Die vorkanonische Villa

Landhaus Radebeul, Radebeul

Im sächsischen Radebeul hat das Büro summacumfemmer ein historisches Landhaus überformt und dabei bewusst gegen einige ungeschriebene Regeln in der Bestands­ertüchtigung verstoßen. Herausgekommen ist eine Architektur mit dem gewissen Quäntchen „Was-wäre-wenn?“, das Platz für neue Ideen schafft.

Villen sind nicht unbedingt das, was man in einer DBZ-Ausgabe zum Thema Wohnen erwarten würde. Und das hat einen Grund: Es mangelt ihnen zumeist am Wiederholbaren, an dem, was für andere Architekturschaffende für ihre eigene Praxis interessant sein könnte. Zu individuell die Vorstellungen der Bauherrschaft, zu hoch der Preis, mit dem die individuellen Wünsche oft erst realisierbar werden. Bei dem Projekt Haus Radebeul liegen die Dinge jedoch etwas anders. In diesem kleinen Häuschen gibt es mehr zu entdecken, als auf dem ersten Blick zu erwarten ist, auch wenn das meiste sehr vertraut wirkt – und gleichzeitig ein wenig fremd. Haus Radebeul lässt uns im Unklaren darüber, was historische Substanz und was moderner Zubau ist – und lädt damit zur Debatte ein.

Denn klar ist hierzulande nur eins: Dass es bei der Bestands-ertüchtigung oft um die Ehre geht. Minimalinvasiv fordern die einen und verweisen auf die verheerende Klimabilanz im Bauwesen. Möglichst nah dran am Original fordern die andern, weil früher einfach alles schöner war. Wieder andere trennen klar Alt von Neu, fordern historische Transparenz.

Mehr Möglichkeiten für den Bestand

„Für uns gibt es nicht die eine Antwort, wie man am besten mit dem Bestand umgeht“, sagt Florian Summa, ein Teil vom summacumfemmer aus Leipzig, die bei der Sanierung des alten Landhauses in Radebeul zur Villa mit Stilanklängen der Arts und Craft Bewegung und Postmoderne eine eigene Fortschreibung der Substanz gewagt haben. „Gegenwartsthemen wie Kreislauffähigkeit und Co2-Reduktion laufen bei uns immer mit. Aber als Architekt*innen streben wir natürlich einen starken Entwurf an, der sich im Falle eines Bestandsbaus eben auch aus der Weitererzählung der jeweiligen Baualtersklasse ergeben kann.“

Eine „Was-wäre-wenn“-Architektur, die den historischen Kontext als Baukasten für alternative zeitgeschichtliche Realisierungen nutzt. Dafür schien das Radebeuler Objekt ideal. „Wir waren bereits in die Suche und die Auswahl der Immobilie eingebunden, da die Bauherrschaft zugleich die Eltern meiner Partnerin Anne Femmer sind“, erläutert Florian Summa. Von Beginn an sei deshalb klar gewesen, dass die Immobilie viel Spielraum für eigene Ideen bieten sollte, dass aber, trotz geplanter Eigenleistung der Bauherren, keine Bastellösung gewünscht war, sondern ein übergreifender Entwurf, der Alt und Neu zusammenführt. Zeitschichten verwischen, anstatt sie zu konservieren, kontrastieren oder zu ignorieren. Ist das erlaubt?

Ein gestutzter Vogel

Der Denkmalschutz sagt Ja. Nur das auskragende Walmdach, das bereits zu DDR-Zeiten entfernt wurde, war behördlicherseits gewünscht. Denn das Objekt liegt an einem Weinberg, der insgesamt einen gewissen Ensembleschutz genießt. Dass die Architekten darunter an einer Fassade einen weiteren Doppelgiebel hinzufügten, dagegen hatte das Amt nichts einzuwenden. Auch dass die plump hinzugebaute Eingangssituation nicht wieder in die ursprüngliche Veranda, sondern in ein Erkerzimmer gewandelt wurde, auch dagegen gab es keine Einwände. Insgesamt: Was soll daran, dass sich Bauherren und Architekten einen Zustand wünschten, der so auch vor 100 Jahren hätte entstehen können, weniger plausibel sein als die Plastikrahmen-bewehrten Wintergärten in der Nachbarschaft?

Der „gestutzte Vogel“, wie Florian Summa das damals stark sanierungsbedürftige Landhaus nannte, konnte nur gewinnen. „Um Licht für den Innenraum zu gewinnen, ergänzten wir die ursprüngliche Lochfassade um weitere Fensteröffnungen, die wir zum Teil auch über Eck führten. Am auffälligsten ist jedoch die fast gebäudehoch verglaste Fassade des neuen Erkers, die eben manche an englische Landhäuser der Arts und Crafts Bewegung erinnert.“ Die Herleitung für die Ausgestaltung mit vielen kleinen Sprossenfenstern sei ganz einfach, schließlich habe man damals, anders als heute, keine durchgängigen Fenster in diesem Format fertigen können. Ein Panorama­fenster wäre also sofort als Zubau identifizierbar gewesen und hätte so die gewünschte Ästhetik gestört. „Wir aber wollten das Moderne im Sinne des Alten entwickeln, so dass die Lösung nah lag und sich auch im Innenraum an den neu gestalteten Übergängen zwischen den Räumen wiederfindet.“

Hier findet sich auch der zweite, für das Wohngefühl entscheidende Eingriff in die Substanz: Anstatt über eine zentrale Erschließung mit einem Flur und Treppenaufgang betritt man die verschiedenen Räume nun entlang der Fassade. Die Treppe selbst blieb erhalten, lässt sich aber jetzt per Tür von der Küche und dem neu entstandenen Bad trennen, das Teile des alten Flurs einnimmt. Den anderen Teil nimmt die Küche ein, die bis in den Erker auskragt. So sind individuelle Räume mit Charakter entstanden, die den Vorstellungen der Bauherren entsprechen. Eine Villa ist am Ende dann eben doch eine Villa.

Aneignung nach eigenem Geschmack

Allerdings liegt auch darin ein Twist dieses Projekts. Denn es zeigt, dass auch der als schwierig geltende Bestand in der Lage sein kann, höchst individuelle Wohnwünsche zu befriedigen, ohne eine Spur von Rohbauästhetik, offen verlegten Leitungen und Anschlussgebastel an den Bestand. Dagegen mit viel Mut zum Übertünchen der Bruchstellen mit Farbe: Die rot geölten, historischen Dielen schließen an neue, rot gefärbte Zementfliesen an. Eine Lattung, die ursprünglich nur am Giebel vorhanden war, zieht sich nun auch über den Zubau und klammert so die Zeitschichten. Im Obergeschoss ist in Verbindung mit dem neuen Dach eine Lösung als stützenfreier Raum mit wuchtigem Kreuzträger möglich geworden, der ein modernes, fließendes Raumgefühl mit historischen Raumkanten verbindet.

Die reine Lehre ist das nicht. Dafür ein Beitrag zu einer Typologie, die bislang oft hinter Wärmedämm-Verbundsystemen verschwindet und so Baukultur verschwinden lässt.

„Es steckt natürlich eine kleine Provokation in dem Entwurf, mit der wir allerdings weniger polarisieren, als das Spektrum des Kanons wieder öffnen möchten“, sagt Florian Summa. Zumal es in anderen Ländern üblich sei, jenseits der Denkmalpflege mit historischen Zitaten zu spielen. „Bevor sich zum Beispiel die Formensprache der Moderne herausgebildet hat, die heute ja meist nur noch als lauer, effizienzoptimierter Abklatsch praktiziert wird, gab es eine ganze Reihe konkurrierender und koexistierender Stile, die schließlich zu unterschiedlichen Anteilen in den Kanon eingeflossen sind. In gewisser Weise möchten wir dieses Spektrum wieder aufschlüsseln und als Inspirationsquelle zugänglich machen und nicht einfach den besitzstandswahrenden Dinosauriern überlassen.“ Grundsätzlich ein Prozess, der sich auch für andere, notorisch ungeliebte Baualtersklassen, wie die 1950er- oder 1980er-Jahre, anbiete.

Angemessenheit statt Kanontreue

„Hätten Anne und ich das Gebäude für uns selbst entwickelt, hätten wir vermutlich einen weniger invasiven Ansatz genutzt. Aber einfach nur die historische Fassade zu rekonstruieren, hätte uns sicher nicht gereizt“, sagt Florian Summa. Bei jedem Projekt kämen immer wieder neue Faktoren hinzu, die den Ausschlag für die eine oder andere Umsetzung geben. „Das Ziel ist es doch, den Bestand zu aktivieren. Und wenn dabei ab und zu etwas entsteht, was wir selbst als Beitrag zur Baukultur verstehen, dann freut uns das natürlich sehr. Das heißt aber nicht, dass wir beim nächsten Projekt wieder zu den gleichen Lösungen greifen.“

Villen, Baukultur und der Wunsch nach hochindividuellen Wohnlandschaften gehören jedenfalls mit zur Problem­stellung, wenn man es mit der Bestandspflege ernst meint. Nach der gleichen Logik könnten zum Beispiel epochen­gerechte, filigrane Stahlloggien die Attraktivität von tages­lichunterversorgten Mietskasernen aus den 1960ern steigern. Allerdings braucht es dafür eine Bauherrenschaft, die bereit ist, für ästhetische Statements Geld in die Hand zu nehmen.

⇥Jan Ahrenberg/DBZ

Ein Projekt, das den Bestand mit maximaler Gestaltung neu interpretiert und verändert, ohne die Identität des Hauses aufzugeben oder seine Geschichte banal weiterzuerzählen: Hier wurde ein großer Reichtum an Vielfalt geschaffen.«
DBZ-Heftpartner Meier Unger Architekten, Leipzig

Projektdaten

Projektname: Umbau und Sanierung Landhaus Radebeul

Architektur: SUMMACUMFEMMER Architekt*innen, Leipzig,
www.summacumfemmer.com

Team: Anne Femmer, Florian Summa, Felix Schaller

Standort: Radebeul

Bauherr: Familie R. & F.

Nutzer: Familie R. & F.

Bauleitung: SUMMACUMFEMMER Architekt*innen

Bauzeit: 11.2020 - 01.2024

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