Luftig und kompakt

Palazzetto dello sport, Olgiate Olona/IT

Die neue Sporthalle im kleinen Ort Olgiate entstand aus einem Optimierungsprozess heraus, der das Tragwerk und die Konstruktion in Bezug auf die Kosten immer wieder ins Verhältnis setzen musste. Das Ergebnis ist eine gelungene Architektur, die durch konsequente Wiederholung ihrer Bauelemente eine gestalterische Geste schafft und bei minimalem Budget eine maximale Wirkung entfaltet.

Mitten in der kleinteiligen Gebäudestruktur des Ortes Olgiate Olona in der norditalienischen Provinz Varese steht der neu eröffnete Palazzetto dello sport. Die Typologie des „kleinen Sportpalasts“, dessen prominentestes Beispiel das 1956 vom Ingenieur Pier Luigi Nervi mit dem Architekten Annibale ­Vitellozzi geplante Gebäude in Rom ist, ist eine meist eigenständige Multifunktionshalle mit vorwiegender Sportnutzung – aber deutlich kleiner als ein Stadion. Die Palasport, wie sie umgangssprachlich genannt werden, sind meist nicht an Schulen oder sonstige Bildungseinrichtungen gekoppelt, sondern werden von der Gemeinde getragen und von einer öffentlichen Nutzung definiert, die oftmals auch Gastronomie und Veranstaltungsräume vorsieht.

Zwischen Himmel und Erde

Für die neue Sporthalle in Olgiate standen die Planerinnen vor einer großen freien Fläche und einer noch größeren Herausforderung: ein sehr kleines Budget. Für den geladenen Wettbewerb waren zwei Sportplätze vorgesehen und ein informeller Fußballplatz im Außenraum. Das Architekturbüro Giulia de Appolonia aus Brescia gewann den Wettbewerb und passte das Raumprogramm dem schmalen Budget an. So behält das Palazzetto zwar immer noch seine Multifunktionalität und die Möglichkeit, mehrere Sportarten auszuüben, doch von den gewünschten zwei konnte nur eine Sporthalle realisiert werden: „Wir haben uns letztendlich für die kompakte Lösung entschieden, da das Budget extrem limitiert war und wir zwei Sportplätze nicht unterbekommen hätten“, erklärt die Architektin Giulia de Appolonia.

Das zweigeschossige Gebäude besteht aus zwei aufeinandergestapelten Scheibenvolumen. Die Scheiben unterscheiden sich durch die unterschiedlich eingesetzten Materialien: der schwere, massive Sockel wurde mit nur ganz wenigen Öffnungen aus Sichtbetonfertigteilen realisiert, während das obere­ Volumen, das die Architektin als „Laterne“ beschreibt, durch das Einsetzen von Polycarbonat als Fassadenbekleidung durchlässig und leicht wirkt. Das Tragwerk aus Stahl ist nicht nur im Gegenlicht im Inneren ablesbar, sondern es schiebt sich an der Nordseite auch aus dem Gebäude heraus. So bildet es eine großmaßstäbliche Pergola, die als „Filterraum“ bis zum Eingang des Gebäudes führt. Die Scheiben sind somit leicht zueinander versetzt: Der Fußabdruck des Erdgeschosses ist um einiges größer und durch die Verschiebung der oberen Gebäudehälfte bildet sich auf der Südseite als Pendant eine kleine begehbare Terrasse.

Getrennte Wege

Das Gebäudeprogramm funktioniert ebenfalls zweiteilig: Besucherinnen der Sportveranstaltungen und Externe treten im Obergeschoss über einen Vorraum in das Gebäude ein. Dieser dient auch als Café und informeller Versammlungsort. Die Sportlerinnen wiederum können über den Eingängen im Sockel in die Umkleiden und schließlich in die große Sporthalle gelangen. Die – wenn auch nicht strikt – getrennte Erschließung erlaubt die Nutzung der öffentlichen Räume, auch wenn keine Spiele oder sonstige Veranstaltungen geplant sind. Eine kleiner Aufwärmraum befindet sich für die Sportlerinnen ebenfalls im Obergeschoss.

Die Tribüne, an der Ostflanke der Halle positioniert und vom Obergeschoss aus erreichbar, kann bis zu 174 Zuschauerinnen beherbergen. Diese Zahl kann durch die unter der Haupt­tribüne verstauten Teleskoptribünen verdoppelt werden. Im ausgezogenen Zustand können somit insgesamt etwa 350 Menschen Platz finden.

Optimiertes Tragwerk

Die massiven Wände des Sichtbetonsockels kontrastieren mit den weiß angestrichenen Streben und Trägern der Hallenkonstruktion: „Wir wollten die Leichtigkeit der oberen Volumenhälfte durch das Tragwerk bestärken. Außerdem brauchten wir eine kosten- und raumgünstige Option, um die lichte Hallenweite von 32 m zu überbrücken“, so Giulia de Appolonia.

Die Planenden wählten dafür Wabenträger: die 75cm hohen Unterzüge aus pulverbeschichtetem Stahl funktionieren so, dass an Material und Aufbauhöhe gespart wird. Die Installations- und Lüftungskanäle verlaufen durch die Waben und schaffen somit Platz unter der Dachdeckung. Das erlaubt es, die Technik auf dem Dach der Funktionsräume auf der Nordseite zu positionieren: Dadurch, dass die Leitungen sich in derselben Ebene wie das Tragwerk befinden, konnten sie horizontal herausgeführt werden, ohne dass ein größerer Dachaufbau oder aufwendige Umleitungen notwendig gewesen wären.

Die Wabenträger, die eine Lasteinzugsbreite von 5 m über dem Spielfeld aufweisen, stützen auf ein System von Strebenfachwerken, die das Gebäude einmal komplett umwickeln und die Lasten ins Erdreich leiten. Die aus Hohlprofilen realisierten Fachwerke erlauben einen durchgängigen Lichteinfall in die Halle. An ihnen ist eine doppelte Polycarbonat-Fassade befestigt, so dass ringsum natürliches, diffuses Licht einfallen kann.

Die Auskragung an der Nordseite führt das Tragwerk außen weiter und schafft eine 7 m weite Überdachung sowohl für den Eingang im Erdgeschoss als auch für die Treppe zum Café im Obergeschoss. Der Einsatz der genau gleichen Profile für Streben und Träger hat einen gestalterischen Grund – die versetzten Scheiben – und eine ökonomische Notwendigkeit – die effiziente Wiederholung der Bauteile.

Sanftes Licht und helle Farben

Das diffuse Licht, das die Halle beleuchtet, soll „eine neutrale, gedämpfte Atmosphäre schaffen“, wie die Architektin Giulia de Appolonia erklärt. Diese Entscheidung kommt aber auch der Sportnutzung zugute. Direkte Sonne sei wegen der hohen Helligkeit ungünstig und Schattenwürfe könnten die Spiel‑

abläufe beeinträchtigen.

Polycarbonat sei auch klimatisch die bessere Wahl gewesen, so die Architektin. Im Vergleich zu klarem Glas kann es bis zu 45 Prozent der Sonneneinstrahlungen bei einer sehr hohen Lichtdurchlässigkeit absorbieren, so dass die Halle einigermaßen kühl bleibt. Klare Glasflächen befinden sich im Gebäude nur an der Nordseite.

Der Palazzetto wird mittels mechanischer Lüftung gekühlt und spart an aufwendigen Anlagen. Eine Fußbodenheizung sichert im Winter eine angenehme Temperatur auf dem Spielfeld. Auch die weiße Farbe hilft dabei, eine angenehm kühle Atmosphäre zu schaffen – fast schon zu kühl, denn mittlerweile hätten die Nutzerinnen einige der Flächen rot und blau angestrichen.

Kompakt geplant

„Der Palazzetto in Olgiate war ein Optimierungsprojekt in jeglicher Hinsicht, vom Tragwerk über die Technik bis hin zum Raumprogramm. Das war eine Herausforderung, wir haben aber das Beste draus gemacht und trotzdem ein vollständig funktionales Gebäude realisiert“, betont de Appolonia. Die Trägerelemente wurden montagebereit aus Belgien importiert und konnten vor Ort schnell eingebaut werden. Die Planerinnen mussten durch den hohen Vorfertigungsgrad – im Sockel wie im Obergeschoss – die restlichen Flächen und Bauteile im „Millimeterbereich durchplanen“, wie die Architektin erzählt. „Wir hatten weder finanzielle noch räumliche Toleranzen, also musste alles sofort passen.“ Dadurch, dass die Planungsleistung so detailliert stattfand, konnte auf der Baustelle viel Zeit gespart werden.

Die dennoch verzögerte Eröffnung des Palasport in Olgiate sei der Corona-Pandemie und den darauffolgenden Preiserhöhungen geschuldet. Das ursprüngliche Budget von 1,6 Mio. Euro wurde allerdings nur verhältnismäßig gering überstiegen. Die Kosten für den Palasport liegen bei etwa 2 Mio. Euro, was für eine Sporthalle dieser Größe immer noch eine bescheidene Summe darstellt.

Das herauskragende Tragwerk am Eingang suggeriert eine Komplexität, die spätestens beim Betreten der Sporthalle aufgelöst wird. Hier hat jede Bauschicht ihre Begründung: Die fast dogmatische Wiederholung der Tragwerksstruktur und die eindeutige Zonierungen im Grundriss helfen Nutzerinnen und Besucherinnen bei der Orientierung. Angesichts des kleinen Budgets wurde an vielem gespart. Architektur entsteht aber gerade dann, wenn resultierende Chancen ergriffen werden und am Ende keine halbfertige Bauruine, sondern ein funktionales Bauwerk steht. Am besten eines, was der Allgemeinheit zugutekommt.

⇥Amina Ghisu/DBZ

Das Hallentragwerk aus weißem Baustahl wirkt maximal reduziert und fast schwebend über dem Betonsockel.« DBZ-Heftpartner Arup, Frankfurt a. M.

Projektdaten

Objekt: Palazzetto dello sport

Standort: Olgiate Olona/IT

Typologie: Multifunktionshalle

Bauherrin: Gemeinde Olgiate Olona

Nutzer: Progetto Ma.go

Architektur: Giulia de Appolonia - officina di architettura, Brescia/IT, www.deappolonia-arch.com

Team: Sara Donato, Chiara Galusi, Camilla Inverardi, Silvia Favini, Gabriele Rognoni, Antonella Trusgnach

Tragwerksplanung: F&M Ingegneria, www.fm-ingegneria.com

Bauleitung: Esteel s.r.l.

Bauzeit: 09.2019 – 03.2024

Zertifizierungen: Near Zero Energy Building

Grundstücksgröße: 12 080,79 m²

Grundfläche: 1 536,21 m²

Brutto-Grundfläche: 2 836 m²

Nutzfläche gesamt: 1 865,1 m²

Verkehrsfläche: 233,3 m²

Brutto-Rauminhalt: 12 159,87 m3

Baukosten gesamt: 2,04 Mio. €

Baukusten Hauptnutzfläche: 1 069,23 €/m²

Baukosten Brutto-Rauminhalt: 171,96 €/m³

Fachplanung

Tragwerksplanung: Ing. Stefano Santarossa, Ing. Gino Polverini
TGA-Planung: Ing. Stefano Santarossa

Elektro: Electric s.r.l., www.electricspa.it

Energie

Primärenergiebedarf: 523,47 kWh/m²a

Endenergiebedarf: 39,5 kWh/m²a

Jahresheizwärmebedarf: 161,27 kWh/m²a

Erneuerbare Energie: 290,70 kWh/m²

U-Werte Gebäudehülle:

Außenwand: U = 0,217 W/(m²K)

Polycarbonat: U = 0,38 W/(m²K)

Bodenplatte: U = 0,97 W/(m²K)

Dach: U = 0,18 W/(m²K)

Fenster: Uw = 1,4 W/(m²K)

Verglasung: Ug = 1,1 W/(m²K)

Hersteller

Dach: Elysium s.r.l., Ecofin Italia s.r.l.

Fassade (Polycarbonat): PolyPiù

Decke: Celenit

Möbel: Nuova Radar Coop Scrl

Boden: Mondo S.p.A. (Basketball-Feld), Royal Mosa

Fenster: METRA S.p.A.

Teleskoptribüne: Mason s.r.l.

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