Zwischen Lüftung und Lärmschutz

Quartiersgarage Neckarbogen in Heilbronn

Parkhäuser zählen zu den Typologien, bei denen die Fassade weit mehr leisten muss als nur die äußere Erscheinung zu prägen. Bei der Quartiersgarage Neckarbogen in Heilbronn übernimmt die Gebäudehülle gleichzeitig Aufgaben des Schallschutzes und der Lüftung und soll darüber hinaus zur Identität des neuen Stadtquartiers beitragen. Die Lösung von wittfoht architekten|wittfoht architekten planung, Stuttgart: Die Fassade aus gekanteten, gelochten Aluminium-Blechen erzeugt durch unterschiedlich tiefe Auffaltungen eine Wellenbewegung entlang der Straßenfronten und hebt so die Garage bewusst von der umgebenden Bebauung ab.

Das neue Stadtquartier Neckarbogen liegt mitten in Heilbronn. In den nächsten Jahren wird das Areal, auf dem 2019 die Bundesgartenschau stattfand, Schritt für Schritt zu einem Zuhause für bis zu 3 500 Bewohnerinnen und Bewohnern und zu einem Arbeitsplatz für etwa 1 000 Menschen. Der Neckarbogen wird gefasst durch die Gleise des Hauptbahnhofs im Süden, den Neckar im Osten sowie den Hafenberg und die Gleisanlagen entlang der Hafenstraße im Westen.

In diesem Umfeld steht die Quartiersgarage Neckarbogen. Mit rund 57 m Länge, 50 m Breite und einer Höhe von gut 23 m nimmt sie eine prägnante Position innerhalb des Quartiers ein. Dabei handelt es sich um eine Split-Level-Garage mit Gegenverkehr. Einzige Ausnahme: Im südlichen Bereich der oberen Parkebenen herrscht ab Ebene 5 Einbahnverkehr. Die Garage wurde im Stahlverbundsystembau geplant. Die einzelnen Module bestehen aus 2,7 x ca. 16 m großen Elementen (Stellplatztiefe 5 m, Fahrgasse 6 m). Die Parkgassen sind frei überspannt, so dass das Rangieren der Autos nicht durch Stützen gestört wird.

Bewusst als Stadtbaustein geplant

Anders als klassische Parkhäuser vereint die Quartiersgarage Neckarbogen mehrere Funktionen unter einem Dach. Der Neubau bietet Parkfläche, E-Ladeinfrastruktur, Sharing-Angebote, lokale Energieerzeugung sowie weitere Service-Leistungen für das Quartier. Von 643 Stellplätzen sind 202 mit einer E-Lademöglichkeit ausgestattet. Neben den Stellplätzen beherbergt das Gebäude auch eine Energiezentrale zur Versorgung des Quartiers, Trafo- und Spannungsverteilerräume sowie eine Mobilitätsstation mit Sharing-Angeboten und Ladeinfrastruktur.

Für die Planerinnen und Planer stellte sich damit nicht nur die Frage nach der Organisation der unterschiedlichen Nutzungen, sondern auch nach ihrer städtebaulichen Präsenz. Das Gebäude sollte als eigenständiger Baustein wahrnehmbar sein und seine öffentliche Funktion sichtbar machen. „Wir wollten von Anfang an einen bewussten Stadtbaustein kreieren. In der Parkgarage ist für das Quartier auch eine Mobilitätsstation integriert, die einen starken Wiedererkennungswert bekommen sollte“, sagt Architekt Leonardo Sartori von wittfoht architekten planung.

Gekantete, perforierte Alu-Bleche

Die zentrale Herausforderung lag in der Entwicklung einer Gebäudehülle, die den Anforderungen des Immissionsschutzes ebenso gerecht wird wie den Vorgaben für eine natürlich belüftete Garage. Der Bebauungsplan verlangte den Nachweis, dass von der Garage keine unzulässigen Lärmemissionen auf die angrenzende Wohn- und Gewerbebebauung ausgehen.

Gleichzeitig musste die Fassade ausreichend offen sein, um die nach Garagenverordnung erforderliche Querlüftung sicherzustellen. Die Lösung besteht aus gekanteten und perforierten Aluminiumblechen, deren Geometrie beide Anforderungen miteinander verknüpft.

„Wir hatten diesen Dialog, was ist wann offen, was wann geschlossen, um die Schallschutzwerte vom B-Plan einzuhalten“, beschreibt Sartori den Entwurfsprozess. Die Fassadenbekleidung arbeitet dabei mit zwei unterschiedlichen Mechanismen. Einerseits reduzieren geschlossene Flächen die Schallabstrahlung der Parkebenen. Andererseits erzeugen die unterschiedlich tiefen Faltungen zusätzliche Öffnungen, die als freier Lüftungsquerschnitt angerechnet werden können. Ergänzend wurden die Unterseiten aller Parkdecks mit Schallabsorbern aus Holzwolle-Mehrschichtplatten ausgestattet.

Die charakteristische Wellenbewegung der Fassadenflächen entlang der Paula-Fuchs-Allee und der Erich-Mendelsohn-Straße ist das sichtbare Ergebnis dieser technischen Anforderungen. Anders als bei vielen Infrastrukturgebäuden wurde die Form jedoch nicht nachträglich über die Konstruktion gelegt, sondern entwickelte sich aus ihr. Die Faltungen schaffen die notwendigen Öffnungsanteile für die natürliche Belüftung und gliedern zugleich den Baukörper von knapp 60 m Länge.

Modulare Konstruktion

Insgesamt umfasst die Fassade 1 285 Aluminium-Elemente mit einer Materialstärke von 3 mm. Die beidseitig pulverbeschichteten Paneele besitzen eine Sonderlochung und sind als eigenständige Module ausgebildet. Befestigt werden sie auf einer vergleichsweise einfachen Unterkonstruktion aus horizontalen und diagonal verlaufenden Profilen.

Die Paneele wurden vollständig vorgefertigt angeliefert und auf der Baustelle lediglich montiert. Gleichzeitig ermöglicht die Konstruktion den Austausch einzelner Elemente, ohne größere Fassadenbereiche demontieren zu müssen.

Wirtschaftlichkeit und die größtmögliche Anzahl von Stellplätzen spielten dabei eine zentrale Rolle. Ziel war es, die Anzahl unterschiedlicher Bauteile zu begrenzen und eine möglichst einfache Montagelogik zu entwickeln. Varianten mit größeren oder geschossübergreifenden Elementen wurden untersucht, letztlich jedoch verworfen. Ausschlaggebend waren Maßstäblichkeit, Montageaufwand und die Integration in das Tragsystem.

Sichtbare Mobilitätsstation

Eine Sonderstellung innerhalb des Gebäudes nimmt die Mobilitätsstation an der Paula-Fuchs-Allee ein. Sie bildet den Hauptzugang zum Parkhaus und fungiert zugleich als Schnittstelle zwischen motorisiertem Individualverkehr, Sharing-Angeboten und Mikromobilität.

Im Gegensatz zu den geschlossenen Metallflächen der Park-ebenen erhielt dieser Bereich eine transparente Fassadenlösung: Schräggestellte Glaselemente sorgen für Offenheit und Sichtbarkeit, ohne die Anforderungen an die natürliche Belüftung zu beeinträchtigen. Die Mobilitätsstation wird dadurch bereits von außen als eigenständiger Baustein innerhalb des Gesamtgebäudes sichtbar.

Begrünung an der Stirnseite

Während die langen Fassadenseiten durch die Aluminiumhülle geprägt werden, markieren begrünte Treppenhausbereiche die Stirnseiten des Gebäudes. Betonwandscheiben, urprünglich mit kreisförmigen Öffnungen geplant, werden dort mit Kletterpflanzen in Pflanztrögen begrünt.

Die Begrünung entlang der Edelstahlseile blieb jedoch auf wenige Teilbereiche beschränkt. Ausschlaggebend waren die engen Rahmenbedingungen des Projekts. Zusätzliche Fassadenbegrünungen hätten die Anforderungen an die natürliche Belüftung erschwert und wären mit den vorgegebenen Gebäudeabmessungen sowie der geforderten Stellplatzanzahl nur schwer vereinbar gewesen.

Rückblickend sieht Sartori Potenzial für eine stärkere Integration von Vegetation in die Gebäudehülle. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um klimaangepasste Infrastruktur könnte dieser Aspekt bei vergleichbaren Projekten künftig an Bedeutung gewinnen.

Brandschutzsonderfall Energiezentrale

Eine Herausforderung bei diesem Projekt war laut Sartori die Integration der zweigeschossigen Energiezentrale mit ihrem großen Kamin und dem Puffertank. Letzterer muss austauschbar sein, weswegen über alle Geschosse hinweg Aussparungen vorgesehen werden mussten.

In Fall der Energiezentrale und einem Teil der Traforäume war die Brandschutz-Anforderung F 90. Brandschutztechnisch ist dieser Bereich komplett abgetrennt vom restlichen Parkhaus, das als Systemparkhaus eine F 0-Qualität ausweist.

Architektur für den Zweckbau

Parkhäuser gehören zu den funktional geprägten Gebäudetypen. Die Quartiersgarage Neckarbogen zeigt jedoch, dass technische Infrastruktur nicht zwangsläufig als anonymer Zweckbau erscheinen muss. Die Fassadengestaltung entsteht hier aus der Bearbeitung technischer Anforderungen und wird gerade dadurch zum architektonischen Merkmal. „Wenn der Bauherr Wert auf einen städtebaulichen Charakter und eine gewisse Wertigkeit der Architektur legt, dann ist eine entsprechende Fassade durchaus möglich“, sagt Sartori.

Die Gebäudehülle übernimmt damit eine doppelte Rolle. Sie löst funktionale Anforderungen hinsichtlich des Schallschutzes, der Lüftung und der Wirtschaftlichkeit ein und formuliert zugleich einen identitätsstiftenden Beitrag zum Stadtraum.

Heide Teschner/DBZ

Die Außengestaltung ist außergewöhnlich und doch unaufdringlich für eine Nutzung, der meist wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Kernthemen sind hier Langlebigkeit und tiefe Vorproduktion.«
DBZ-Heftpartner AplusF Fassadenplanung, Frankfurt a. M.

Projektdaten

Objekt: Quartiersgarage Neckarbogen

Standort: Baufeld Q ­– Neckarbogen Heilbronn

Bauherr: Stadtwerke Heilbronn GmbH

Nutzer: Stadtwerke Heilbronn GmbH

Architektur: wittfoht architekten | wittfoht architekten planung gmbh, www.wittfoht-architekten.com

Team: Dipl. Ing. Leonardo Sartori, Dipl. Ing. Manja Stolz, Dipl. Ing. Felix Krummlauf

Generalunternehmung: DIP Deutsche Industrie- und Parkhausbau GmbH

Bauzeit: 01.2023–05.2024

Grundstücksgröße: 2 848 m²

Grundflächenzahl: 1,0

Geschossflächenzahl: 7,7 (berechnet)

Nutzfläche gesamt: 20 190 m²

Nutzfläche: 9 271 m²

Technikfläche: 723 m²

Verkehrsfläche: 10 196 m²

Brutto-Grundfläche: 21 852 m²

Brutto-Rauminhalt: 62 633 m³

Baukosten: Gesamt brutto ca. 17 Mio. €

Fachplanung

Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Bräuning + Partner mbB, www.braeuning-partner.de

TGA-Planung: SIB GmbH & Co.KG (ELT),
www.sib-elektrotechnik.de, Klein + Usenbenz GmbH & Co. KG (HLSK), www.k-u.gmbh

Akustik: Heine + Jud – Ingenieurbüro für Umwelt-akustik, www.heine-jud.de

Energieplanung: Sautter GmbH (Energiezentrale),
www.sautter-planung.de

Brandschutz: Sinfiro GmbH & Co. KG, www.sinfiro.de

Lüftungsgutachten: Sachverständigenbüro
Dr. Bitter, www.svb-bitter.de

Vermessung: Vermessungsbüro Braun + Nagel GmbH, www.braun-nagel.de

Entsorgung: Klinger und Partner Ingenieurbüro für Bauwesen und Umwelttechnik GmbH,
www.klinger-partner.de

Baugrundgutachten: Prof. Burmeier Ingenieursgesellschaft mbH, www.burmeier-ingenieure.de

Bauphysik: Gutbrod Bau Physik Ingenieurbüro GmbH, www.ib-gutbrod.com

Verkehrsgutachter: Planungsbüro StadtVerkehr Bernd Schönfuß, www.schoenfuss.de

Hersteller

Fassade/Außenwand: SCHRAG Fassaden GmbH,
www.schrag-fassaden.de

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