Neue Studiengang-Programmatik: Civic Design

Angesichts zunehmenden Zweifelns, ob das, was theoretisch an Hochschulen gelernt wird, auch praxistauglich ist, ob also unsere Absolvent*innen im späteren Berufsleben handlungsfähig sind, verlagern Hochschulen ihren Ausbildungfokus immer häufiger auf die Felder des Machens: Reallabore oder Studio Labs sind Wege, die Theorie vom Kopf auf die Füße zu stellen. „Civic Design“ nennen wir das an der Düsseldorfer PBSA.

Der Entwicklung des Masterstudiengangs Civic Design an der Peter Behrens School of Arts (PBSA) gingen Zweifel voraus, ob die damals praktizierte Lehre in Innenarchitektur und Architektur die Studierenden ausreichend für die komplexen Herausforderungen ihres späteren Berufslebens vorbereitete. Wir stellten fest, dass Defizite im Verständnis größerer gesellschaftlicher, ökonomischer und räumlicher Zusammenhänge vorhanden waren, obwohl Architektur nur im Kontext zu verstehen und zu entwerfen ist. Wir kritisierten die verkürzte Wahrnehmung von Architektur als formal zu gestaltendem Objekt und wir sahen gleichzeitig die zunehmende Öffnung des architektonischen Diskurses für ökologische und gesellschaftliche Fragen.

Der früh gefundene Arbeitstitel Civic Design sollte den Zusammenhang von Gesellschaft und Raum in den Fokus rücken und das Programm sowohl von der Raumplanung als auch vom formalen Städtebau differenzieren. Es gelang uns nie, trotz aufrechten Bemühens, eine deutsche Übersetzung dafür zu finden; die mit dem englischen Namen des Programms verknüpfte Asso­ziation von Internationalität war aber auch von Anfang eine gern eingegangene Verpflichtung unserer Identität.

Ebenso prägend für den Studiengang ist unsere bemerkenswerte Lage in der größten Metropolregion Europas in unmittelbarer Nachbarschaft zu weiteren Metropolregionen im nahen Ausland. Der Gegenstand unserer Betrachtungen liegt direkt vor unserer Haustür. Wir sind umgegeben von proto­typischen Prozessen des urbanen Strukturwandels, sozialen Umwälzungen, Transformationen, Verdichtungen, von Schrumpfung und Wachstum. Die Zukunft, oder besser die Zukünfte, stehen dabei im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Die Transformation industrieller Stadtlandschaften in nachhaltige, enkeltaugliche, dem Klimawandel angepasste Siedlungsformen verlangt von unseren Absolvent:innen vielfältige Kompetenzen, eine wache transdisziplinäre Kombinationsfähigkeit und, nicht zuletzt, eine hohe Paradoxientoleranz.

Das sind keine einfachen Lernziele. Garantiert ist aber eine lebendige Auseinandersetzung sowohl mit kanonischen intellektuellen Konzepten als auch mit Phänomenen der Alltagskultur.

Nach einer anfänglichen Phase des Experimentierens bildete sich eine klare Struktur des programmatischen Studiengangs heraus. Unter der Hypothese des forschenden Entwerfens bildet das StudioLab den Kern der Lehre, es wird von vertiefenden theoretischen, technischen und formalen Seminaren begleitend umhüllt. Eingerahmt und informiert wird die Lehre von einer jährlichen Konferenz, deren Thema gleichzeitig das programmatisch/inhaltliche Gerüst des Studienjahrs ist.

Keine Regel ohne Ausnahmen; die mittlerweile konsequent praktizierte Synchronität von Programmthematik und Konferenzthema war zu Anfang fragil, ursprünglich war die Programmthematik für einen zweijährigen Rhythmus vorgesehen. Auch ließ sich die Konferenz durch Covid und andere Schwierigkeiten nicht immer jährlich ausrichten. Mittlerweile blicken wir auf eine solide Folge von Thematiken zurück und haben mit der Einführung des Elas-tische Stadt Sechsjahresplans auch einen Ausblick auf folgende Thematiken:

– Elastic City, Programmatic framework: 2025 – The Necessarily New;
2026 – Mutual Transfer; 2027 – Social Justice.

– Elastic City, Conference: 2025 – Real Simple; 2026 – The Necessarily New; 2027 – Mutual Transfer; 2028 – Social Justice.

Die Elastische Stadt

Städte, wie wir sie kennen, können so nicht überleben. Planung, wie wir sie bisher kannten, muss sich grundlegend ändern. Die Architektur muss sich neu erfinden. Eine Krise ist, wie bereits die alten Griechen verstanden haben, ebenso eine Herausforderung wie eine große Chance. Vor dem Hintergrund dieser Krise führt der Masterstudiengang Civic Design das Konzept der Elastischen Stadt als flexibles Instrument ein, um die städtische Umwelt und die Art und Weise, wie wir sie gestalten, umsetzen und verwalten, schrittweise zu überdenken. Städte waren trotz ihres steinernen Wesens schon immer von Natur aus elastische Organismen. Sie konnten entstehen, wachsen, gedeihen, explodieren, verfallen, schrumpfen, überleben und manchmal sterben, um oft wieder von vorne zu beginnen.

Trotz der immer weiter zunehmenden Ununterscheidbarkeit von ländlichen und städtischen Räumen sind Städte im klassischen Sinne die Orte, an denen Innovation stattfindet, an denen soziale Mobilität stattfindet und in denen der Großteil der Menschheit lebt. Gleichzeitig sind wir der festen Überzeugung, dass diese Elastizität der Städte, diese ihnen innewohnende Widerstandsfähigkeit, besser verstanden und umgesetzt werden muss, um ihre Existenz zukunftssicher zu machen und die Lebensqualität ihrer Bewohner:innen sowohl auf individueller als auch auf gemeinschaftlicher Ebene zu verbessern.

Endlich dringt die Existenz des menschengemachten Umweltwandels in das Bewusstsein breiter Teile der Weltbevölkerung ein. Paradigmen der Architektur und Stadtplanung verschieben sich dramatisch hin zu einer Anerkennung der Umweltauswirkungen der bebauten Welt, der Grenzen des Wachstums und der Folgen menschlicher Besiedlung. Städte und Regionen müssen sich weiterentwickeln, um weniger Energie zu verbrauchen, selbst Energie zu produzieren, mit Wasserknappheit – oder Überfluss – und Wasserverschmutzung umzugehen, die Abfallmenge zu minimieren und angemessen zu entsorgen, die benötigten Lebensmittel und Güter zu produzieren und zu verarbeiten, die biologische Vielfalt zu fördern und so weiter und so fort. Die soziale Krise muss angegangen werden und Städte müssen sich wandeln, um mit einer sich rasch verändernden Gesellschaft fertig zu werden, in der Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, kultureller Hintergrund und Lebensstil ständig und notwendigerweise neu gedacht und neu definiert werden. Eine wirtschaftliche und produktive Krise ist mehr als offensichtlich. Städte und Regionen müssen sich neu erfinden, um auf massive Inflation, Arbeitsplatzverlust, Gig-Economy, Homeoffice, künstliche Intelligenz, Automatisierung, die Fragilität globaler Produktionsketten, die Post-Marktwirtschaft usw. zu reagieren. Der Druck ist enorm; schnelles, aber überlegtes Handeln ist erforderlich.

Das notwendigerweise Neue

Heutzutage herrscht im alten Europa – zumindest unter Architekt:innen – allgemeiner Konsens darüber, dass der Bau neuer Gebäude so weit wie möglich eingeschränkt, wenn nicht sogar ganz verboten werden sollte. Die gesamte kritische und technische Forschung wird neu ausgerichtet auf die Erhaltung und Umgestaltung des Bestehenden. Infolgedessen beginnen Teile der öffentlichen Verwaltung, einige Bauträger und die breite Öffentlichkeit, diesen radikalen Ansatz zunehmend zu übernehmen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, wie schon ein kurzer Blick auf die Emissionsdaten für den Bausektor bestätigt. Und so ist es nun einmal: Abrissstopp und Neubauverbot lautet das neue Mantra der Architektur.

Wie immer ist die Realität differenzierter, es sei denn, man betrachtet sie aus der Perspektive eines Fundamentalisten. Ja, wir sind uns alle einig, dass Planung auf der grünen Wiese eine schreckliche Idee ist, obwohl sie immer noch von vermeintlich vernünftigen Verwaltungen praktiziert wird; ja, wir sind uns alle einig, dass die Zerstörungen in den herrschenden Kriegen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind. Dennoch gibt es viele Situationen, in denen wirklich neue Gebäude immer noch die richtige Lösung sein können, und zwar nicht unbedingt aufgrund einer tiefen Nostalgie für die unendlichen Möglichkeiten, die die Industrialisierung und Urbanisierung der Disziplin im Laufe von fast zwei Jahrhunderten geboten haben.

Denken wir zum Beispiel an Verdichtung und überlegen, wie eine ernsthafte Bewältigung der Wohnungskrise in attraktiven Städten in ganz Europa dazu führen könnte, dass neue Gebäude zwischen die bestehenden platziert und vertikal erweitert werden, wodurch das Wohnungsangebot ohne Ausweitung der städtischen Gebiete erhöht und die damit verbundenen Umweltkosten vermieden werden. Oder denken wir an die ganz spezifischen Anforderungen bestimmter Industriezweige, wie an die platzintensive Produktion riesiger Windkraftanlagen, an notwendige Speicherkraftwerke oder an gar ganz neue Technologien zur nicht-fossilen Energiegewinnung. Denken wir auch an die Transformation von Industriebrachen, für den Fall, dass nichts mehr zu retten ist – nicht einmal die Strukturen – und eine völlig neue Architektur entwickelt werden muss, wobei die bereits vorhandenen Rohstoffe wiederverwendet und wiederaufbereitet werden.

Auch der Blick über den Tellerrand Europas führt zu der Erkenntnis, dass die enorme Urbanisierung im globalen Süden und in Fernost nicht ohne neue Infrastrukturen und Gebäude auskommen kann. Mit der Thematik des Notwendigerweise Neuen versuchen wir, den Blick unserer Studierenden und der Teilnehmenden unserer Civic Design Konferenz „Necessarily New“ am 24. April 2026 für die Vielschichtigkeit der Herausforderungen unserer Gegenwart zu schärfen.

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