Liebe Leserinnen und Leser,
ohne Tragwerk kein Haus, keine Brücke, keine U-Bahn und keine Gewerbehalle. Und schon gar keine Sporthalle, deren Tragwerk nicht selten programmatisch dafür steht, was seine Kraftfelder generieren: eine durch Spielregeln und Traditionen kuratierte Dynamik!
Unter Planerinnen bekannte Sportbauten spielen häufig mit Extremen, mit unwahrscheinlichen Auskragungen, nichtendenwollenden Diagonalen. Bewegliche Dächer und steil ragende Ränge gehören dazu und natürlich Namen: Pier Luigi Nervi, Frei Otto, Schlaich Bergermann Partner oder Arup, die hier vielleicht einflussreichste Ingenieurfirma der Welt. Mit Arup, Frankfurt a. M., trafen wir uns, mit Myriam Braun und Rudi Scheuermann, und diskutierten über Bilder von Räumen, auf die selbst die Fachleute mit Fragezeichen in den Augen schauen: Wie kann das im Gleichgewicht gehalten sein? Andererseits wurden Projekte, die die Redaktion für mehr als nur spektakulär erachtet hatte, schnell aus der Diskussion genommen: zu viel Show, zu viel Gewolltes, zu wenig Erfahrung.
Erfahrung, so Arup, spiele in Zeiten wie diesen eine extrem wichtige Rolle. Zwar sei mittlerweile so gut wie alles zu konstruieren, weil es mit ausgefuchsten Programmen auf schnell-sten Rechnern zu rechnen und damit zu bauen sei. Doch längst sei der Berufsstand der Tragwerksplaner hier weiter. Nicht nur, dass man sich vom Höher und Schneller und Weiter verabschiedet habe als verantwortlich denkender Ingenieur, auch die scheinbare Perfektion gerechneter Tragwerke sei ebenso zu hinterfragen. Material- aber eben auch Fertigungsaufwände könnten ein gerechnetes Design in eine Sackgasse laufen lassen, funktional und nicht zuletzt ökonomisch (von Ökologie nicht zu sprechen).
Dass Erfahrung also nötig ist, diese aber nicht ausbremsen muss, sondern im Gegenteil Innovation erzeuge, zeigen die mit Arup ausgewählten Sportbauten in Italien, Frankreich und Deutschland. Sowohl maßstäblich wie auch material- und baudetailbezogen decken diese Sportbauten ein Spektrum ab, das sehr gut das zeigt, was augenblicklich möglich ist: Materialeffizienz, Materialkombination, Erschließungs- und Raumdispositionen im Tragwerk, das auch schon mal genau das vorgibt und den Räumen und Funktionen folgt.
Dass die FIFA ihr Mega-Sportevent zum Erscheinen unseres Heftes geplant hat, ist dankenswert, – ob sich daraus eine zukunftsweisende Zusammenarbeit entwickelt, die weniger auf Effizienz und mehr auf Effekte schaut, bleibt abzuwarten. Wir Fans sind hier schon mal weiter; FIFA-Präsidium und Funktionäre sollten einmal schauen und: dazulernen!
Seien Sie herzlich gegrüßt, bleiben Sie beweglich,
Ihr
Benedikt Kraft
