Müssen wir eigentlich immer mehr
In vielen Bereichen wird das Bauen als mächtiger Hebel angesehen in der Arbeit an CO2-Reduktion, Ressourcenschonung, auch zur Befeuerung von Innovation. Die Wirkmacht liegt schlicht im massiven Materialge- und -verbrauch. Dazu kommt ein anhaltend steigender Flächenkonsum, der aktuell bei 51 ha liegt, täglich. „Wachstum“ ist in Krisenzeiten parteienübergreifendes Credo. Aber geht das eigentlich physikalisch und schon gar mit Nachhaltigkeit zusammen?
Wollten wir es ernst nehmen, hätten wir das Dilemma gleich vor Augen: Wenn wir ohne Wachstum nicht friedlich, glücklich und gesund überleben können, was machen wir, wenn wir ausgewachsen sind? Oder anders: Was kommt eigentlich nach dem Wachsen? Denn mehr als ist (unsere Erde), ist nicht (außer Energie). Würde man alle Dinge, die die Menschheit jemals produziert hat – ohne Abfälle – in einen Würfel packen, hätte der eine Kantenlänge von gut 3 000 km und hätte das Potenzial, die durchs All kreisende Erde aus ihrer Bahn zu lenken.
Letzteres wird nicht geschehen, unsere Produktewelt ist einigermaßen gleichmäßig verteilt. Gleichmäßig, aber nicht unbedingt gerecht, denn das meiste liegt – vielfach aus Ländern (häufig ehemalige Kolonien) der Südhalbkugel herbeigeschafft – auf der Nordhalbkugel (im Ausgleich wandern Abfall und Reste wieder in den Süden zurück). Die Materialströme, global betrachtet, haben sich volumenmäßig seit 1970 (bis 2023) vervierfacht, wobei der Großteil der Wertschöpfung in den konsumierenden Industrieländern bleibt. Die negativen (ökologischen und sozialen) Folgen dieses Rohstoffhandels treten überproportional in den Herkunftsländern auf.
Interessanterweise fällt der rasante Anstieg der globalen Materialströme (überwiegend Gas und Öl sowie Grundstoffe für die Bauindustrie) mit der Entstehung einer globalen Bewegung zusammen: „Degrowth“. Der widmet sich eine Publikation bei De Gruyter und ist Auslöser dieses Beitrags. Das Autorinnenkollektiv des „De Gruy-ter Handbook of Degrowth“ aus dem Jahr 2024 – in der Reihe „Handbooks in Business, Economics and Finance“ – hat sich, dem hohen wissenschaftlichen Anspruch der Reihe entsprechend, „Degrowth“ auf allen Ebenen angenommen. Das sind im Wesentlichen die ökonomische, gesellschaftlich kulturelle, die politische und stadt- wie raumplanerische Ebene. Auch der ideologische Aspekt spielt eine Rolle, „Degrowth“ steht immer und sofort unter dem Verdacht radikaler Gesellschaftskritik, die ernsthaft ausschließlich von den politischen Rändern her geführt werde. Dass sich das Autorinnenkollektiv zumeist auf kapitalismuskritische Positionen stützt, deutet an, dass Wachstum und Kapitalvermehrung existenziell zusammenhängen. Dass von letzterer nur noch sehr wenige profitieren, zeigt, dass etwas schiefläuft mit dem Wachstum.
Kaffeetrinken und weniger Bauen?
Wachsen kann nur, was gefüttert wird. Das Futter sind im überwiegenden Maße Stoffe, die zumeist aus dem Boden geholt und umgewandelt werden. Förderung, Transport, Umwandlung und Verbrauch sind derart gestiegen, dass die Menschheit schom am 11. Mai der Erde so viel Ressourcen entnommen hat, dass Ende 2026 ca. 1,8 Erdenstoffpotentiale verbraucht sind. Die erdöl-exportierenden Länder wie Katar, Kuwait, Bahrain oder Saudi-Arabien hatten ihr Jahres-Budget bereits im Februar überschritten. Honduras, Ecuador, Nicaragua oder Guatemala würden hier gut dastehen, glaubten sie nicht, massiv Kaffee anbauen zu müssen, für den Export. Nun gehört Kaffee nicht zu den Stoffen, mit denen das internationale Baugeschäft in Verbindung zu bringen wäre, gäbe es nicht eine Parallelität: die Expansion. Oder eben: immer mehr von eben allem, insbesondere auch der Überproduktion (bei Lebensmitteln liegt die in Deutschland bei rund 30 Prozent; die Bauwirtschaft kann das, mit Blick auf die Abfälle, noch überbieten).
Erwartbar ist die Reaktion (in Deutschland) auf das Problem des „Zuviel“ und des damit verbundenen und also ebenfalls wachsenden „Zuwenig“ (Sand, Kies etc.): Das Technologieland setzt auf Technologie. In diesem Fall ist das der Rückgriff auf eine uralte und einfache Kulturtechnik: das Kreislaufwirtschaften. Verfechter dieser Wirtschaftsweise argumentieren (mit Recht), dass ein geschlossener Stoffkreislauf den Ressourcenverbrauch (Material, nicht Energie) gegen Null führt und wir damit das Materialverbrauchsthema mit all seinen Nebeneffekten befriedigend beantwortet hätten. Theoretisch ja, nur muss unsere auf Verbrauch ausgerichtete Wachstums-ökonomie zunächst einmal mit „kreislauffähigem“ Material angereichert werden. Der Prozess dieser Anreicherung wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Wir werden weiterhin unsere längst angeschlagenen Ökosysteme fahrlässig blind umbauen.
Kreislaufwirtschaften? Auch!
Ganz sicher sollte das Kreislaufwirtschaften heute noch starten. Um aber Effekte zu erzeugen, die morgen wirksam werden, brauchen wir die Schrumpfung (jetzt ist es geschrieben, das hässliche Wort). Die wird – so die Autorinnen – durch eine Entkopplung von Produktion und Konsumzwang erreicht, von solidarischen, regional organisierten Netzwerken, von einer sektionalen Tauschwirtschaft, von einem fördernden wie fordernden Steuersystem, das auf Gleichheit in den Lebensbedingungen zielt, von Entschleunigung, mehr Handwerk, weniger Industrie, neuen Mobilitätsmodellen und Wohnen, das einfacher wird und trotzdem nichts mit einem Hausen in Erdlöchern zu tun hat, wie nicht selten, auch von Architektinnenseite, kolportiert wird.
Wer das alles zahlen soll? Wir alle. Nicht unbedingt mit unseren Steuergeldern, auf deren konkrete Verwendung wir alle viel zu wenig Einfluss haben. Worin sich die Autorinnen der Publikation einig sind: Es gibt nicht nur ein paar Wege, Degrowth Realität werden zu lassen. Dass wir (auf der Nordhalbkugel) mehr haben, als wir brauchen, um gut leben zu können, müsste offenbar sein. Warum wir so wenig darüber schreiben und sprechen, kann vermutet werden. Bauen mit weniger, weniger bauen, kleiner, aber feiner, gemeinschaftlicher sowieso, das Bauen nicht nur als Altersvorsorge (Invest) anschauen, sondern als eine Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, das wäre doch etwas. Es würde die menschengemachten Systeme entlasten und sehr umfassend uns. Benedikt Kraft/DBZ
