen. Für wie sinnvoll halten Sie die? Und müsste man nicht verschiedene Kataloge unterschiedlicher Hersteller laden, damit beim Planen die Wahl zwischen unterschiedlichen Lösungen bleibt?

Ich kann diese Frage nur aus meiner persönlichen Sicht als Architekt beantworten. Für Hochbauprojekte braucht es gar nicht viel. Von dormakaba gibt es z. B. ein fantastisches Türobjekt (bimalldoors), das aber seit Januar 2021 nicht mehr weiter entwickelt wird. Ohnehin habe ich den Eindruck, dass diese Objekte und Bibliotheken in erster Linie aus Sicht des Marketings entwickelt werden, ohne im Vorfeld jemals mit Planer:innen in Berührung zu kommen. Die Fensterobjekte von Schüco decken zum Beispiel aus meiner Sicht nicht die ganze Flexibilität des Fensterprogramms ab, wie ich sie mir als Architekt wünschen würde.  

Das heißt: Der Mehrwert für Architekt:innen und Bauingenieur:innen ist überschaubar? Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass der Datenmüll zum Risiko wird? Schließlich öffnet man das eigene System für möglicherweise nachlässig erstellte Verzeichnisse, die Konflikte erzeugen können oder gar korrumpiert sind …

Das Risiko besteht natürlich immer, und gerade ­deshalb ist im Umgang mit Software und insbesondere kostenlosen Bibliotheken und Erweiterungen Vorsicht geboten. Jede Planer:in trägt die Verantwortung für ihre eigene Planung und haftet für die Richtigkeit der Angaben. Lesen Sie doch mal zum Spaß die Lizenz-Klauseln einer beliebigen Software durch. Da finden Sie immer eine Haftungsbeschränkung des Herstellers derart, dass dieser keine Verpflichtung dafür trägt, dass seine Software fehlerfrei ist. Das schließt die damit übergebenen Daten ein. Als Planer war und bin ich grundsätzlich immer auch Informationsmanager, denn ich bestimme, welche Informationen ganz allgemein in einer Planung auftauchen. ­Daher: je weniger unkontrollierbare Dinge in eine Planung reinfunken, umso besser.

Vielleicht sagt der eine oder die andere Planer:in aber trotzdem, dass sie im Alltag auf einige Produkte direkt in ihrer Datenbank zugreifen möchten, weil sie diese immer wieder verwendet. Was können sie tun, um sich gegen übergriffiges Verhalten der Fremdsoftware zu schützen?

Sofern die Software über eine Art Rechteverwaltung verfügt, wäre es eventuell möglich den Zugriff zu beschränken. Nach meiner Erfahrung baut man ein benötigtes Objekt dann aber ganz schnell nach, weil der Aufwand des Plug-Ins (Installation, Pflege, etc. ) dann doch zu hoch ist. Wie bereits gesagt: es gibt tolle Objekte bzw. Familien, die im Entwurf und in der Planung einen echten Mehrwert bringen. Aber eine durchmodellierte Türklinke braucht niemand in der Planung und daher auch kein Plug-In, das solche Objekte verwaltet.

Datendiät ist in Zeiten von Big Data, also dem Erzeugen und Speichern von möglichst umfangreichen Datensätzen zur späteren Ausbeutung ein recht überraschender Ansatz. Glauben Sie, dass Bauherr:innen da mitziehen? Gerade Pro­jektentwickler:innen sind sicher sehr dankbar, wenn an jeder Nachtischlampe bereits ein Preisschild hängt.

Das Preisschild darf da auch dranhängen, nur wird dieses – um im Bild zu bleiben – im Laden an der Lampe befestigt. Und nicht an der Maschine, die die Lampe herstellt. Kosten haben im Modell nichts zu suchen. Dafür gibt es AVA-Systeme, die Schnittstellen diesbezüglich sind inzwischen ausgereift. Hier schließt sich der Kreis zu Ihrer ersten Frage: Wenn der Anwendungsfall „Kosten aus Modell“ heißt, muss der Prozess sogar beschrieben sein. Dies schließt z. B. eine Materialkennzeichnung an einem bestimmten Parameter ein.

Und beim Thema Nachhaltigkeit? Auch die CO2-Bilanz der verwendeten Baustoffe und Materia­lien lässt sich ja hinterlegen – gerade für eine spätere Zertifizierung könnte diese Informa­tionsebene doch interessant sein.

Das ist in der Tat eine extrem wichtige Fragestellung. Florian Kraft, geschäftsführender Gesellschafter im Architekturbüro Stefan Forster GmbH, hat zu diesem Thema zusammen mit Dr.-Ing. Martin Zeumer von der ee concept GmbH untersucht, wie Modelle in einer frühen Phase in Kombina­tion mit externen LCA-Datenbanksystemen Öko-Bilanz-Aussagen ermöglichen. Die Information steckt dabei nicht im Modell, sondern in der LCA-Datenbank. Das macht auch Sinn, da ja nicht alle Elemente eines Gebäudes auch modelliert werden. Folien und Abdichtungen z. B. werden mit Sicherheit nicht modelliert, können jedoch großen Anteil an der Öko-Bilanz des Gebäudes haben.

Aus dem ursprünglichen BIM, das vor allem Planer:innen und Ausführende zusammengebracht hat, ist heute oftmals schon ein BIM to FIM geworden – also ein Modell, dass bereits viele Informationen für die Betriebsphase eines Objekts liefert. Wie sehen Sie diese Verwendung unter dem Stichpunkt der Datenaskese?

Weder als Architekt noch als BIM-Manager ist mir bisher ein Fall untergekommen, wo das FM Anforderungen an ein Modell gestellt hätte; zumindest nicht in einer Planungsphase, wo es relevant gewesen wäre, das zu wissen. Planungsmodelle sind auch keine FM-Modelle. Und selbst wenn es so wäre: Im FM ist das Raumobjekt das bestimmende Element. Alles was damit verknüpft ist, kann in eine Tabelle exportiert und in die FM-Software importiert werden.

Jenseits der Informationstiefe der Modelle­ und der Zahl der verfügbaren BIM-Objekte stehen gerade kleinere Büros, die sich heute auf eine durchgängig digitale Arbeitsweise einstellen wollen, oft vor der Frage, wie offen und vernetzt sie künftig arbeiten wollen. Welche Software wollen wir verwenden? Wieviel Anknüpfungspunkte für Fachplaner:innen und andere Akteur:innen wollen wir bieten? Was raten Sie denen?

Eine digitale Arbeitsweise ist keine Frage der Software, sondern eine Frage der Haltung. Es gibt eine Reihe kleiner Büros, die ich kenne und zu denen ich ja auch zähle, die das einfach machen. Jenseits vom klassischen 2D-Autocad sind eigentlich alle CAD-Systeme BIM-fähig. Und damit meine ich, dass sie nicht nur ein 3D-Gebäudemodell erstellen können, sondern dass man eine gemeinsame Planung schrittweise über einen gemeinsamen Prozess entwickelt. Und darum geht es. Wenn heute ein Fachplaner zu uns kommt und sagt: „Lass uns das Projekt im BIM-Prozess ­erledigen,“ dann legen wir für uns die Randbedingungen fest und los geht‘s. Das funktioniert natürlich nicht, wenn ich mit einer Ich-führe-du-folgst-Attitüde daherkomme. Und das meine ich mit der Frage der Haltung. Das betrifft natürlich auch Bauherr:innen. BIM ist Kommunikation und gemeinsame Verantwortung. Das muss man wollen.


Wie sehen Sie die Weiterentwicklung dArbeitens mit BIM?  Welche Schwierigkeiten erkennen Sie? Welche neuen Lösungsansätze und Chancen wird sie Planer:innen künftig bieten?

Die größten Unternehmen unserer Zeit handeln mit einer virtuellen Ware: Daten. Beim Planen erzeugen wir, Architekt:innen und Ingenieur:innen, die Daten. Allerdings hat die Mehrheit der Ar­chitektenschaft noch nicht verstanden, was das ­bedeutet. Die Diskussionen, die ich unter Kolleg:innen erlebe, drehen sich bei diesem Thema meist um 6B oder Digital. Niemand will den 6B verbieten. Viele Architekt:innen tendieren aber dazu, bis in die Werkplanung zu entwerfen. Und das funktioniert in einer prozessualen Planung nur sehr schwer bis gar nicht.

Inzwischen ist mehrfach erfolgreich widerlegt, dass BIM in der Architektur nicht funktioniert. Die Idee hinter dem BIM-Prozess ist auch nichts Neues. Walt Disney und die NASA haben in den 1960ern unabhängig voneinander dieses System entwickelt. Inzwischen findet das Prinzip der agilen Planung und Entwicklung seit Jahrzehnten in allen technischen Bereichen Anwendung. Unsere Branche ist die letzte, die auf diesen Zug aufspringt. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Transparenz, gemeinsame Verantwortung und Kontrolle. Nichts davon beeinträchtigt die Architektur eines Gebäudes. Aber wenn davon etwas fehlt, gibt es im Projekt oder auf der Baustelle Probleme. Von daher liegt BIM im Interesse von uns Architekt:innen und wir müssen die Treiber und Entwickler dieser Methode sein. Sonst macht es jemand anders und das wäre nicht gut für uns Architekt:innen im Allgemeinen und für die Architektur im Besonderen.

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